16 Februar 2010, 10:22
Der Spiegel, Missbrauchsfälle und ein Promillebereich
 
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Das Bistum Rottenburg-Stuttgart wehrt sich gegen den "Spiegel"-Bericht über die Missbrauchsfällen und dokumentiert, dass die "Spiegel"-Behauptungen nicht der Wirklichkeit entsprechen und die Missbrauchfälle im Bistum in einem Promillebereich sind

Stuttgart (kath.net)
Kath.Net dokumentiert die Stellungnahme von Bischof Gebhard Fürst zur Enthüllung von Fällen sexuellen Missbrauchs in den Medien:

Liebe Mitbrüder, sehr geehrte Damen und Herren, die Enthüllung von Fällen sexuellen Missbrauchs an Internaten des Jesuitenordens und die darauf hin einsetzende Flut von Medienberichten und -kommentaren hat innerhalb und außerhalb der Kirche zu großer Verunsicherung geführt. Besonders der Titelbeitrag im SPIEGEL (Nr. 6/8. Februar 2010) hat die katholische Kirche pauschal dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit ausgesetzt und die Vertrauenswürdigkeit ungezählter Priester, haupt- und ehrenamtlicher Laien und Gemeindemitglieder in völlig unberechtigter Weise beschädigt.

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Die SPIEGEL-Grafik zur Zahl der Anzeigen zu sexuellem Missbrauch in den Diözesen Deutschlands bedarf dringend der Interpretation. Sie kann vor allem den Eindruck erwecken, dass in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Dinge besonders schlimm stehen. Seit 2001 gab es hier 23 Verdachtsfälle; das ist auf den ersten Blick der Spitzenwert in allen deutschen Diözesen. Was aber zunächst als besonders problematisch erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als Indiz eines besonders sorgsamen Umgangs mit der Problematik des sexuellen Missbrauchs. Ich habe im Jahr 2002 strenge Regularien zum Umgang mit Verdachtsfällen in Kraft gesetzt. Jeder (!) Hinweis wird verfolgt und akribisch begleitet von einer eigens eingerichteten unabhängigen „Kommission sexueller Missbrauch“. Diese wird geleitet durch Herrn Robert Antretter, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und heute Vorsitzender des Bundesverbands Lebenshilfe. Die Offenheit und Transparenz des Verfahrens in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mag dazu führen, dass Missbrauchsopfer sich leichter melden und dass es schneller zu Anzeigen kommt.

Zur Interpretation der Zahlen: Von den 23 seit 2001 angezeigten Verdachtsfällen, die nicht nur Kleriker, sondern auch haupt- und ehrenamtliche Laien betreffen, reichen einige bis in die 1960er Jahre zurück. Sechs davon wurden im Zuge der Ermittlungen und mit Zustimmung der Kommission als offensichtlich unbegründet nicht weiter verfolgt. Sechs Verdächtigte waren bereits verstorben, und die Diözese widmete sich so weit möglich und nötig der Hilfe für die Opfer. In weiteren sechs Fällen hatten die Verdächtigten keine strafbaren Taten im Sinne des Strafgesetzbuches begangen – was sie zum Teil nicht vor drastischen disziplinarischen Folgen kirchlicher Vorschriften bewahrte. Bleiben schließlich fünf Urteile vor staatlichen Gerichten: ein Freispruch, eine Geldstrafe, drei Strafbefehle. Die Strafbefehle wurden von den Betroffenen ohne Schuldeingeständnis bezahlt. Sie wollten vermeiden, dass weitere Verfahren ihren Ruf schädigen, auch wenn sie nach eigenem Bekunden unschuldig sind. Setzt man diese Zahlen allein zu den rund 2.000 hauptamtlichen Klerikern und Laien in der Seelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart ins Verhältnis, so kommt man in den Promillebereich. Aber auch Ordensgeistliche, die nicht zum Seelsorgeklerus der Diözese gehören, Mesnerinnen und Mesner, ehrenamtliche Mitarbeitende in den Kirchengemeinden, Jugendleiterinnen und Jugendleiter in den Verbänden und bei den Ministranten, Praktikantinnen und Praktikanten oder junge Leute in den Freiwilligendiensten kommen gegebenenfalls in der Missbrauchskommission zur Verhandlung, falls über sie eine Anzeige eingeht. Dies macht es schwierig, die 23 Verdachtsfälle überhaupt in ein nachvollziehbares prozentuales Verhältnis einzuordnen.

Grafisch lässt sich dies gar nicht mehr darstellen. Aber es muss doch erwähnt werden, weil es die öffentlich gemachten Zahlen in einen vernünftigen und realistischen Gesamtzusammenhang stellt. Die Stuttgarter Zeitung und die Südwest-Presse haben diese komplexe Situation in differenzierter Weise dargestellt; der SPIEGEL zog es vor, durch die grafische Darstellung Vermutungen zu Lasten unserer Diözese zu insinuieren und im Ungefähren stehen zu lassen. Das lässt sich leider nicht verhindern. Aber lieber ein Verdachtsfall mehr auf dem Papier, auch wenn er sich als unbegründet erweist, als einer, der nicht beachtet oder gar unterschlagen würde.

Herr Antretter hat in einem Leserbrief an den SPIEGEL zu der Darstellung der Zahlen aus unserer Diözese Stellung genommen. Ich selber werde mit dem Geschäftsführenden Ausschuss des Diözesanrats und dem Diözesanrat selbst und ebenso mit dem Diözesanpriesterrat ausführlich über die Hintergründe der Problematik und über die Vorgehensweise in unserer Diözese sprechen. Es war mir stets und ist mir auch künftig sehr wichtig, in diesen schwierigen Fragen größtmögliche Transparenz zu wahren – in dem Rahmen selbstverständlich, den Opfer- und Täterschutz gebieten.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren treuen Dienst und Ihr verantwortungsbewusstes Wirken. Bitte lassen Sie sich durch die Vorgänge der vergangenen Tage nicht beirren.

Ich grüße Sie in herzlicher Verbundenheit

+ Bischof Dr. Gebhard Fürst

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