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23 Dezember 2009, 08:58
Ein ungleicher Wettbewerb

Den wahren Unterschied zwischen dem Wachstum von Islam und Christentum hat der Spiegel nicht erfasst. Von Thomas Schirrmacher.

Hamburg (kath.net/thomasschirrmacher.info) Mit großer Dramatik beschreibt der Spiegel in seinem Titelbeitrag „Die Rückkehr des Allmächtigen“ als neu, was nie anders war: Die beiden größten Weltreligionen sind am wachsen und es sind die ‚Fundamentalisten‘ und wirklich Überzeugten, die vor allem Mission betreiben, kath.net hat berichtet. War das je anders? Der Allmächtige ist zurück und der Spiegel merkt es als erstes? Oder als letztes? War das nicht alles seit dem Untergang des kommunistischen Imperiums vorprogrammiert?

Der Spiegel tut dabei so, als ob nur Islam und Christentum missionieren würden, dagegen Buddhismus und Hinduismus nicht. Und was ist mit dem Dalai Lama und seinen Welttouren? Warum werden in Indien Zwangsbekehrungen zum Hinduismus durchgeführt und der Islam mit Gewalt bekämpft? Und dass gerade der Spiegel ob seiner vielen Kampagnen, auch gegen das Christentum (man denke an das Jesusbuch von Augstein), anderen das Missionieren vorwirft, ist schon fast zum Schmunzeln.

Aber immerhin, vieles ist gut recherchiert und manches wird mutig ausgesprochen, etwa, dass der islamistischen Gewalt „deutlich mehr Muslime zum Opfer“ gefallen sind als Christen. Erfreulich ist auch, dass sich der Spiegel in seiner Polemik gegenüber Evangelikalen zurückhält. Dass der Spiegel die Säkularisierungstheorie – je moderner, desto unreligiöser – widerruft, ist immerhin selbst eine Schlagzeile wert, war er doch selbst lange ihr eifrigster Verfechter, ja fast ihr Symbol. Dass mein Lehrer Peter Berger, der wohl bedeutendste Religionssoziologe der Welt, der diese These vor über 40 Jahren mit aufstellte, sie schon Mitte der 1980er Jahre widerrufen hatte, hat der Spiegel nämlich bisher nie gemeldet.

Der Schlusssatz „Islam und Christentum werden die prägenden Kräfte bleiben, auch wenn kein Schulkind mehr weiß, wer Marx und Nietzsche gewesen sind“ ist gerade für den Spiegel doch ein sehr ehrliches Eingeständnis auch in eigener Sache. Denn dem ganzen Artikel ist ja abzuspüren, dass man bloß nicht in den Verdacht geraten will, dass man selbst etwa etwas mit dem Glauben an den „Allmächtigen“ zu tun habe.

Vieles zeigt aber auch, dass hier religiös Unmusikalische schreiben. Wenn etwa mit großer Dramatik darauf verwiesen wird, dass neuerdings ganze Hochschulen in den USA der Missionarsausbildung dienen, fehlt offensichtlich das Wissen, dass schon die Jesuiten Jahrhunderte lang deswegen Hochschulen gründeten, dass die erste Universität Asiens in Indien (Serampore College) im 18. Jahrhundert diesem Zweck diente, dass viele Eliteuniversitäten der USA, wie Harvard und Princeton, hier ihren Ursprung haben und oft Missionare wie David Livingstone hochgebildete Leute waren.

An anderer Stelle heißt es, es gebe „mehr als 400 Millionen Freikirchler weltweit“. De facto ist das die Zahl der Evangelikalen. Freikirchler nennt man Angehörige von kleinen Kirchen in Ländern mit ehemaligen Staatskirchen. In den meisten Ländern dieser Erde, in den USA, Korea, China oder Indien gibt es keine Freikirchen bzw. sind alle Kirchen Freikirchen. Und in den Ländern mit ehemaligen Staatskirchen wie Schweden, England oder Deutschland ist ein erheblicher Teil der Evangelikalen jeweils in den ehemaligen Staatskirchen, in Deutschland etwa 50 Prozent der Evangelikalen. Umgekehrt gibt es nicht wenige Freikirchler, die dezidiert keine Evangelikalen sein wollen.

Die Parallelisierung von Ausbreitung des Islam auch mit Gewalt und der angeblich ebenso gefährlichen christlichen Mission entbehrt jeder Grundlage. Nicht zufällig kann der Spiegel viele Beispiele von Gewalt seitens islamistischer Gruppen anführen, aber keines auf christlicher Seite, auch wenn der Spiegel christliche Missionare „Gottesstreiter, die Soldaten Christ“ nennt, übrigens die Bezeichnung der wahrhaft nicht für Gewalt bekannten Heilsarmee. Stattdessen weicht der Spiegel als Gegenüber zu Beispielen islamistischer Gewalt auf christliche Äußerungen aus, etwa die Erde sei 6000 Jahre alt. Da habe ich doch lieber einen Nachbarn, der das friedlich glaubt, als einen der mich mit Gewalt bedroht!

Der Spiegel schreibt: „Es waren überzeugte Wahhabiten, welche ihre gekaperten Flugzeuge in die Türme des World Trade Center steuerten, es sind Pastoren fundamentalistischer US-Kirchen, die inzwischen häufig vom ‚Islamofaschismus‘ sprechen.“ Also, eine dumme, islamkritische Vokabel zu verwenden (und ich bin auch gegen so etwas, siehe mein Buch „Feindbild Islam“) ist dasselbe wie Tausende von Menschen umbringen?

