21 September 2009, 12:15
'Absurd, zu behaupten, die Bischöfe unterstützten Abtreibungen'
 
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Bischof Klaus Küng wehrt sich im Kath.Net-Interview gegen Behauptungen von Lebensschützern und übt Kritik an einer Hungerstreikaktion eines Pro-Life-Aktivisten vor der Nuntiatur - "Aktion Leben" stellt in Österreich keine Beratungscheine mehr aus

St.Pölten-Wien (kath.net)
Kath.Net: Dr. Preßlmayer, ein Lebensschutzaktivist, führt vor der Nuntiatur in Wien einen Hungerstreik durch. Er will offenbar erzwingen, dass die Bischöfe ihre Hilfe für die Aktion Leben einstellen, die seiner Meinung nach Abtreibungen unterstützt. Unterstützen die österreichischen Bischöfe Abtreibungen? Setzen sie sich nicht genug für das Leben ein?

Bischof Küng: Es ist absurd, zu behaupten, die österreichischen Bischöfe unterstützten Abtreibungen. Und was den Einsatz für das Leben angeht, werde ich Ihnen jetzt nur einige der Tätigkeiten in Auswahl nennen, die wir für das Leben durchführen.

Alle Diözesen haben Fonds, um Müttern in Not zu helfen, Anlaufstellen, in denen sie die Möglichkeit zur Beratung und Unterstützung finden. In allen Diözesen finden regelmäßig Initiativen zum Lebensschutz statt. In der Erzdiözese Salzburg wird seit ein paar Jahren mit großem Erfolg eine Woche für das Leben abgehalten. Nächstes Jahr wird dies voraussichtlich in allen Diözesen geschehen.

Im politischen Bereich gab es seitens der Bischöfe gerade in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Vorstöße, auch Gespräche mit allen Parteien, um momentan wenigstens die von Bruno Kreisky versprochenen, aber nie verwirklichten flankierenden Maßnahmen durchzusetzen.

Kath.Net: Das sind Maßnahmen, um den Lebensschutz zu ermutigen. Aber nehmen Sie vielleicht nicht deutlich genug Stellung gegen die Abtreibung?

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Bischof Küng: Mit Stellungnahmen der Bischöfe, die entschieden den vollen Lebensschutz von der Empfängnis an bis zum natürlichen Tod fordern, könnte man ein ziemlich dickes Buch füllen. Sie wollen Zeichen? Erzbischof Kothgasser hat eine wichtige Landesauszeichnung abgelehnt, weil kurz zuvor in diesem Land die Durchführung der Fristenlösung, die vorher an Landeskrankenhäusern untersagt war, auch an Landeskrankenhäusern erlaubt wurde.

Und Sie brauchen nicht weit zurück zu gehen, zum 3. September genau, um eine gemeinsame, deutliche Medienaktion des Vorsitzenden der Bischofskonferenz und des Familienbischofs anlässlich jener unglücklichen Feier zur Ehrung von pro:woman zu finden; da haben wir massiv gegen die „Feier der Abtreibung“ protestiert – und wurden auch gehört.

Wahr ist natürlich auch, dass alle Versuche, eine Verbesserung der Gesetzeslage im Sinne der flankierenden Maßnahmen zu erreichen, bis jetzt erfolglos waren, und dass jede Andeutung in Richtung Gesetzesänderung im Zusammenhang mit der Fristenregelung Emotionen auslöst, die die Gräben zwischen den verschiedenen Lagern vertiefen.

Wenn Sie also fragen, ob sich die Bischöfe genug für das Leben einsetzen: meines Erachtens tun wir, was uns möglich ist, aber sicher ist es nie genug! Ich bin auch damit einverstanden, dass es manchmal angebracht sein kann zu überprüfen, ob die Bemühungen wirksam sind und genügend konsequent.

Kath.Net: Wie steht es mit der Unterstützung der Aktion Leben durch die Bischöfe? Einige Lebensschützer behaupten, Aktion Leben gäbe Frauen, die abtreiben wollen, bereitwillig die Adresse von Abtreibungspraxen; außerdem propagiere „Aktion Leben“ eine „ergebnisoffene Beratung“, die ja im Widerspruch zur katholischen Morallehre steht.

