22 Februar 2010, 18:32
'Wir sind erschüttert über das Verhalten von Kirchenvertretern'
 
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Erzbischof Zollitsch bei Eröffnung der Bischofskonferenz: "Wir leiden mit den Opfern, die wir um Verzeihung bitten."

Freiburg (kath.net)
Kath.net dokumentiert die Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,in der Eucharistiefeier zur Eröffnung der
Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
am Fest Kathedra Petri, den 22. Februar 2010 im Münster Unserer Lieben Frau, Freiburg

„In der Gemeinschaft des Glaubens Zukunft erfahren“

Lesung: 1 Petr 5,1-4; Evangelium: Mt 16,13-19

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Amt, werte Gäste, Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!

In seiner Ansprache zur Eröffnung des 85. Deutschen Katholikentages 1978 hier in Freiburg, der unter dem Leitwort stand „Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben“, wies mein Vorgänger Erzbischof Oskar Saier auf die entscheidende Grundlage hin, auf die es bei jedem Tun ankommt: „Es geht zuallererst darum, dass wir offen werden für Gott und uns nicht im Dickicht eigener Analysen und Pläne verlieren. Der Gang zur Quelle des Lebens, der Wahrheit, der Liebe, also zu Jesus Christus, ist Voraussetzung, dafür, dass wir in fruchtbarer Weise miteinander überlegen, reden und leben.“

Wir, liebe Mitbrüder, beginnen unsere Frühjahrsvollversammlung deshalb wie immer ganz bewusst mit dem Gang zur Quelle des Lebens, der Wahrheit und der Liebe. Ja, wir wollen uns öffnen für Gott, liebe Schwestern, liebe Brüder, und feiern daher gemeinsam hier im Münster Unserer Lieben Frau Eucharistie.

Seit acht Jahrhunderten lädt dieses Gotteshaus die Menschen ein, hierher zu kommen, um sich bei IHM, Jesus Christus, zu versammeln, bei IHM, der unser Leben trägt und ihm Sinn und Ziel gibt, der uns zur Gemeinschaft des Glaubens ruft und zusammenführt.

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Unser Einzug führte uns vorbei an den lebensgroßen Figuren der Apostel, die an den mächtigen Pfeilern des Mittelschiffes stehen. Sie erinnern an die Worte der Offenbarung des Johannes: „Die Mauer der Stadt (des neuen Jerusalem) hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die Namen der zwölf Apostel“ (Offb 21,14). Die Kirche ist, wie der Apostel Paulus sagt, „auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut“ (Eph 2,20). Auf dieses Fundament verweist uns explizit das Fest Kathedra Petri, das wir heute feiern. Auf Petrus, den Felsen, den Ersten des Apostelkollegiums, hat Jesus Christus seine Kirche gegründet. In der Nachfolge des heiligen Petrus und der Apostel steht in Gemeinschaft mit dem Papst die Communio der Bischöfe, unser Bischofskollegium. In der Nachfolge der Apostel tragen wir in Treue zum Evangelium, das sie verkündet haben, Verantwortung für die Kirche in Deutschland: Damit sich immer mehr Menschen öffnen für Gott; damit das Evangelium auch heute verkündet wird, um den Menschen Mut und Hoffnung aus dem Glauben zu bringen und so zuversichtlich und voll Vertrauen gemeinsam den Weg in die Zukunft zu gehen. Es ist in meinen Augen eine schöne Fügung, dass wir gerade am Fest Kathedra Petri unsere Frühjahrsvollversammlung 2010 eröffnen dürfen. So können wir uns vertieft unserer Verbundenheit mit dem Heiligen Vater, dem Nachfolger Petri, und untereinander – ja mit der Kirche in der ganzen Welt – bewusst werden. Dies ist ein ermutigender Ausgangspunkt für unsere Beratungen in den kommenden Tagen. Die Communio der Kirche, die Communio der Bischöfe, die weltweite Gemein­schaft des Glaubens stärkt uns und gibt Zuversicht.

