16 November 2009, 11:50
'Nur wer wirklich an Gott glaubt, versteht etwas vom Zölibat'
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Zölibat'
Kardinal Joachim Meisner verteidigt im Hirtenbrief zum Priesterjahr den Zölibat: Der Zölibatäre zeigt uns und bezeugt uns, wie nahe Gott den Menschen ist und wie er das Herz eines Menschen zu gewinnen vermag

Köln (kath.net)
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat am Sonntag ein Hirtenbrief zum Priesterjahr und zum Zölibat veröffentlicht. Kath.Net dokumentiert das Schreiben im Wortlaut:

Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Der 150. Sterbetag des hl. Pfarrers von Ars am 4. August 2009 war für den Heiligen Vater Anlass, vom Herz-Jesu-Fest 2009 an ein „Jahr der Priester“ zu feiern. Er hat es unter das Motto gestellt „Treue in Christus, Treue des Priesters“. Dieses Jahr soll Sinn und Bedeutung des priesterlichen Dienstes und Lebens besonders in den Blick nehmen. Mit diesem Hirtenbrief möchte ich mit Ihnen den Sinn despriesterlichen Zölibats näher bedenken. Denn immerwieder ist es der Zölibat, der angefragt wird oder gar auf Unverständnis stößt.

1. Oft werde ich gefragt, was einen Christen von anderen Menschen unterscheidet. Ich antworte dann: In einem Christen müsste etwas sein, das es nur deshalbgibt, weil es Jesus Christus gibt. Es muss in jedem Christen einen unauflöslichen Rest an Sinn geben, der sich nur dann auflöst, wenn es Jesus Christus gibt. Ein solches Faktum im Leben eines Christen, das ohne Jesus Christus ganz unerklärlich bleibt, ist auch die gelebte gottgeweihte Ehelosigkeit, der Zölibat. Dieser Lebensstil ist ein unübersehbares Zeugnis für den lebendigen Gott mitten in der Welt. Dem Priester ist die Verkündigung des Reiches Gottes aufgetragen. Was er verkündigt, bezeugt er zeichenhaft und wirksam zugleich durch seinen Lebensstil.

Die Kirche bindet das Priestertum also an Menschen, deren Lebensstil nur erklärbar ist, wenn es Gott gibt. Es ist deshalb nicht nur höchst angemessen, sondern geradezu missionarisch notwendig, dass in der katholischen Kirche das Weihepriestertum mit der Gabe der Ehelosigkeit verbunden ist. Der Zölibat ist daher keine zusätzliche Hürde, die die Kirche dem Menschen in den Weg stellt, genau sowenig wie die Unauflöslichkeit der Ehe. Beide sind vielmehr Zeichen für das nahe gekommene ReichGottes. Das bedeutet: das unauflösliche Ja der Eheleute wie die vorbehaltlose Verfügbarkeit im Zölibat zeugen davon, dass Menschen sich voll und ganzeinlassen auf Gottes entgegenkommende Liebe; sosehr, dass sie mit ihrem ganzen Leben, mit ihrer ganzen Existenz dafür einstehen. Deshalb spricht das Evangelium vom „neuen Menschen“ (vgl. Eph 4,24).Christliche Ehe und zölibatäres Leben sind daher zwei Ausprägungen derselben Botschaft von Gottes unbedingter Nähe und Treue. Bezeugen und leben wir aber wirklich, was wir glauben?

Werbung
christenverfolgungmai


2. Die zentrale Frage für jeden Menschen lautet: „Wer ist Gott?“ Die ebenso tiefe wie schlichte Antwort darauf gibt uns der Apostel Johannes: „Gott ist die Liebe“(1 Joh 4,8). Dieses knappe Wort sagt uns: Gott hat nicht Liebe, sondern er ist die Liebe in Person. Woher wissen wir das? Der Apostel sagt darauf: Er hat uns „Kunde gebracht“ (vgl. Joh 1,18). Dieser „Er“ ist JesusChristus. Von ihm sagt Johannes weiter: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Er hätte auch gut sagen können: „Und das Wort ist menschliche Liebe geworden“. Wo Liebe ist, da ist auch immer ein Herz. Damit ist Jesus, der Gottmensch, ganz und garbeschrieben: Die Liebe wird Herz, und das HerzGottes hat unter uns gewohnt. In Christus hören wir das Herz Gottes schlagen in dieser Welt.

