01 Juni 2009, 11:35
‚Christus aber ist allein in der Kirche erfahrbar’
 
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Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zur Eröffnung der Missionale beim Pontifikalamt auf der Rheinpromenade in Düsseldorf am Pfingstmontag.

Düsseldorf (www.kath.net/PEK)
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
1. „Öffnet die Türen für Christus!“ ist ein Gebot der Stunde für uns hier in Düsseldorf, aber auch an allen anderen Orten der Welt. Der Heilige Vater trägt in seinem Wappen die Petrusschlüssel. Er ist der Pförtner, der diese Tür für alle öffnen soll. Sein Schlüssel ist nur zum Öffnen da. Selbst dort, wo er schließen müsste, geht es nie um Ausschluss, sondern um Einladung, Umkehr und Heimkehr.

Es geht um Aufschluss. „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen…Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh14,2-3), sagt der Herr. Christus ist unser Platzhalter beim Vater. Wir sind die Platzhalter unserer Schwestern und Brüder in der Kirche, deren Plätze immer leer bleiben. Jeder von uns ist gesegnet und beladen mit der Verantwortung für alle draußen vor der Tür. Die Kirche ist keine geschlossene Gesellschaft, sondern das Haus für alle. Auf ihrem Portal steht nicht: „Vorsicht, bissiger Hund!“, sondern „Herzlich Willkommen!“. Darum ist keiner von euch für sich allein hier, sondern er steht für alle Bewohner Düsseldorfs.

Düsseldorf kann, wie jede Stadt, das Urerlebnis von menschlicher Nähe, Gemeinschaft und Geborgenheit vermitteln. Eine Stadt kann aber den Menschen auch bedrohen. Inmitten flutenden Verkehrs auf den Straßen kann eine Wüste von Anonymität und Vereinsamung wachsen. Das soziale Spannungsfeld Großstadt, räumliche Nähe und doch isoliert, Tür an Tür leben und doch ohne Nachbarschaft, das war und ist eine der großen Herausforderungen, besonders an uns Christen. Die Antwort darauf kann für uns nur Jesus Christus heißen.

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Letztlich ist unsere Berufung als Christen hier in Düsseldorf, unserer Stadt mit ihren Menschen zuallererst Christus zu bringen. Verzetteln wir uns in Nebensächlichkeiten, blieben wir anderen das eine Notwendige schuldig. Alles, außer Christus, ist auch woanders zu haben.

Christus aber ist allein in der Kirche erfahrbar. Seit seiner Himmelfahrt schweigt der Herr. Seitdem hat er sich und seine Botschaft den Aposteln und Jüngern anvertraut: „Ihr sollte meine Zeugen sein“ (Apg 1,8). Nun sind wir an der Reihe. Die Missionale beginnt. Die Türen werden geöffnet. Gehen wir über die Schwellen unserer Kirchen auf die Straßen unserer Stadt. Der Zeuge Jesu Christi wird nicht überall mit offenen Türen rechnen können. Je gottfremder eine Umwelt ist, desto fremder fühlt sich ein Christ in ihr. Anderen erscheint er weltfremd, unangepasst, ja exotisch. Das war eigentlich zu allen Zeiten so. Ohne Widerspruch gibt es kein Christentum.

Das darf uns nicht in die Resignation treiben. Nein, im Gegenteil! Wer die Abhängigkeit vom Diktat des Zeitgeistes abgeworfen hat, wird innerlich frei, reif und reich. Das wird sicher auch die Frucht unserer Missionale für alle die sein, die ganz bewusst als Zeugen Christi auf die Straßen zu den Menschen gehen werden.

2. Unser Zeugnis für Christus bleibt für die Menschen unverzichtbar. Denn hat der Mensch Gott nicht zum Herrn, dann macht er sich Götzen. Und das kann auf Dauer schwerlich gut gehen. Jeder Götzendienst zerstört den Menschen selbst. Die Bezogenheit des Menschen auf Gott entsteht nicht durch den Glauben. Sie ist dem Menschen von Natur aus mitgegeben. Im Glauben an Gott wird sie nur anerkannt und verwirklicht.

