31 Dezember 2009, 20:30
Als Christen sind wir Männer und Frauen der Hoffnung
 
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"Wir haben mehr Grund zum Danken als zum Klagen", meint der Kölner Erzbischof in seiner Jahresschlusspredigt - Die Predigt im Wortlaut auf kath.net

Köln (www.kath.net) Wir dokumentieren die Predigt von Joachim Kardinal Meisner zur Jahresschlussmesse im Hohen Dom zu Köln am 31. Dezember 2009.

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Unter den vielen Geschenken, die Gott uns Menschen anvertraut hat, sind zwei, die zu den ganz wertvollen und wichtigen zählen und die eng miteinander verbunden sind. Da ist zunächst einmal das Leben selbst und dann die Zeit. Das Leben, das uns geschenkt wurde von Gott, wird bleiben, da es eines Tages in die Ewigkeit einmündet.

Die Zeit aber, die wird ein Ende haben. In der Apokalypse heißt es ausdrücklich: In Zukunft wird keine Zeit mehr sein (vgl. Offb 10,6). Das aber bedeutet nicht, dass die Zeit wertlos ist. Ganz im Gegenteil! Denn auch die Zeit wird abgelöst von der Ewigkeit. Wie von allen Gaben, die Gott uns anvertraut hat, gilt auch von unserem Leben und von der Zeit: „Leg Rechenschaft ab!“ (Lk 16,2).

Wenn wir schon über jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssen, wie der Herr ausdrücklich sagt, wie wird dann das Urteil über uns lauten, wenn wir das eigene Leben vergeudet und vertan haben sollten? Und ebenso ist es mit der Zeit! Viele christliche Generationen vor uns praktizierten am frühen Morgen die so genannte „Gute Meinung“.

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Damit hatten sie gleichsam im vorhinein alles, was an Arbeit und Aufgabe, an Freude und Leid an diesem Tag auf sie zukommen würde, schon vor das Angesicht Gottes gestellt, damit er alles heilige und segne und zum Guten führe und anderen Menschen Hilfe und Beistand sei. Dann war der Tag höchstwahrscheinlich keine verlorene, vertane und vergeudete Zeit vor Gottes Angesicht. Die Zeit definieren wir als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

1. Die Gegenwart der Zeit kann man als Sakrament des Augenblicks bezeichnen, denn die Vergangenheit ist dahin. Sie ist uns entglitten. Wir haben keinen Einfluss mehr auf sie. Wir können höchstens bereuen, was wir dabei schlecht gemacht haben. Und die Zukunft steht uns noch nicht zur Verfügung. Wir können höchstens überlegen, wie wir sie positiv nutzen wollen. Einzig der gegenwärtige Augenblick liegt in unserer Hand. In ihm verbirgt sich der Wille Gottes wie im Sakrament die Gnade Gottes. Deshalb ist diese Erfahrung die Einladung: „Lebe nur für den Augenblick, aber gib dem Augenblick den tiefsten Inhalt, nämlich Gott!“ Wäre das nicht ein segensvoller Vorsatz für das Neue Jahr?

Natürlich können wir nicht in jedem Augenblick an Gott denken, aber ich kann mich schon – wie wir sagten – am frühen Morgen bei der „Guten Meinung“ in jeden Augenblick des Tages und damit in jede Minute und Stunde des Tages in das Geheimnis Gottes hineinheben und hineintragen.

2. Von der Gegenwart wenden wir uns nun der Vergangenheit zu. Nicht unserer persönlichen, die wir in den Beichtstuhl hineintragen, sondern jener Vergangenheit des letzten Jahres, die unser Erzbistum, unsere Kirche und die Welt betrifft. Einen besonderen Dank gebührt Gott für die neun Neupriester, denen wir die Hände auflegen durften, und für die 18 Neueintritte in unsere Priesterseminare in Bonn.

Ein besonderer Dank gebührt Gott, der uns durch die Weisung des Heiligen Vaters ein Jahr der Priester aus Anlass des 150. Todestages des hl. Pfarrers von Ars geschenkt hat. Er lädt uns ein, durch unseren Glaubenseifer und durch unser Gebet die Priester in ihrer Aufgabe in einer glaubensfeindlichen Welt mit zu tragen, zu ermutigen und zu stärken. Was dem Petrus vom Herrn gesagt wurde: „Du aber stärke deine Brüder!“ (Lk 22,32), das gilt auch uns im Hinblick auf unsere Priester: „Du aber stärke deine Priester: deinen Pfarrer, deinen Beichtvater, deinen Dechanten und auch deinen Bischof!“ Diese Stärkung liegt auch in unserer Mitsorge um Priesterberufungen.

Das 40-tägige Gebet für Priesterberufungen – 960 Stunden Tag und Nacht – rund um die Uhr in unserem Erzbistum hat mich innerlich tief bewegt. Vierzig Tage und vierzig Nächte haben verantwortungsbewusste Christen aus unseren Gemeinden und Gemeinschaften vor dem Angesichte Gottes gestanden, um seinem Auftrag zu entsprechen: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ (Mt 9,38).

Tief berührt hat mich die Initiative von Bischof Clemens Pickel in Saratow in Russland, der sich – durch das Internet inspiriert – mit seiner Diözese unserem 40-tägigen Gebet um Priesterberufungen angeschlossen hat. Mit tiefer Ergriffenheit denke ich dankbar an die vielen Mitchristen aller Altersstufen, Kinder und über 90-Jährige, die diese Gebetsinitiative mitgetragen haben. Ein besonderes Wort des Dankes gilt Gott, dem Geber aller guten Gaben, für das Geschenk unserer Domwallfahrt, an der wieder über 70.000 Gläubige zu unserer Domkirche gepilgert sind, um von hier aus Stärkung und Elan für unsere christliche Berufung im Alltag zu erbitten und zu empfangen. Wir haben mehr Grund zum Danken als zum Klagen!