Gottes Herz hat in der Welt aber nicht irgendeine Gestalt angenommen, sondern die Gestalt des Priesters. Jesus ist der Hohepriester des neuen Bundes, ja der einzig wahre Priester, weil er als Opfergabe nicht irgendetwas, sondern sich selbst darbringt. Das feiern wir in der Eucharistie. Weil er Liebe ist, schenkt er sich ganz und gar, völlig und vollkommen an den Vater. Darin bezieht er auch seine menschliche Natur ein, seine Fähigkeiten des Verstandes, des Willens, des Gemütes, alle physische Kraft, alles leibliche Vermögen. Er ist der vollkommene Priester, der den Priestern des Neuen Bundes zuruft: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben“ (Joh 13,15). In diesem Ganz und Alles hat auch der Zölibat Jesu seinen Ursprung: Jesusgehört nicht nur einem Menschen, einer Frau, einer Familie. Jesus ist nicht ehelos geblieben und hat keine Familie im üblichen Sinn gegründet, weil er etwa das Geschlechtliche abgewertet oder Frau und Familie gering geschätzt hätte. Er wollte in seinem zölibatären Leben ein Zeichen dafür setzen, dass Gott der Vateraller ist.

Darum wird der zölibatäre Priester in seiner Treue zu Christus gerade darin ein getreues Abbild Christi, dass er allen zum Bruder wird und sich nicht an einen einzelnen Menschen bindet. Seine zölibatäre Lebensweiseermöglicht es ihm, in größerer Freiheit ein um so klareres Zeugnis zu geben von der entgegenkommenden Liebe Gottes. Das hat auch ganz praktische Auswirkungen. Weil ein Priester weniger Rücksichtauf unmittelbare Angehörige nehmen muss, kann er sich freier den Menschen zuwenden. Dabei können die Treue im Zölibat und die Treue der Eheleute einander stützen, indem sich beide Lebensformen als glaubwürdige Zeichen erweisen. Mehr noch: Unser aller Zeugnis als Kirche gewinnt an Kraft, wenn wir die verschiedenen Charismen und Gaben, die Gott uns schenkt, anerkennen und fördern, damit sie sich entfalten können und Frucht bringen.

3. In den geweihten Priestern will Jesus sein eigenes priesterliches Dasein fortsetzen und vergegenwärtigen. Sie müssen daher von der Feststellung des Apostels Paulus geprägt sein: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Im Zölibat will sich Gott unter den Menschen bekannt machen. Er will zeigen, dass er uns Menschen so nahe ist und uns so überschwänglich liebt, dass ein Mann als zölibatärer Priester sich ganz an Gott und an die Menschenverschwendet und dabei ganz Mensch ist und bleibt. Hier wird deutlich: Nur wer wirklich an Gott glaubt, versteht etwas vom Zölibat. Gott kann einem Menschen so nahe kommen, dass er ihm das Herzabgewinnt. Sollte Gottes Menschenfreundlichkeit nicht genug Charme besitzen, einen Menschen in dieser Weise ganz zu erfüllen?

Aus meiner persönlichen Erfahrung meines Priesterlebens darf ich schlicht unddankbar sagen: Ja, unser Gott hat diesen unwiderstehlichen Charme! „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt“ (Jer 31,3), heißt es beim Propheten Jeremia. Wo gibt es denn solche Liebesanträge? Einzelne antworten darauf mit der Ausschließlichkeit und Direktheit der Ehelosigkeit und liefern sich so in Freiheit und Wahrheit dieser Liebe aus. – Das ist Zölibat. Das schließt ein, dass der Zölibat an die Grenzen unserer menschlichen Möglichkeiten führt, weil er in der Spannung zwischen menschlichem Dasein und der verheißenen Vollendung steht. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen hält mitten unter uns die Sehnsucht wach nach der einen, endgültigen, vollkommenen Liebe. Der zölibatäre Mensch streckt sich mit seinem ganzen Dasein aus nach jener letzten Erfüllung, die nur Gott schenken kann. Der Zölibat ist deshalb ein Charisma, eine Gnadengabe, und damit ein kostbares Geschenk der Freiheit.