Unser Freiburger Münster, ja jedes Gotteshaus, ist Ausdruck einer beeindruckenden Gemeinschaftsleistung. Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Alters haben ihre Fähigkeiten eingebracht und ihre Fertigkeiten eingesetzt, damit die Kirche wächst. Sie haben ihre ganze Kunstfertigkeit und ihr fachliches Können zur Verfügung gestellt – nicht, um sich selbst ein komfortables Eigenheim zu zimmern, sondern um Gott ein Haus zu bauen. Wir wissen uns mit all denen verbunden, die über die Jahrhunderte hier gebetet und sich Kraft geholt haben für ihr Leben aus Glaube, Hoffnung und Liebe; die uns durch ihr Zeugnis diesen Ort der Sammlung anvertraut haben. Ja, Kirche ist von Gott geschenkte und von Menschen geprägte Gemeinschaft. Damit versinnbildlicht unser Gotteshaus etwas von dem, was das Zweite Vatikanische Konzil so formuliert hat: „Gott hat es gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volk zu machen“ (LG 9). Aus vielen lebendigen Steinen entsteht Kirche. Und der Schluss-Stein, der alles zusammenhält, ist Jesus Christus (Eph 2,20). Diese Gemeinschaft im Glauben entfaltet dort ihre Kraft und ihre Wirkung, wo aus dem Nebeneinander ein Miteinander und Füreinander wird; wo ich im anderen meinen Nächsten sehe; wo mir selbst der Fremde zum Bruder, die Fremde zur Schwester in Christus wird.

Wo Gemeinschaft ist, liebe Schwestern, liebe Brüder, da ist Beziehung. Wo Beziehung ist, da ist Leben. Und Leben ist nicht statisch, sondern dynamisch. Wir sind als Kirche unterwegs auf den staubigen Straßen der Geschichte. Wir sind unterwegs als pilgerndes Gottesvolk, als eine Kirche, die immer wieder der Erneuerung bedarf; eine Kirche, die nicht in der Routine aufgeht und keine Angst hat vor dem Neuen.[1] Auch davon spricht unser Münster: Bis heute ist es eine Baustelle. Die Münsterbauhütte, die Baugerüste und der Maschinenlärm zeugen davon. An mehreren Stellen arbeiten Steinmetzen und ersetzen angegriffene Krabben, Fialen, Wasserspeier, Strebepfeiler. Seit ich das Münster kenne, wird an ihm gebaut, werden beschädigte Teile erneuert. Es scheint auch bei uns zu gelten, was die Kölner sagen: Wenn am Dom nicht mehr gebaut wird, ist das Ende der Welt da. Ja, hier wird eindrucksvoll sichtbar, was zum Wesen der Kirche gehört: „Ecclesia semper reformanda“ (vgl. LG 9 und UR 6), eine Kirche, die stets der Erneuerung bedarf und zu Veränderungen bereit sein muss.

Von Anfang an, liebe Schwestern, liebe Brüder, ist die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, keine perfekte und vollkommene, sondern eine angefochtene: Jesus berief Levi, den korrupten Zollbeamten (Mk 2,13-17); er kannte die aufbrausenden „Donnersöhne“ Johannes und Jakobus unter seinen Aposteln (Mk 3,17). Er erlebte, wie ein Petrus fest in seinem Glauben an ihn als den Messias stand und ihn dann doch verleugnete (Mk 14,66-72); wie ein Thomas zweifelte und erst dann, als er den auferstandenen Herrn berührte, ausrief: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28).