Aber das Klagen gehört halt auch dazu. Wie können wir nicht an den jährlichen Rückgang der Gottesdienstbesucher denken, an den Rückgang von Taufen und Eheschließungen, dann natürlich auch von Firmlingen und Erstkommunikanten. Es schmerzt uns die große Zahl der aus der Kirche Austretenden, die uns und dem Herrn den Rücken kehren. Ich denke mit Erschütterung daran, wie die friedliche Demonstration für das Leben der ungeborenen Kinder am 26. September in Berlin von Gegendemonstranten angegriffen wurde, indem man den Demonstrierenden unter anderem die mitgeführten Kreuze entriss und sie in die Spree warf.

Wir sind von daher gesehen ein sterbendes Volk und damit auch eine kleiner werdende Kirche. Diese Besorgnis erregenden Feststellungen zeigen uns, welche Schwerpunkte im nächsten Jahr zuallererst gesetzt werden müssen. Es sind meines Erachtens zwei, die uns schon seit Jahren bewegen: die Stärkung unserer Ehen und Familien und die Vertiefung und Förderung der Priesterberufungen. Und wenn wir über die Kirche in unsere Umwelt hineinschauen, dann sind wir zutiefst enttäuscht von manchen Verantwortlichen in der Wirtschaft und auf dem Finanzsektor, die nicht verantwortlich gehandelt haben und darum vielen Menschen großen materiellen Schaden zugefügt haben.

Mit Sorge blicken wir auf den Terrorismus in aller Welt, der uns zeigt, dass der Mensch in den Selbstmordattentaten oft als todbringend für andere Menschen missbraucht und benutzt wird. Und wenn wir in die Welt weiter hineinblicken, müssen wir schmerzlich feststellen, dass die Christen die größte Gruppe in der Welt sind, die um ihres Glaubens willen verfolgt, getötet und ihres Hab und Gutes beraubt werden.

Aber weil es „nur“ Christen sind, nimmt die Weltöffentlichkeit kaum davon Kenntnis. Wir als Christen müssen diese Herausforderung zu unserer eigenen Angelegenheit werden lassen. Als Christen sind wir – trotz allem – Männer und Frauen der Hoffnung. Hoffnung ist nur die Rückseite unseres Glaubens. Hoffnung bedeutet mit gutem Recht, immer mit einigen positiven Chancen mehr zu rechnen, als man oberflächlich sieht. Wir huldigen nicht einem billigen Optimismus, wohl aber verschreiben wir uns der Hoffnung, weil der alte, ewig junge Gott noch lebt und wohl die Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen wird.

3. „Was wird uns aber das kommende Jahr bringen?“ ist eine besorgte Frage, die uns heute am Silvesterabend bewegt. Es wird ein gutes Jahr werden, wenn wir, wie man heute so sagt, die Prioritäten richtig setzen. Bindung an den lebendigen Gott ist notwendiger denn je, wo es auch im geistigen Bereich an Festigkeit, Beständigkeit und Klarheit fehlt, wo alles hinterfragt wird, wo man das Ideal darin erblickt, alles in Frage zu stellen, wo alles diskutiert werden muss.

Die Bindung an den lebendigen Gott lässt uns die Orientierungslosigkeit und das geistige Chaos in der Gesellschaft überwinden. Diese innere seinsmäßige Ordnung kann nur hergestellt werden, wenn Gott wieder in den Prioritäten unseres Lebens an die Spitze gestellt wird. Es ist gut, wenn wir uns bei der Gewissenserforschung allabendlich fragen: „Was hat sich heute wieder in meinem Tagewerk zur Priorität hochstilisiert?“

Wenn nicht Gott primär gewesen wäre, dann wäre er nur sekundär, und das wäre verheerend für unser Lebenswerk. Dort wird Gott entthront und an seine Stelle eben das Andere gesetzt: das Geld, das Prestige, die soziale Würde, der Erfolg und wie alle diese Ersatzgottheiten heute heißen.

Der Apostel Paulus schreibt uns: „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!“ (Röm 12,12). Das beharrliche Gebet ist der sicherste Begleiter durch die vor uns liegenden Tage, Wochen und Monate: dass sie für uns und für die Mitmenschen zum Heile werden. Auf das Gespräch mit Gott kommt es an. Paulus sagt uns ausdrücklich: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13).

Ohne ihn vermögen wir nichts, was zum Heile dienlich ist. Mit Gott aber überspringen wir nach dem Psalmwort Mauern (vgl. Ps 18,30). Ohne Gott stürzen in Welt und Gesellschaft Pfeiler und Fundament zusammen. Mit Gott „fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefen des Meeres“, sagt der Psalm 46,3. Ohne Gott „wanken Reiche und zerschmilzt die Erde“ (vgl. Ps 46,7) betont der gleiche Psalm einige Verse später. Mit Gott gewinnen wir Ewiges Leben, ohne Gott wären wir ewig verloren. So gehen wir – trotz allem – mit großer Hoffnung in das Neue Jahr, weil Gott Wort hält, weil Gott zu uns steht und weil Gott mit uns geht! Das allein genügt! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner

Erzbischof von Köln







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