Wer die gottgeweihte Ehelosigkeit nur pragmatisch, funktional oder psychologisch bewertet, greift notwendig zu kurz. Könnte es nicht sein, dass der Zölibat gerade in seiner gesellschaftlichen Widerspenstigkeit ein Schatz ist, den es neu zu heben gilt und dessen prophetische Botschaft neu verstanden werden muss?

4. So wie der Mann bei der Eheschließung diese eine Frau unter vielen wählt, die Frau diesen einen Mannallen anderen vorzieht und dies nicht als Verzichterlebt, so zieht der Zölibatär die Partnerschaft mit dem nahen Gott allen anderen möglichen Partnerschaften vor. Zölibat ist wie die Ehe zuerst eine Bevorzugung. Der Zölibatäre zeigt uns und bezeugt uns, wie nahe Gott den Menschen ist und wie er das Herz eines Menschen zu gewinnen vermag. Dieser Mensch sagt: Ich habe Gott als so erfüllend erfahren, das er mein ganzes Dasein ausfüllt.

Deshalb gebe ich nicht etwas, sondern mich ganz in diese Beziehung. Hier nun erhebt sich die entscheidende Frage: Glauben denn die Menschen wirklich an einen Gott, der ihnen so nahe kommen kann? Ich habe tatsächlich hin und wieder den Eindruck, dass manche liebereinen Gott hätten, der groß und gewaltig ist, und der in der Höhe des Himmels in so großer Distanz zu uns Menschen lebt, dass er uns nicht viel anhaben kann. Das ist aber nicht der biblische, nicht der buchstäblich entgegenkommende Gott unseres Glaubens. Denn in seiner Menschwerdung zeigt er sich in geradezu intimer Nähe. In Christus kommt uns Gott so nahe, dass er in der sakramentalen Ehe als Dritter im Bunde Teil der Beziehung wird und in der zölibatären Lebensform gleichsam zum Lebenspartner. Die Frage ist nun: Lassen wir Gott uns so nahe kommen? Trauen wir ihm und uns solche Nähe zu? Vielleicht kommen ja manche Argumente gegen den Zölibat daher, dass wir eine solche Nähe, wie sie hier sichtbar wird, abwehren. Die Distanz Gott gegenüber wird zu einer Art Selbstschutz vor eventuellen Ansprüchen Gottes an das Leben der Menschen.

5. Haben wir doch keine Angst vor der Nähe Gottes! Er nimmt uns nichts, sondern er gibt uns alles. Auch und gerade dann, wenn er einem Menschen die Gabe der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen schenkt. Diese Gabe wird nicht nur Männern gegeben, die der Herr zum Priestertum beruft, sondern auch vielen anderen Frauen und Männern. Das zeigt sich in den verschiedenen Formen des Apostolates. Solche Menschen bezeugen schlicht durch ihr Dasein, dass Gott existiert.

Freilich gibt es auch verheiratete Priester, etwa in den Ostkirchen. Doch auch dort wird die Lebensform unverheirateter Priester hoch geschätzt, so sehr, dass nur Zölibatäre zum Bischofsamt berufen werden. In der lateinischen Kirche erfreut sich der Zölibat von Beginn an größter Wertschätzung und wird seit Jahrhunderten als kostbare Gabe des Heiligen Geistes für das ganze Volk Gottes gelebt. „Die Priester werden aus der Reihe der Menschen genommen und für die Anliegen der Menschen bei Gott bestellt“ (II. Vat.,PO 3). Gott, der Schöpfer des Menschen, beruft einen Menschen für sich zugunsten der Welt, sodass er dann wie Jesus lebt: ehe- und familienlos.

