24 März 2010, 13:09
Zölibat? Komisch. Weg damit!
 
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Hans Conrad Zander revisited: Wider die Denunziation der ehelosen Keuschheit im antikatholischen Kulturkampf. Ein Kommentar von Andreas Püttmann.

Bonn (kath.net) "Mehrheit der Deutschen für die Abschaffung des Zölibats", meldete die ARD via „Deutschlandtrend“ vor einigen Tagen der Nation. In dieser Woche gebe es „eigentlich nur ein Thema, das uns wirklich alle sehr schockiert“, weiß der Moderator des TV-Morgenmagazins ganz genau, und „das sind natürlich die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche, auffällig häufig eben dort“.

Dass Kriminalstatistiker den Täteranteil katholischer Geistlicher bei etwa einem Promille sehen, interessiert nicht in der monomanischen Massenaufgeregtheit von „uns allen“, die „nur ein Thema“ umtreibt. Hauptsache, „wir“ sind uns einig, wer die Schuldigen sind und wieso sie schuldig werden mussten: Der Zölibat gebiert eben Kinderschänder.

Nicht einmal die Hohepriesterin feministischer Kirchenkritik, Alice Schwarzer, die im ZDF bekennt, „überhaupt nicht“ an eine Kausalität zwischen priesterlicher Ehelosigkeit und Pädophilie zu glauben, vermag der epidemischen Ausbreitung des vulgärpsychologischen Deutungsmusters Einhalt zu gebieten: Sexualität gehört „ausgelebt“, und wen man daran hindert, der vergreift sich schließlich an Kindern – jedenfalls wenn er katholisch ist.

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Das offenkundig unzureichend und verzerrt informierte, aber umso effektiver verhetzte Volk optiert eindeutig: 87 Prozent beantworten die suggestive ARD-Frage: „Ist das Zölibat-Gebot für das Priesteramt heute noch sinnvoll?“ mit „Nein“.

„In der Hackordnung der öffentlichen Wertschätzung stehen wir inzwischen, in den Medien täglich erfahrbar, so tief, dass unter uns niemand mehr kommt außer Hare Krishna und Scientology“, schrieb der „Stern“- und Hörfunk-Autor Hans Conrad Zander schon Mitte der 90er Jahre über die katholische Kirche.

Jetzt liest sich sein „Schwarzbuch“ über „Zehn Argumente für den Zölibat“ wie ein tagesaktueller Kommentar. Täglich liefern Medienbeiträge neues Anschauungsmaterial für seine sarkastischen Thesen: „Wir sind ,kognitiv minoritär’ geworden. So komisch sind wir wie zuvor die Juden. Mehrheiten sind nämlich dumm.

Die kognitive Majorität ist genauso dumm, wie wir es waren, als wir, damals im Mittelalter, die kognitive Majorität waren. Aber sie merkt das nicht. Wir haben das damals auch nicht gemerkt. Es kennzeichnet ja die Mehrheit – und es macht sie dumm –, dass sie sich selber nicht in Frage stellt.

Weil sie die kognitive Macht hat, ist sie zugleich dumm und selbstbewusst. An ihren eigenen Begriffen misst sie, souverän und selbstverständlich, die kognitiven Minoritäten, zum Beispiel heute die katholische Kirche.“ Und an diesem bornierten Maßstab kann die ehelose Keuschheit nur als Torheit und Ärgernis scheitern.

Es hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes, wenn sich so viele Menschen über die Lebensform so weniger anderer Menschen ereifern. Und wenn der Ort, an dem Kinder unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen noch vergleichsweise am sichersten sein dürften – in kirchlichen Einrichtungen und Gruppen – plötzlich zum Ort ihrer größtmöglichen Gefährdung stilisiert wird, zu einem Sumpf von Missbrauch und Misshandlung.

Die Diskussion über die Perversion Kindesmissbrauch hat längst selbst pervertierende Züge angenommen. Zu diesen gehört auch, dass ausgerechnet eine Beirätin der „Humanistischen Union“ sich in die Pose der Anwältin von Pädophilen-Opfern wirft, und eine Justizministerin den Volkszorn gegen die Kirche schürt und fordert, sie der Sonderbehandlung eines „Runden Tisches“ zuzuführen, damit sie am Pranger stehe und finanziell blute.

Schon tauchen erste Berichte auf von Priestern, die in der Öffentlichkeit angespuckt wurden, und ein TV-Sender scheut sich nicht, in seiner Straßenumfrage auch einen Passanten zu Wort kommen zu lassen, der die Täter „an die Wand gestellt“ oder ihre „Rübe ab“ sehen will. Die Decke der Zivilisation ist eben doch dünner als allgemein angenommen.