So weiß der Herr auch um unsere Grenzen – und wir erleben sie immer wieder. Wir sind eine Kirche, die auch auf Menschen gebaut ist – mit all unseren Stärken, aber auch unseren Fehlern und Schwächen. Wir bleiben hinter dem Anspruch des Evangeliums leider häufig zurück. Wir haben den dumpfen Nachhall auch von Jahrzehnten zurückliegenden Verfehlungen, die menschliche und dunkle Seite der Kirche und der Gesellschaft in den vergangenen Tagen und Wochen schmerzlich erfahren müssen. Vertrauen wurde auf abscheuliche Weise missbraucht und zerstört. Wir sind erschüttert über das Verhalten von Kirchenvertretern und Erziehern. Wir leiden mit den Opfern, die wir um Verzeihung bitten. Wir erleben, was der Apostel Paulus meint, wenn er sagt: Wir tragen unseren Glauben „in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Kor 4,7). Wir machen Fehler, wir laufen Gefahr, uns im Dickicht eigener Pläne und Wege zu verlieren. Wo Vertrauen zwischen Menschen zerstört wird, da ist auch die Gemeinschaft mit Gott erheblich gestört.

Wie gehen wir damit um? Wir stehen am Anfang der österlichen Bußzeit, die wir am Aschermittwoch begonnen haben. Sie lädt uns in besonderer Weise ein, den Weg der Umkehr zu gehen. Jesu Ruf am Beginn seiner Verkündigung: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) gilt der Kirche und jedem Menschen zu jeder Zeit. Was heißt das: Umkehren und an das Evangelium glauben? Die Evangelien zeigen uns Menschen, die sich zunächst auf dem Holzweg befinden, die sich in eine Sackgasse verrannt haben; und sie zeigen uns dann, wie diese Menschen durch Umkehr zur wahren Freiheit finden. Erinnern wir uns etwa an Zachäus, den Zöllner, der sein Herz öffnet und Jesus einlässt (Lk 19,1-9). Oder an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der seine vermeintliche Freiheit bald als Unfreiheit erlebt. Er kehrt um zum Vater, der ihn in seine offenen Arme schließt und er erfährt wahre Freiheit (vgl. Lk 15,11-24). Da sind die beiden Emmausjünger. Sie gehen traurig von Jerusalem weg, verlassen enttäuscht die Gemeinschaft der Jünger. Als Jesus ihnen begegnet, kehren sie um, zurück nach Jerusalem, zurück in die Gemeinde der Jünger und sie sind voller Freude (vgl. Lk 24,13-35).

Das ist es, was Jesus will: Dass wir uns auf seine Botschaft einlassen, dass wir nicht ein wenig oder zeitweise die Richtung ändern, sondern entschlossen eine Kehrtwende machen, uns für Gott öffnen und unser Leben aus der Kraft und Perspektive des Evangeliums bestreiten.

Jetzt, in der österlichen Bußzeit, liebe Schwestern, liebe Brüder, zieht hier im Münster das große, vierhundert Jahre alte Hungertuch, das den Hochaltar verdeckt, unwillkürlich unseren Blick auf sich. Den Mittelpunkt bildet die überlebensgroße Darstellung Jesu Christi: Unser Leben als Christen ist auf Jesus Christus ausgerichtet. Er ist es, der uns Leben, Licht und Orientierung schenkt auf unserem Weg in die Zukunft. Darum dürfen wir voll Vertrauen nach vorne schauen, weil Jesus uns den Weg weist und mit uns geht. Er ist es auch, an dem es für uns Christen stets Maß zu nehmen gilt – auch wenn wir hinter seiner Liebe und seinem Vorbild immer wieder zurückbleiben.