Bischof Küng: Zunächst einmal: Aktion Leben ist keine kirchliche Institution. Der Vorstand hat mir bei einigen Gesprächen unmissverständlich erklärt, dass sie sich deshalb nicht unbedingt verpflichtet fühlen, allen bischöflichen Weisungen zu folgen. Auch ich habe ein Problem mit dem Begriff „ergebnisoffene Beratung“, Aktion Leben weiß das, weil ich mehrmals mit ihnen darüber gesprochen habe. Auch in einigen anderen Bereichen gibt es Einwände, es betrifft insbesondere die Fragen der Sexualerziehung und der Verbreitung von Verhütungsmittel in der Meinung, man könne so die Zahl der Abtreibungen vermindern, was ein Irrtum ist. Deshalb gewährt die Bischofskonferenz seit Jahren der Aktion Leben ausschließlich für die Unterstützung von Müttern in Not einen Betrag, dessen widmungsgerechte Verwendung von der Aktion Leben Jahr für Jahr genau belegt und vom Generalsekretariat der Bischofskonferenz genau kontrolliert wird.

In Gesprächen mit dem Vorstand habe ich den Eindruck gewonnen, und das wurde mir wiederholt versichert, dass sie wirklich versuchen, den Frauen beizustehen, damit sie zu ihrem Kind ja sagen, auch wenn sie den Begriff „ergebnisoffene Beratung“ verwenden. Sie tun das, damit keine Frau Angst hat, bedrängt oder gar beschuldigt zu werden, wenn sie zur Beratung kommt, Das ist jedenfalls ihre Begründung. Der Vorstand hat in diesen Gesprächen auch immer beteuert, dass sie keine Adressen für Abtreibungspraxen verteilen und schon gar nicht den Frauen, die abtreiben, die Abtreibungspille „Mifegyne“ geben.

Kath.Net: Aber wie ist das nun mit den Scheinen, die bei Aktion Leben ausgestellt werden? Dr. Preßlmayer hat im vergangenen Jahr eine Detektivin in ein Büro der Aktion Leben geschickt und damit auch dokumentieren können, dass die Beraterin ihr nach wenigen Minuten einen „Beratungsschein“ ausgestellt hat.

Bischof Küng: Das ist richtig. Ich habe damals, als der Zwischenfall mit der Detektivin passierte, ein ausführliches Gespräch mit dem Vorstand der Aktion Leben geführt. Sie haben es bedauert, dass sich die Beraterin von der angeblich sehr forsch auftretenden Detektivin überrumpeln ließ. Sie teilten mit, dass seit einiger Zeit manche Krankenhäuser in Wien und das Landeskrankenhaus in St. Pölten tatsächlich für die Vornahme von Abtreibungen für sozial Schwache die Vorlage der Bestätigung für eine durchgeführte Beratung verlangen. Anscheinend ist es dann billiger. Da es ein vielfältiges Angebot von Beratungsstellen gibt, kommen zur Aktion Leben in der Regel nur solche Frauen, die in ihrer Konfliktsituation eine echte Beratung wünschen. Sie wollen in der Regel keine Bestätigung, die sie in anderen Beratungsstellen ohne weiteres bekommen. Schon damals, im Gespräch nach dem oben erwähnten Vorfall mit der Detektivin, haben sie zugesichert, dass sie seither keine Bestätigungen mehr ausstellen.

Kath.Net: Habe ich das richtig verstanden: Aktion Leben stellt keine solchen Scheine mehr aus?

Bischof Küng: Das haben sie mir versichert, ja.

Kath.Net: Ein anderer Vorwurf von einigen Lebensschützern ist, dass die Bischöfe nicht die Trennung von beratenden und abtreibenden Arzt fordern. Wäre mit so einer Forderung nicht dem Lebensschutz geholfen?

Bischof Küng: Es ist richtig, dass wir Bischöfe im Zusammenhang mit den „flankierenden Maßnahmen“ - unter anderem wegen der Erfahrungen in Deutschland - auf die Forderung nach verpflichtender Beratung vor einer Abtreibung verzichtet haben. Bezüglich der verpflichtender Trennung zwischen beratendem und abtreibendem Arzt gab es aus dem gleichen Grund Zweifel, ob es angebracht ist, auf dieser Forderung, die ebenfalls immer unter den flankierenden Maßnahmen angeführt wurde, zu beharren. Es besteht nämlich die Gefahr, dass man letztendlich wirklich zum Teil eines Systems wird, das die Abtreibung unterstützt. Aber gerade das wurde seitens Dr. Preßlmayer und einiger anderer Lebensschützer so interpretiert, als wären die österreichischen Bischöfe von der Einforderung eines umfassenden Lebensschutzes abgegangen.

