20 März 2010, 10:22
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Der vielleicht bezauberndste Heilige der katholischen Welt - von Barbara Wenz.

Rom (www.kath.net/ Vatican-Magazin)
Überstrahlt vom Glanz und der Bedeutung des nahe gelegenen Loreto hütet das ehemals römische Festungsstädtchen Osimo seinen eigenen kleinen Schatz. Schon von weitem grüßt die lustige Wetterfahne der Basilika San Guiseppe da Copertino mit der Silhouette eines fliegenden Klosterbruders. Hier befindet sich die Grabstätte eines der außergewöhnlichsten Heiligen der katholischen Kirche: Im Franziskanerkonvent von Osimo verbrachte der heilige Joseph von Copertino seine letzten Lebensjahre.

Ein echter „poverello“, ein zweiter Franziskus sei er gewesen, der bescheidene Giuseppe, der in einem Stall in Copertino, am Absatz des italienischen Stiefels zur Welt kam. Unzählige Wundertaten und Krankenheilungen erzählt man sich von ihm: Nicht nur dass er es regnen lassen konnte, dass er Brot und Honig oder Messkerzen vermehrte - sogar eine komplette, vom Hagel erschlagene Schafherde hat er einmal vom Tode auferweckt.

Doch das allergrößte Wunder ereignete sich am 4. Oktober 1630, dem Festtag des heiligen Franziskus von Assisi. Joseph war noch keine dreißig Jahre alt zu diesem Zeitpunkt, und seine geistliche Laufbahn hatte er unter allergrößten Schwierigkeiten und Widerständen angetreten. An diesem Tag geschah es zum ersten Mal, dass Pater Joseph in die Luft ging. Eben war er der Festtags-Prozession noch vorangeschritten, nun schwebte er in Ekstase über den Köpfen der Menge hin. Wie man sich leicht vorstellen kann, gerieten die Zuschauer völlig außer sich. Das Geschrei muss ohrenbetäubend gewesen sein: Einige staunten, einige weinten und schrien, wieder andere bekannten lauthals ihre Sünden.

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Joseph aber erschreckte sich derart, dass er Zuflucht zur Madonna von Grottella nahm, einem winzigen Wallfahrtskirchlein in der Nähe. Alles Verstecken half nicht, die erstaunliche Fähigkeit Josephs machte die Runde wie ein Lauffeuer. Wenn der Pater die Messe zelebrierte, entstanden regelrechte Menschenaufläufe. Fiel er in Ekstase, so traktierten die Gaffer ihn gar mit Kerzenflammen und stachen ihn mit Nadeln. Natürlich konnte es so nicht lange weiter gehen. Am Ende erregte der arme Pater sogar die Aufmerksamkeit der Heiligen Inquisition, die ihn des „Messianismus“ verdächtigte und ein Verfahren gegen ihn anstrengte, das zwar mit einem Freispruch endete, ihn aber zwang seine Heimatgemeinde Copertino zu verlassen.

In wahren Nacht- und Nebelaktionen wurde Pater Joseph von Kloster zu Kloster verschickt - nirgendwo konnte er bleiben, der Andrang der Menschen störte jeden noch so sorgfältig organisierten Klosterbetrieb. Die Besucher wurden immer prominenter; zahlreiche Honoratioren, Botschafter, Grafen, Fürsten, Kardinäle und Könige haben unter Eid schriftlich bezeugt, dass Joseph in ihrer Anwesenheit abhob.

Den Ritter Baldassare Rossi heilte er gar vom Wahnsinn, als er ihn beim Haarschopf packte und ein Stück weit mit emportrug.

Wer den heiligen Mann in der Luft herumschwirren sah, bekehrte sich zumeist gleich an Ort und Stelle. Durchreisende deutsche Protestanten wie der Herzog von Braunschweig-Lüneburg nahmen den katholischen Glauben an. Nicht auszudenken, was in Deutschland los gewesen wäre, wenn ihn seine Ordensoberen nach dort geschickt hätten.

Dabei hatte rein gar nichts darauf hingedeutet, dass Giuseppe einmal solche Berühmtheit erlangen würde: Die Schule konnte er wegen eines Geschwürs an der Hüfte nicht zu Ende besuchen, die Mitschüler hänselten ihn und nannten ihn „bocca aperta“, weil er häufig mit sperrangelweit geöffnetem Mund vor sich hinträumte.

Bei dem Schuster, bei dem er in die Lehre gehen sollte, zeichnete er sich durch absolutes Ungeschick und völlige Zerstreutheit aus. Das erste Kloster, das ihn aufnehmen sollte, warf ihn hochkant wieder hinaus, weil er zu blöd war „schwarzes von weißem Brot zu unterscheiden“ und dazu noch ständig das Geschirr zerdepperte. Kurzum, Joseph war ein ausgemachter Dummkopf und ein echter Tölpel. Niemand wollte ihn haben, keiner konnte ihn brauchen. Nur mit der Hilfe seiner geistlichen Onkel gelang es, ein Kloster ausfindig zu machen, das ihn aufnehmen wollte. Die theologischen Studien, welche die Voraussetzung für seine Priesterweihe bildeten, konnte er kaum bewältigen. Obwohl er lernte wie ein Besessener, konnte er sich einfach nichts merken. Hinzu kam eine lähmende Prüfungsangst.

