08 Dezember 2009, 09:20
Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz
 
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Der Papst mahnt die Theologie, die zentralen Glaubensgeheimnisse im Auge zu behalten - Von Guido Horst / Die Tagespost

Rom (kath.net/DT)
Auftritt und Zelebrationen von Benedikt XVI. verfolgt man in Rom immer mit großer Aufmerksamkeit. Ob es der neue Kreuzstab ist, den der Papst nun trägt, oder der Gottesdienst, den er am Dienstagmorgen mit den Mitgliedern der bei der Glaubenskongregation angesiedelten Internationalen Theologenkommission des Vatikans in der renovierten Paulus-Kapelle des Apostolischen Palastes gefeiert hat – nichts entgeht dem aufmerksamen Publikum. Es war eine heilige Messe „versus Dominum“, also mit dem Rücken zu den Theologen auf das Kreuz und den Tabernakel mit dem Allerheiligsten hin. Der Papst gehe mit gutem Beispiel voran, kommentierten das die Homepages und Blogs der Traditionalisten-Szene.

Doch der Papst hatte auch etwas zu sagen und nutzte die Predigt während der Messfeier, um den Versammelten etwas von Theologe zu Theologe zu sagen. Benedikt XVI. begann mit einem Hinweis auf die Schriftgelehrten aus der Kindheitsgeschichte des Evangeliums, die als große Spezialisten den Weisen aus dem Morgenland sofort sagen konnten, dass der Messias in Betlehem geboren würde. „Aber sie fühlten sich nicht eingeladen, selber hinzugehen: Für sie blieb das ein rein akademisches Wissen, das ihr Leben nicht berührte; sie blieben außen vor. Sie konnten Erklärungen geben, aber eine Erklärung, die nicht zur Klärung ihres eigenen Lebens wurde.“

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Der Sprung, den Papst Benedikt dann zur Zunft seiner theologischen Kollegen der letzten beiden Jahrhunderte machte, war nicht gerade eine Liebeserklärung: Da habe es große Gelehrte gegeben, „große Spezialisten, große Theologen, Meister des Glaubens, die uns viele Dinge gelehrt haben.

Sie sind in die Details der Heiligen Schrift und der Heilsgeschichte eingedrungen. Aber sie haben das Geheimnis selbst, den wahren Kern nicht erkannt: Dass dieser Jesus wirklich Sohn Gottes war, dass der dreifaltige Gott in unsere Geschichte eintritt, in einem bestimmten historischen Augenblick, in einem Menschen wie wir.“ Das Wesentliche sei ihnen verborgen geblieben, meinte der Papst und hatte dabei nicht längst vergangene Zeiten vor Augen: „Leicht ließen sich große Namen der Theologiegeschichte der vergangenen beiden Jahrhunderte zitieren, von denen wir viel gelernt haben. Aber die Augen ihrer Herzen waren nicht offen für das Geheimnis.“

Wen Benedikt XVI. da vor Augen hatte, hat er in seiner Predigt nicht gesagt. Aber irgendjemand muss schließlich all die Religionslehrer ausgebildet haben, die etwa in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren ihren Schülern sehr genaue Kenntnisse über das Palästina des Alten Testaments und der Zeit Jesu vermitteln konnten, sich auch mit den Philosophien und religiösen Mythen des antiken Orients sehr auskannten und sie zur Deutung der Wunderberichte des Evangeliums heranzuziehen wussten, die bis ins Detail redaktionsgeschichtliche Theorien etwa zur Entstehung der nachösterlichen Evangelienberichte darstellen konnten – aber ihren Schülern nie zu sagen wagten, das Jesus Gottes Sohn und in der Eucharistie in seiner Kirche weiter gegenwärtig ist.

Die Internationale Theologenkommission des Vatikans, die jetzt ihren neuen, auf fünf Jahre angelegten Themenplan abzuarbeiten beginnt, wird sich im kommenden Jahr mit der theologischen Methodologie befassen. Welchen Methoden haben die einzelnen theologischen Disziplinen zu folgen, wie sieht das wissenschaftliche und damit vernunftgemäße Instrumentarium aus, mit dem sich der Theologe seinem Gegenstand, Gott, nähert?

Auch dazu wollte Benedikt XVI. in seiner Predigt etwas sagen. „Es gibt eine Art und Weise, die Vernunft zu gebrauchen, die autonom ist, sich über Gott stellt, und zwar über die gesamte Bandbreite der Wissenschaften, angefangen bei den Naturwissenschaften, wo eine für die Untersuchung der Materie angemessene Methode universalisiert wird: Bei dieser Methode kommt Gott nicht ins Spiel, das heißt Gott gibt es nicht.“ Dies geschehe schließlich auch in der theologischen Wissenschaft, sagte der Papst weiter – mit verhängnisvollen Folgen: „Da fischt man in den Wassern der Heiligen Schrift mit einem Netz, das nur Fische bis zu einer bestimmten Größe fassen kann – und alle Fische, die zu groß sind, passen nicht hinein, sodass man sich schließlich sagt: Die gibt es gar nicht. Genauso ist es auch mit dem großen Geheimnis Jesu: Man reduziert den Mensch gewordenen Sohn auf einen ,historischen Jesus‘, eine wirklich tragische Figur, ein Gespenst ohne Fleisch und Knochen – einen, der im Grab geblieben, der wirklich ein Toter ist. Die Methode weiß bestimmte Fische zu fangen, aber sie fängt nicht das große Geheimnis ein, weil der Mensch sich selbst zum Maß macht.“

Eine solche Methode trägt für den Papst „einen Stolz in sich, der zugleich eine große Dummheit“ sei, weil sie bestimmte Methoden absolut setze, die zu den großen Wirklichkeiten einfach nicht passen. So käme man wieder zum akademischen Geist der Schriftgelehrten, die den Weisen antworteten: Rührt mich nicht an, ich bleibe in meiner Existenz verschlossen. Es sei gerade die Spezialisierung, meinte der Papst, die zwar alle Details sehe, nicht aber mehr das Ganze.

Die dem Theologen dagegen angemessene Methode für seine wissenschaftliche Arbeit ist für Benedikt XVI. eine andere Weise, den Verstand zu gebrauchen und weise zu sein: „die des Menschen, der anerkennt, wer er ist, der das eigene Maß und die Größe Gottes anerkennt, indem er sich in Demut der Neuheit des Handelns Gottes öffnet. Auf diese Weise, gerade im Anerkennen der eigenen Kleinheit, indem er sich so klein macht, wie er ist, gelangt er zur Wahrheit.“

Auf diese Weise, so der Papst, könne auch der Verstand alle seine Möglichkeit zum Ausdruck bringen, er werde nicht ausgelöscht, sondern weite sich und werde größer.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Internationale Theologen-Kommission des Vatikans nach dieser Predigt des Papstes das theologische Methodengerüst revolutionieren wird. Aber Joseph Ratzinger ist selber Theologe genug, um als Papst den Finger auf eine Stelle zu legen, wo er in der Theologie von heute und der der letzten zweihundert Jahren eine Wunde sieht: der Stolz vieler akademischer Gelehrter, der zugleich eine „große Dummheit“ ist – der Papst sprach von „grande stoltezza“, was man auch mit „großer Blödheit“ übersetzen kann. Er meinte den Stolz, sich über das zu stellen, was dem Menschen von Gott durch die Offenbarung und die Heilige Schrift gegeben ist. Benedikt XVI. mahnte am Dienstag nicht noch weiter verfeinerte Methoden an, sondern mehr Demut der theologischen Gelehrten.

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