Also nochmal: Der Spiegel führt kein einziges Beispiel dafür an, dass christliche Mission mit Gewalt betrieben wird oder Gewalt legitimiert. Er stößt sich – wie ich auch – nur an bisweilen drastischer Sprache, nur ist das eben ein ganz anderes Kapitel und nichts, wogegen das Gewaltmonopol des Staates in Stellung gebracht werden müsste.

Fundamentalist ist nicht einfach jeder, der meint, die Wahrheit zu haben, denn dann wäre die große Mehrheit der Menschheit Fundamentalisten und nur die Westeuropäer wären gute Menschen. Fundamentalismus heißt vielmehr, einen Wahrheitsanspruch mit Gewalt oder wenigstens undemokratischen Mitteln durchsetzen zu wollen. Das ist, wovor die Menschen Angst haben. Demnach hat der Islam einen leider zu großen, insgesamt aber kleinen Flügel an gewaltbereiten Fundamentalisten, die Christen und auch die Evangelikalen dagegen praktisch keinen – die wenigen Ausnahmen lehnen alle selbst den Kontakt zur evangelikalen Mehrheit ab.

Dazu kommt: Selbst wenn stimmt, was über Evangelikale in den USA gesagt wird: Seit wann gilt in Deutschland die Sippenhaft noch? Muss wirklich jeder konservative Christ weltweit für alles haften, was irgendwo in der Welt gesagt wird?

Damit sind wir bei meiner religionssoziologischen Grundsatzkritik:
1. Auch wenn der Spiegel den Eindruck erweckt, darzustellen, was die Hälfte der Menschheit bewegt, ist er von einem Gesamtbild der weltweiten Lage weit entfernt. Ein Beispiel unter vielen: Die katholische Kirche erscheint praktisch nur als Zuschauer, die auf die Erfolge der Evangelikalen neidisch ist. In Wirklichkeit ist die katholische Kirche etwa in Afrika stark am Wachsen und gerade in dem dargestellten Weltlauf zwischen Islam und Christentum ein zentraler Faktor.

2. Religionssoziologisch ist die Frage von zentraler Bedeutung, wodurch die Religionen denn vor allem wachsen. Der Spiegel übergeht hier völlig, dass sich gerade hier ein tief greifender Unterschied zwischen Islam und Christentum auftut: Der Islam wächst fast ausschließlich durch sein enormes Bevölkerungswachstum (und in einigen Ländern durch die starke Auswanderung von Muslimen aus ihren Kernländern). Dazu kommt der Anpassungsdruck in islamischen Ländern. Die ‚Erfolge‘ durch klassische Überzeugungsarbeit und Einzelübertritte sind vergleichsweise gering.


Das Christentum wächst praktisch nirgends durch Anpassungsdruck. Das Bevölkerungswachstum ist in vielen ehemals christlichen Ländern zum Stillstand gekommen, und selbst in Asien und Afrika, wo Christen mehr Kinder haben, trägt das Bevölkerungswachstum weniger zum Wachstum bei, weil die nächste Generation – anders als im Islam – vergleichsweise einfach den christlichen Glauben wieder aufgeben kann und das auch in Teilen tut. Das Wachstum des Christentums geht deswegen zu weit mehr als 90 Prozent auf inhaltliche Werbung und Einzelbekehrungen aus Überzeugungen zurück. Das war längst nicht immer so, gilt heute aber fast überall. Man mag das beurteilen, wie man will, in das Gesamtbild eines Wettlaufes zwischen Christentum und Islam hätte das unbedingt hineingehört.
Erst diese Gegenüberstellung zeigt, wie ungleich der Wettbewerb zwischen den beiden Religionen ist, den der Spiegel erfreulicherweise zum Thema gemacht hat.

3. Ein Grundirrtum ist die Aussage: „Es sind nicht die Mütter Teresa dieser Welt, die das Missionsgeschäft mit größter Leidenschaft betreiben“. Doch, es sind sie. Denn Mutter Teresa war nun einmal hochgradig religiös motiviert (‚Fundamentalistin‘ würde das der Spiegel nennen).
Denn einerseits wird die weltweite christliche Sozialarbeit unter den Ärmsten der Armen von sehr überzeugten Christen betrieben. World Vision und die Heilsarmee seien hier stellvertretend genannt.

Und andererseits ist der Einsatz für die Schwachen integraler Bestandteil gerade des Eifers überzeugter Christen. Die Evangelikalen investieren Milliarden für die sozial Schwachen weltweit. Das mag man schätzen oder schlimm finden. Aber eine simple Unterscheidung in gute christliche Entwicklungshelfer und schlechte Missionsprediger wird der Realität fast nirgends gerecht.

Übrigens gilt das auch für die islamische Seite. Viele Erfolge der islamischen Fundamentalisten sind dem Umstand zu verdanken, dass sie ein eigenes, funktionierendes Sozialsystem aufbauen, wo der Staat versagt – auch wenn es nur für Muslime gilt. Die Palästinensischen Autonomiegebiete sind dafür das bekannteste Beispiel.