Sagen wir es nochmals: Realisiert der Mensch seine natürliche Hinordnung auf den lebendigen Gott nicht, entsteht in ihm ein Vakuum, in das leicht anderes einströmt. Für Gott gibt es keinen Ersatz. Unsere Stadt hat etwa den Götzendienst für Rasse, Blut und Boden in der Nazizeit erlebt, der in millionenfacher Unmenschlichkeit endete. Es gehört zum Wächteramt der Kirche, auch unbequeme Dinge beim Namen zu nennen. Ich würde als Bischof meine Sendung verraten, hätte ich nicht den Mut zu sagen: Entlarvt die fremden Götter unter uns - die egoistische Ellbogenmentalität; die auf Ideologien gegründete Macht des Menschen über den Menschen, auch über den ungeborenen Menschen; die Anbetung von materiellem Reichtum und erhöhtem Lebensstandard; den öffentlichen Kult des Sexus.

Öffnet dem Erlöser Jesus Christus die Türen! Und vergesst, liebe Düsseldorfer, nicht: Wir sind als Ortskirche immer mehr, als wir sind! Wir sind auch Glied der großen Weltkirche!
Die Kirche lebt nach dem Gesetz der Kette. Das heißt, sie ist immer so stark, wie das schwächste Glied der Kette ist. Nur Gott selbst kann beurteilen, wie stark die Kirche hier vor Ort in Düsseldorf ist. Eines aber wissen wir: Viele messbaren Impulse sind von uns hier in die Weltkirche ausgegangen. Aus unseren Gemeinden erhalten die Werke Missio, Misereor, Adveniat und Renovabis beachtliche finanzielle Hilfe.

Daneben unterstützen viele Gemeinden Projekte in der Dritten Welt. Gott sei Dank für alles! Behaltet aber das Eine in euren Herzen: Christ ist man immer für andere, und zwar ist uns die Nächstenliebe und nicht nur die Übernächstenliebe aufgetragen. Als Erzbischof von Köln, zu dem die bedeutende Stadt Düsseldorf gehört, wäre ich Gott sehr dankbar, wenn unsere Gemeinden in Düsseldorf ihren missionarischen Dienst für die Menschen vor Ort dynamisieren und intensivieren.

Ich möchte am Ende der Missionale das Wort des heiligen Paulus nachsprechen dürfen: „Überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir darüber nichts mehr zu sagen brauchen“ (1 Thess 1,8).

3. Christsein ist nur ein anderer Name für „Missionar sein“. Das bedeutet auch, fremde Interessen zu eigenen Interessen werden zu lassen und anderen am eigenen Glaubensgut teilzugeben und auch am Unglauben der anderen teilzunehmen. Der Apostel Paulus sagt im Hinblick auf einen Christen, der mit einem Ungläubigen verheiratet ist: Der ungläubige Mann wird in der Ehe durch die gläubige Frau geheiligt, und die ungläubige Frau wird in der Ehe durch den gläubigen Mann geheiligt (vgl. 1 Kor 7,14). Christsein ist nur ein anderer Name für „Missionar sein“. Die vielen Nichterwählten sind mit den wenigen Berufenen immer miterwählt: so Ismael mit Isaak, so Esau mit Jakob, so die elf Brüder des ägyptischen Josef mit ihrem Bruder Josef, den sie verkauft haben, so die Bewohner von Sodom und Gomorra mit den zehn Gerechten.

Die ganze Schrift bezeugt diese missionarische Gegebenheit. Der Christ hat immer ungläubige Verwandte. So wie Israel nicht durch Israel gerettet wird, sondern durch seine Heilssorge für alle Völker, so wird der Christ nicht gerettet durch den Christen, sondern durch seinen missionarischen Einsatz auf der Straße, denn er ist berufen zugunsten der noch nicht Berufenen.

Ich darf es noch einmal sagen: Die vielen Nichterwählten sind durch die wenigen Erwählten immer miterwählt. „Glaubst du das?“, sagt der hl. