10 Dezember 2009, 10:15
Wo die Guten nichts tun, gedeiht das Böse
 
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Missbrauch, Inkompetenz und Ignoranz: Die katholische Kirche in Irland steht nach dem Murphy-Report vor einem Scherbenhaufen
Image - Von Vincent Twomey SVD / Die Tagespost

Dublin (kath.net/DieTagespost)
Sobald fünf Bischöfe zurücktreten und einschlägige Maßnahmen ergreifen, erhebt sich die nächste Frage in Bezug auf andere Bischöfe in hohen Ämtern, die ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind: Wie wird es nun weitergehen? Wie Kardinal Brady schon sagte: Es müssen Maßnahmen ergriffen werden. Die erste – von der Kirche geforderte – Maßnahme wird vermutlich eine vorläufige Einstellung sämtlicher Bischofsernennungen sein. Neben den drei Diözesen, die vakant werden, könnten die Versetzungen der Bischöfe von sieben weiteren Diözesen bald vorgesehen sein. Diese Bischofssitze sollten nicht wiederbesetzt werden. Apostolische Administratoren (wie etwa Bischöfe aus Nachbardiözesen) könnten während einer Übergangsperiode für die Betreuung der Diözesen bestellt werden.

Unterdessen wird eine ehrliche Untersuchung der „Kultur“ der katholischen Kirche Irlands selbst unumgänglich. Die Hinterfragung des „traditionellen katholischen Katholizismus“ erfordert schließlich einen langfristigen Einsatz auf regionaler als auch auf nationaler Ebene. Damit sollte man unverzüglich beginnen. Parallel dazu sollten gründliche Ermittlungen innerhalb der gegenwärtigen Strukturen der irischen Kirche stattfinden. Insbesondere zwei miteinander verwandte Bemerkungen im Murphy-Report fallen ins Auge. Erstens sind die mangelhaften Führungsstrukturen in der Erzdiözese von Dublin (und damit auch mangelhafte Kommunikationskanäle) anscheinend mit ein Faktor bei der Vertuschung und Untätigkeit gewesen. Vermutlich sind die anderen Diözesen nicht viel besser organisiert. Zweitens zitiert der Report unter Berufung auf die irische Bischofskonferenz einen Bischof, der andeutete, seine Vorgehensweise – sein Modus Operandi – habe darin bestanden, einen „Konsens“ zu erreichen. Vielleicht würde der „kleinste gemeinsame Nenner“ ja zutreffender sein.

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Jeder Bischof hat Angst, dem anderen zu nahe zu treten

Sowohl die Größe als auch das Wesen der Bischofskonferenz schwächen die Möglichkeit einer effektiven Leitung auf regionaler oder nationaler Ebene. Jeder Bischof hat Angst, den anderen auf die Füße zu treten, geschweige denn sie zu kritisieren. Noch schlimmer ist, dass es eine ausgeprägte allgemeine Tendenz innerhalb der irischen Bischofskonferenz gibt, sich hinter der Reihe der anderen Bischöfe zu verstecken, worauf schon früher einmal in einer öffentlichen Debatte in Maynooth hingewiesen wurde (veröffentlicht in The Furrow, 1994). Der Papst, damals noch Kardinal Ratzinger, brachte, wie berichtet wurde, seine Besorgnis gegenüber der Art und Weise zum Ausdruck, wie Bischofskonferenzen im Allgemeinen die persönliche Verantwortung des einzelnen Bischofs für seine eigene Diözese und für die Kirche insgesamt untergraben. Das Ergebnis ist fehlende Moral oder ein Mangel an geistlicher Leitung auf allen Ebenen der katholischen Kirche Irlands. Ratzinger zufolge sollten Bischofskonferenzen nicht nur darauf abzielen, Resolutionen zu verfassen und Dokumente zu produzieren, sondern vielmehr daran arbeiten, für die „Bildung der Gewissen“ zu sorgen (auch der der Bischöfe!) und ihnen damit auf der Grundlage der Wahrheit mehr Freiräume zu verschaffen.

Die Bischöfe tragen eine enorme Verantwortung für das spirituelle, emotionale, soziale und – bis zu einem gewissen Grad – auch physische Wohlergehen aller Gläubigen, Laien wie Geistlichen, Praktizierender wie Nicht-Praktizierender. Deshalb haben sie Anspruch auf Verehrung und sind in symbolische Gewänder gekleidet. Ihre derzeitige Schande hat auch die heiligen Symbole ihres Amtes in Misskredit gebracht.

Priester sind für schuldig befunden worden, an unschuldigen Kindern und ihren Familien unsäglichen Schaden angerichtet zu haben, Verbrechen, die zum Himmel nach Vergeltung schreien. Damit haben sie zudem all das, was das Beste in unserer katholischen Tradition ist, in den Schmutz gezogen. Sie haben damit uns alle beschmutzt. Die Berichterstattung darüber im Fernsehen hat die Fantasie der meisten Iren und Irinnen befleckt. Der daraus entstandene Schaden ist ungeheuer. Es wird Generationen dauern, um das wieder in Ordnung zu bringen.

Und dieselben Kriminellen haben größten Schaden den zahlreichen Laien, Männern wie Frauen, zugefügt, die dem Glauben treu geblieben sind, nicht nur trotz dieser Skandale, sondern auch ungeachtet des Versagens der irischen Kirche in den vergangenen Jahrzehnten, sie, ihre Kinder und Enkelkinder von den Reichtümern des Glaubens zu nähren. Doch das ist ein anderes Thema. Die aktuelle Krise bereitet allen Katholiken, vornehmlich denen, die der Kirche am nächsten stehen, unbeschreiblichen Kummer.

Die an der Spitze der Hierarchie Stehenden, wie auch viele Kleriker unter ihnen, haben offenbar nicht verantwortungsvoll gehandelt. Sie hörten nicht auf ihr Gewissen, das – simpel ausgedrückt – eine derart zarte und feine, aber letztlich unverwüstliche Empfindlichkeit für das Richtige und Falsche besitzt, die allen Menschen angeboren ist. Doch sie kann – zumindest zeitweise – zum Schweigen gebracht werden. Ein solches Nicht-Hören auf sein Gewissen kann entweder durch Willensschwäche (Ehrgeiz, mangelndem Respekt vor einem anderen Menschen, Feigheit, Selbstgefälligkeit – die Untugend so vieler irischer Geistlicher in der Vergangenheit) bedingt sein, oder aber durch eine Schwäche des Geistes, wie etwa eine falsche, subjektivistische Vorstellung vom Gewissen, die es zu einem Rechtfertigungsmechanismus reduziert.

Das Problem wurde noch durch eine bestimmte Art von Moraltheologie verschlimmert, die in Abrede stellte, es gebe Handlungen, die in sich (intrinsisch) schlecht seien. Bestenfalls kommt dabei Untätigkeit in moralischer Hinsicht heraus; schlimmstenfalls jedoch ein lasterhaftes Verhalten. Damit das Böse gedeihen kann, reicht es aus, dass die Guten nichts tun.

Die unprofessionellen unzulänglichen Leitungsstrukturen der Dubliner Erzdiözese waren offenbar zum Teil verantwortlich für die Vertuschung und Untätigkeit – sowie die Absicht, die Schuld anderen weiter oben anzulasten. Doch die wahre Ursache – und das ist beängstigend – ist die fehlende, doch eigentlich zu erwartende, emotionale Reaktion auf Berichte über den Missbrauch von Kindern. Nirgends gab es, jedenfalls ist davon nichts zu bemerken, irgendeinen Ausdruck des Entsetzens oder der Empörung bei jenen, denen man davon erzählte. Empörung und Entsetzen sind die natürlichen Gemütsbewegungen eines guten Menschen, die Gott uns gegeben hat, damit wir auch ja vom Stuhl hochkommen und im Angesicht von Ungerechtigkeit etwas unternehmen.