Gottes Liebe ist stärker! Sie ist wirklich stärker als alles Wenn und Aber. Das beweisen die vielen Priester, Ordensfrauen und Ordensbrüder, die dieses Charisma der gottgeweihten Ehelosigkeit gelebt haben und leben, und zwar nicht nur mit Ach und Krach, sondern auch ein wenig mit Glanz und Gloria. Sicher, wir machen bisweilen auch die bedrückende Erfahrung menschlicher Begrenztheit und Schwachheit. Die notwendige innere Reifung bleibt aus oder wird verweigert, der Einzelne verfehlt sich oder wird sogar schuldig. Daran darf nichts beschönigt werden. Aber es wäre ebenso verfehlt, deshalb die Möglichkeiten eines zölibatären Lebens –wie auch der lebenslangen ehelichen Treue – grundsätzlich in Frage zu stellen oder ganz zu verneinen. Ich bin deshalb den vielen Priestern und Eheleuten von Herzen dankbar, denen ein solches Lebenszeugnismit Gottes Hilfe und persönlichem Engagement gelingt.

6. In meinen Überlegungen zum Zölibat bin ich immer wieder auch auf die Ehe zu sprechen gekommen. Mir scheint, dass sich in einer solchen Zusammenschaubeide, Zölibat und christliche Ehe, tiefer erschließen. Ich möchte hier den Blick noch einmalbewusst auf Ehe und Familie lenken, weil viele von Ihnen – Gott sei Dank! – Eheleute undFamilienangehörige sind. Gottes Liebe will auch in Ehe und Familie die Gestalt des Herzens annehmen. Es ist diese überströmende Liebe Gottes, die Frau und Mann aufnehmen und einander zuwenden. Undaus dieser Zweiheit der Liebe wird das Kind geboren, sodass die Liebe eine neue Gestalt bekommt. Die Eltern werden ihrem Kind sagen: Du bist unser vielgeliebtes Kind.

Der große Entwurf einer ehelichen Partnerschaft wie eines zölibatären Lebens muss freilich umgesetzt werden in vielen kleinen alltäglichen Schritten und Gesten. Zum Gelingen gehört auch das Gebet unbedingt dazu. Wie eine eheliche Beziehung ohne das Gespräch miteinander und mit Gott innerlich austrocknet und schließlich verdorrt, so kann auch ein Priester unmöglich ohne das Gebet leben. Wenn er nicht mehr mit Gott spricht, wenn er nicht mehrbetet, dann wird er ihm und den Menschen eines Tages nichts mehr zu sagen haben. Die Treue ist die Frucht täglicher personaler Begegnung. Darum gehört die tägliche Zeit für die Begegnung mit dem lebendigen Gott zur Tagesordnung eines Priestersund auch von Ehegatten. Wir schauen abschließend nochmals auf unsere zölibatären Priester: Was von außen betrachtet wie ein sinnlos verschwendetes Leben aussehen mag, besonders aus dem Blickwinkel einer Gesellschaft, die auf hektischen Genuss und materiellen Aufstieg setzt, wird für diese Gesellschaft zu einem kritischen und heilsamen Zeichen der Provokation. „Nur Gottallein genügt!“ Es ist dankens- und bewundernswert, dass auch und gerade heute Menschen dem RufGottes folgen und diese Lebensform wählen. Wir sollten uns dabei in Solidarität und Dankbarkeit an die Seite unserer Priester stellen und ihr Lebenszeugnisdurch unser Zeugnis ergänzen: Nur Gottallein genügt wirklich allen! Es segne Euch der dreifaltige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Köln, am 4. August 2009,dem 150. Todestag des heiligen Pfarrers von Ars+ Joachim Card. MeisnerErzbischof von Köln

Mit Kath.Net zum Weltpriestertreffen nach Rom







kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.