Für eine entscheidende Prüfung bereitete er die kürzeste Evangelienstelle vor, die das Messbuch vorsah: „Selig der Leib, der dich getragen hat“. In der Nacht zuvor schwitzte er Blut und Wasser und rief unablässig die Jungfrau Maria an, ihm beizustehen. Tatsächlich wurde er genau über diese Stelle befragt - die einzige, die er auswendig gelernt hatte, übersetzen und auslegen konnte.

Darum wird der heilige Joseph besonders von Examenskandidaten und allen, die eine Prüfung ablegen müssen, angerufen. So sind auch mehrere Vitrinen im Santuario angefüllt mit Kopien von Zeugnissen, Diplom- und Doktorarbeiten als Danksagung für die gewährte Hilfe. Und wenn in Italien die Abiturprüfungen anstehen, dann platzt das Gästebuch auf der Webseite des Santuarios aus allen Nähten. Nicht nur Schüler und Studenten bitten um Hilfe, auch deren Eltern und Verwandten wenden sich vertrauensvoll via Internet an den heiligen Joseph. Die Minoritenbrüder versprechen, in allen Anliegen zu beten und Fürbitte bei ihrem bezaubernden Heiligen einzulegen.

Doch wer kann, stattet unserem Giuseppe persönlich einen Besuch ab.
Durch die Sakristei mit ihrer prachtvollen Deckenbemalung geht es eine Treppe hinauf zu den drei Räumen, die Pater Joseph sechs Jahre lang bewohnte und in denen er schließlich starb. Alles liebevoll gepflegt und in Schuss gehalten von der Klostergemeinschaft. Sobald die Brüder bemerken, dass der pilgernde Besucher aus dem Ausland stammt, bieten sie an, die installierten Audioguides in Deutsch oder Englisch ablaufen zu lassen.

Das Bett eines Heiligen: Ein grob gefertigter Bretterverschlag mit einer schmalen Pritsche und einem Stück von dem Bärenfell, mit dem er sich zudeckte. An einer Wand dieses ärmlichen Alkovens hat Joseph noch ein einfaches Bild befestigt: ein Poster mit Totenkopf mit Königskrone.

In den beiden anderen Räumen finden sich private Gegenstände, Essschüsseln, Rosenkränze, die Feuerstelle, ein Altar, das Bild der Grottella-Maria mit dem Kind, das er besonders liebte.
Sein sehnlichster Wunsch, nämlich das Heilige Haus in Loreto zu besuchen, erfüllte sich nicht. Die Ordensoberen verlangten strikte Geheimhaltung über seine Anwesenheit.

Doch bei seiner Ankunft im Juli 1657 vor den Toren Osimos sah er über der Basilika von Loreto Engel auf- und niedersteigen und geriet bei diesem Anblick in eine solche Ekstase, dass er bis hinauf zum Giebel einer Scheune flog - zum heillosen Entsetzen der mitreisenden Brüder.

Bald ereigneten sich derart gehäuft Wunder in Osimo, dass die Anwesenheit Josephs nicht mehr verheimlicht werden konnte.
Zu einem dieser Wunder zählte auch die vorbildliche Umwandlung der bisher recht laxen Gemeinschaft in ein vorbildliches Kloster, erfüllt von religiösem Eifer und apostolischem Geist.

Aus der Bevölkerung wurden ständig neue Gebetsanliegen an die Gemeinschaft herangetragen, denn so konnte man sich in jedem Falle des Beistandes ihres prominentesten Mitgliedes sicher sein. Joseph heilte, sprach Prophezeiungen aus, hob immer wieder in Verzückung ab, tanzte mit einer Nachbildung des Jesuskindes in seinen Armen und sang vor Glück dabei.

Und er hatte bereits bei seiner Ankunft vorhergesehen, dass er den Konvent in Osimo nicht mehr verlassen würde.
Als er im September des Jahres 1663 nach einer monatelangen Krankheit im Kreise seiner Mitbrüder verstarb, erstrahlte sein Gesicht – es war kurz vor Mitternacht – als ob ein Sonnenstrahl es erleuchtete.

Acht Chorherren, acht Ritter und acht Ordensleute wechselten sich im Wache halten ab, um den Leichnam des Heiligen vor dem herandrängenden Volk – insbesondere aber vor Reliquienräubern zu schützen.
Wer bei einem Besuch in Loreto einen Abstecher nach Osimo zum heiligen Joseph macht, wird einem hinreißenden und äußerst lebendigem Heiligen begegnen. Einem Menschen, den erst niemand wollte und brauchen konnte, ein unnützer Träumer und ungeschickter Tölpel, bis Gott kam und ihn mit Beschlag belegte.

Der sich so total von Gott vereinnahmen ließ, dass er regelmäßig vor Entzücken den Boden unter den Füßen verlor.
Lange alleine mit ihm in seiner Krypta bleibt man nie. Immer wieder kommt Besuch für Giuseppe: Eine Frau mit Einkaufstüten beladen, ein Radrennfahrer im grellen Trikot und mit klackernden Sportschuhen. Andächtig verrichten sie ihr Gebet. Giuseppe lauscht - in seinem gläsernen Schneewittchensarg, getragen von Engelshänden - abgehoben in die Ewigkeit. Zum Schluss küssen die Besucher ihre Fingerspitzen und legen sie zärtlich auf’s Vitrinenglas. Bis zum nächsten Mal!


Basilica San Guiseppe di Copertino, Piazza Gallo 10, Osimo (AN) www.sangiuseppeosimo.it

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