Kath.Net: Was ist mit ihrem Brief vom 18. November, in dem Sie Aktion Leben unter anderem mitgeteilt haben, dass nie ein Beratungsschein ausgestellt werden darf, wenn nicht tatsächlich eine Beratung stattgefunden hat, und dass sie „möglichst“ keine Bestätigungen mehr ausstellen sollen. „Möglichst“? Ist das nicht doch die Öffnung der Türe in Richtung Kooperation mit Abtreibung?

Bischof Küng: Nein. Eine Mitwirkung wäre immer ein sehr schwerwiegendes Vergehen. Das würde ich selbstverständlich niemals gutheißen, das ist in meinem Brief auch nicht gemeint. Die Aktion Leben hat das ja auch richtig verstanden. Sie haben mir jetzt, in den letzten Tagen, erneut bestätigt, dass sie keine Bestätigungen ausstellen, die dann dazu dienen, verbilligte Abtreibungen durchführen zu können, und ich habe sie erneut darin bestärkt, alles strikt zu vermeiden, was eine Kooperation sein könnte. Aber es kann ja z.B. eine Frau während der Arbeitszeit eine Beratungsstelle aufsuchen und eine Bestätigung für den Arbeitgeber benötigen.



Kath.net: Und was sagen Sie zum Vorwurf, sowohl Aktion Leben als auch die Bischöfe hätten sich eigentlich mit der Fristenlösung abgefunden?

Bischof Küng: Das ist ein ernster Punkt, den ich auch gerne ausführlich beantworten möchte. Es ist mir immer ein Anliegen gewesen, dass die Einforderung der so genannten flankierenden Maßnahmen nicht als Einverständnis mit der Fristenlösung gedeutet wird. Die Fristenlösung wird für uns niemals akzeptabel sein. Die flankierenden Maßnahmen sind jedoch ein Schritt in die richtige Richtung, ihre Einforderung ist auch eine Art, das Thema bewusst zu machen.

Ich habe es zum Beispiel als positiv empfunden, dass Frau Staatssekretärin Marek aus Anlass der Auseinandersetzungen wegen der Veranstaltung am 3. September im Wiener Rathaus gesagt hat, es sei richtig, über die Einführung einer Bedenkzeit von drei Tagen zwischen Beratung und Abtreibung nachzudenken. Die Einführung einer solchen Frist wäre ein erster kleiner Schritt.

Zu fordern ist aber selbstverständlich ein möglichst guter Schutz des Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Das bedeutet aber nicht unbedingt die Rückkehr zur früheren Gesetzgebung genau so, wie sie vor Einführung der Fristenlösung in Österreich war. Es wird neu zu überlegen sein, wo Vindikationen ansetzen sollen. Der Lebensschutz ist eben eine komplexe und vielschichtige Angelegenheit, auch wenn gewisse Einzelpersonen meinen, genau zu wissen, wie die Kirche reagieren muss und soll. Um zu zeigen, dass auch Rom sich der Vielschichtigkeit der Problematik bewusst ist: Die Glaubenskongregation hat vor einiger Zeit erklärt hat, es sei für christliche Politiker unter bestimmten Umständen erlaubt, auch bei der Schaffung oder Änderung eines an sich moralisch nicht akzeptablen Gesetzes mitzuwirken, wenn sie nur auf diese Weise manche Schadensbegrenzungen erreichen können.

Kath.Net: Ist also der Hungerstreik von Dr. Preßlmayer nicht begründet?

Bischof Küng: Es hat mich, ehrlich gesagt, sehr enttäuscht, dass Dr. Presslmayer auch in den letzten Tagen in Interviews weiter behauptete, Aktion Leben stelle Scheine aus, die als Voraussetzung für die Durchführung von Abtreibungen dienen, obwohl er davor durch einen Brief von mir informiert wurde, dass dies nicht der Fall ist. Offenbar möchte er die Zusicherungen der Leitung von Aktion Leben nicht wahrhaben. Ich empfinde das, was er tut, als sehr bedauerlich. Er kämpft für ein an sich gutes und wichtiges Anliegen am falschen Platz gegen die falschen Personen und mit fragwürdigen Mitteln.

Kathpedia: Bischof Küng

kathTube: Die Predigt von Bischof Küng bei der kath.net-Familienwallfahrt nach Mariazell









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