Was aber bewegt Katholiken selbst dazu, in diesem Kulturkampf gegen ihre Konfession auf der Seite der Kirchengegner mitzustreiten? Wie dumm müssen Kirchenfunktionäre sein, die meinen, jetzt eine Debatte über den Zölibat führen zu müssen, aber zugleich treuherzig beteuern zu können, dieser habe nichts mit dem Missbrauch zu tun?

Nach Hans Conrad Zanders sozialpsychologischem Modell misst sich die kognitive Minderheit, „angstvoll und verkrampft, nicht an den eigenen Maßstäben, sondern an den Maßstäben der Majorität. So unterliegt sie, fremdbetrachtet, fremdbewertet, den Gesetzen des Zerrspiegels und wirkt, auch auf sich selber, notwendig komisch.“

Je tiefer sie absinke in die kognitive Minorität, „desto mehr gerät unsere Kirche in eine spastische Bewegung. Angstvoll starrend auf das, was die Welt, was die kognitive Mehrheit von ihr hält, versucht sie abwechselnd, sich in ihre abseitig und komisch gewordene Identität trotzig einzubunkern, dann wieder versucht sie, ihrer Komik zu entfliehen, indem sie sich, mit enormem theologischem Wortgeklingel, ,liberalisiert’“.

Konkret: Auf der einen Seite übt sich die katholische Betonbunker-Fraktion in trotziger Apologie und bestreitet systemrelevante Fehler beim jahrzehntelangen unzulänglichen Umgang mit Missbrauchsfällen; dabei hätten viele „Einzelfälle“ so nicht passieren können, wenn in der Kirche nicht ein systemischer Ungeist von Verdrängung und Verleugnung geherrscht hätte, dem der Schutz der Institution und das Ansehen des Priesterstandes wichtiger war als der Schutz der Opfer.

Es ist schon eine Ironie, dass ausgerechnet die in der Krise klarste Fürsprecherin der katholischen Kirche im Bundeskabinett, die evangelische Familienministerin Kristina Schröder, schon bei ihrem Amtsantritt von katholischen Ultras dumm angerempelt wurde, weil sie noch nicht verheiratet (aber verlobt) war und sich angeblich „selbst weder politisch noch persönlich mit Ehe und Familie befasst“ habe (AEK-Presseerklärung, 30.11.2010).

Auf der anderen Seite befleißigt sich die notorisch Rom-verdrossene deutsch-katholische Anpasserpartei auch jetzt wieder jenes Verhaltens, das Hans Conrad Zander mit einem Vergleich aus dem Tierreich karikiert: „Wie eine Eidechse auf der Flucht vor einem Mächtigeren plötzlich ihren Schwanz fallen lässt, so ließen wir jetzt alle jene Teile unseres komisch gewordenen Erscheinungsbildes, die uns zuvor unentbehrlich schienen, plötzlich fallen:

Latein? Komisch, weg damit. Der Teufel? Komisch, weg damit. Weihrauch? Komisch, weg damit. Beichtstuhl? Komisch, weg damit. Rosenkranz? Komisch, weg damit. Kreuzweg? Komisch, weg damit. Thomas von Aquin? Komisch, weg damit. Kutten und Soutanen? Alles komisch, weg damit. Die Gregorianik? Ganzganz komisch, sofort weg damit.

Und nachdem wir so viel Komik so übereilig abgeschafft haben, wundern wir uns maßlos darüber, dass die Welt uns nicht nur unverändert komisch findet, sondern sogar, eindeutig, noch komischer als zuvor. Woran könnte das liegen? Nur an einem: Noch haben wir das Allerkomischste nicht abgeschafft. Noch haben wir den Zölibat. Den müssen wir abschaffen. Ganzganz schnell. Dann, ja dann, sind wir endgültig raus aus unserer unerträglichen Komik“.

Und so findet sich der Normalkatholik als „Weltkind in der Mitten“ mit seiner Achtung vor der zölibatären Lebensform im Zweifel an Alice Schwarzers Seite wieder: Die meint, gegen das Massenphänomen Missbrauch „müsste man eine Haltung in der Gesellschaft haben und eine Moral“ und nimmt „die Menschen, Männer oder Frauen, die sich in der Tat nicht für Sexualität interessieren“ – genauer gesagt: die dieses Interesse einem anderen Lebensziel unterordnen können – in Schutz: „In unserer völlig hochgeheizten Gesellschaft kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Ich respektiere das durchaus“.

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