Wir werden in diesen Tagen auf unserer Frühjahrsvollversammlung nüchtern auf die Gegenwart schauen, aber auch realistisch in die Zukunft blicken. Unsere Konferenz hat hier in Freiburg, der Stadt der Caritas, einen eindeutigen Schwerpunkt. Wir stellen uns den Fakten und Perspektiven der demographischen Entwicklung in unserem Land. Wir tun dies unter dem Thema „Die alternde Gesellschaft als Herausforderung für die Kirche“. Unsere Lebenserwartung wird höher und zugleich werden seit Jahren immer weniger Kinder geboren. Wir wollen einen eigenen Studientag diesen Fragen widmen und gemeinsam überlegen, was dies für unsere Gesellschaft insgesamt, aber auch für die Seelsorge und für die Pflege und Pflegedienste bedeutet. Wer sich sein Leben lang in unsere Gesellschaft eingebracht hat, muss sich auch im Alter willkommen und geachtet wissen. Er verdient es, dass er gefragt ist und sich und seine Erfahrung einbringen darf und soll – und auch, dass er sozial abgesichert ist. Jede Gesellschaft lebt von gemeinsamen Werten, vom Mit­einander und Füreinander, von der Solidarität. Wir müssen alles tun, dass die Schere in unserer Gesellschaft nicht weiter auseinander geht, weil allzu viele nur an sich und kaum an die anderen denken. Es liegt an uns, dafür einzutreten, dass Alter nicht Isolation und Einsamkeit oder gar Armut bedeutet. So manches in der Diskussion der letzten Wochen erfüllt mit Sorge. Wir spüren schnell, dass dort, wo man Gott außen vor lassen will, unser Land immer mehr zu einer Gesellschaft des Nebeneinander wird, zu einer Gesellschaft, die auseinander zu driften droht und in der der eine immer weniger für den anderen und das Ganze aufzubringen bereit ist.

Wir Bischöfe werden bei diesem Treffen auch unseren Dienst an der Gesellschaft in den Blick nehmen und überlegen, wie wir in nächster Zeit und längerfristig unsere christlichen Werte und Anliegen verstärkt in unsere Gesellschaft einbringen können. Unser Land und unsere Gesellschaft fragen mit Recht nach dem Beitrag der Kirchen – gerade auch im Blick auf die Zukunft. Wir werden den Blick über unsere Fragen hinaus auf die Weltkirche richten. Wir haben Gäste aus der Weltkirche unter uns – auch aus Haiti.

Der Blick auf die Weltkirche lässt uns zugleich dankbar erkennen, wie die Saat des Evangeliums aufgeht und der christliche Glaube wächst. Dies schärft auch den Blick für das viele Gute in unserem Land: für die große Spendenbereitschaft unserer Gläubigen, für das breite ehrenamtliche Engagement so vieler, für das tragende soziale Netz und die vielfältige Arbeit in unseren caritativen Einrichtungen. Auch wenn in der Einschätzung vieler, die nach Schlagzeilen suchen, „nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten“ sind, so dürfen wir nicht übersehen, dass es viel Gutes gibt in unserem Land, in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche.

Davon lebt jede Familie, davon lebt unsere Gesellschaft, davon lebt unsere Kirche. Dafür sind wir dankbar. Dankbarkeit, die oft vergessen wird; Dankbarkeit, die aber Augen und Herz für Gott und unsere Mitmenschen öffnet. Je mehr wir dazu beitragen, dass die Menschen sich dessen bewusst werden, umso mehr wachsen Gemein­schaft und Verantwortung; umso mehr wird unsere Gesellschaft zur Gemein­schaft; umso mehr fassen wir Mut, gewinnen wir Hoffnung und schöpfen Vertrauen.

Trotz aller Grenzen und allen menschlichen Versagens dürfen wir Christen uns nicht verstecken. Uns ist eine Hoffnung geschenkt und eine Perspektive gegeben, die tragen. Sie tragen, weil sie nicht aus uns kommen, sondern weil Gott sie uns zuspricht. Unser Münster zeugt seit Jahrhunderten von dieser Kraft des Glaubens und der Hoffnung. Zeigen auch wir heute unserer Welt, dass Gott mit uns ist und wir mit Gott durchs Leben gehen und darum einer vom anderen empfängt und einer den anderen trägt. Dann werden viele erfahren, was Gottes Zusage bedeutet: „Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben“. Amen.

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