Doch um die konkrete Frage nach den Leitungsstrukturen noch einmal aufzugreifen: Wenn wir die Frage nach einem Wandel wirklich ernst nehmen, dann ist die Frage der Verwaltung einzelner Diözesen ein Problem, das unverzüglich angegangen werden muss, und zwar mitsamt der Restrukturierung der irischen Diözesen selbst. Beide Angelegenheiten gehören zusammen. Zunächst haben wir einfach zu viele Bischöfe und zu viele Diözesen. Die unangemessen hohe Anzahl an Bischöfen hindert sie daran, der Kirche die Art der Führung angedeihen zu lassen, die sie braucht. Stellen Sie sich einmal dreiunddreißig Minister vor, wie sie um einen Kabinettstisch versammelt versuchen, sich auf eine gemeinsame Erklärung zu einigen!

Wir haben zu viele Diözesen (nämlich 26) für eine so kleine katholische Bevölkerung (etwa 4, 39 Millionen im Jahre 2007), und damit eine Diözese weniger als die katholische Kirche in Deutschland, die im Dienst einer katholischen Bevölkerung von über 30 Millionen steht. Allerhöchstens zwölf Diözesen würden ausreichen für Irland (einschließlich einer Verkleinerung der Größe der Erzdiözese Dublin auf die gegenwärtigen County-Grenzen).

Eines Tages müssen dann neue Bischöfe gewählt werden. Abgesehen von den üblichen vom Kirchenrecht geforderten Qualifikationen muss auch ihre Eignung für das, was der Murphy-Report die säkulare Funktion eines Bischofs bezeichnet, in Betracht gezogen werden. Schließlich spielt ein Bischof keine unwesentliche Rolle in der Zivilgesellschaft (Schulen, Gesundheitswesen, Immobilien).

Das bisherige System ist gescheitert. Man muss ja nicht unbedingt leugnen, dass Rom vielleicht eine gewisse Verantwortung für diese Sachlage trägt. Doch die Hauptverantwortung liegt bei der irischen Kirchenhierarchie, die praktisch eine sich selbst erhaltende Mediokrität hervorgebracht hat. Inkompetenz gebärt wiederum Inkompetenz.

Es sind die irischen Bischöfe, die traditionsgemäß Rom ihre Kandidaten vorschlagen. Vielleicht haben ja einige einzelne Bischöfe einen größeren Einfluss in Rom und nutzen ihn, um ihre Wunschkandidaten zu unterstützen, besonders dann, wenn diese Kandidaten Rom als „tadellose Männer“ (mit anderen Worten als „rechtgläubig“) verkauft werden können, oder wenn so manches „Hindernis“ gefunden werden kann, um einen unerwünschten Kandidaten (der für „Ärger sorgen“ könnte) anzuschwärzen. Doch eine solche sterile „Rechtgläubigkeit“ ist genauso weit von der Wahrheit der Heiligen Schrift und der katholischen Überlieferung entfernt wie der Marxismus von der wirklichen Notlage der Arbeiter. (Die jüngsten Bischofsernennungen lassen vermuten, dass Rom endlich entgegen dem bisherigen Trend handelt.)

Neue Formen der Besetzung von Bischofsstühlen gesucht

Es muss eine andere Art der Wahl geeigneter Bischöfe gefunden werden, die eine echte Mitwirkung von Priestern und Laien der neu gebildeten Diözesen vorsieht. Gläubige irische Katholiken und Priester könnten – vermutlich – in einzigartiger Weise mit einer derartigen Aufgabe betraut werden, ohne fürchten zu müssen, dass es dabei zu Spaltungen in der Kirche käme, wie es höchstwahrscheinlich in den meisten anderen europäischen Ländern der Fall wäre. Ein Teil dieser auf eine lange Dauer angelegten Gemeinschaftsaufgabe einer Auseinandersetzung mit unserer unmittelbaren katholischen Vergangenheit muss es sicherlich sein, die Möglichkeiten für einen aktiveren Einsatz im kirchlichen Leben von Laien und Priestern gleichermaßen auszuloten, wozu auch gehört, dass man der Wahl des Bischofs eine größere Bedeutung beimisst, des Bischofs, der als Nachfolger der Apostel zugleich eine wichtige Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in der irischen Gesellschaft darstellt. Eine ehrfurchtgebietende Aufgabe für die Gläubigen, die darob nicht zu beneiden sind.

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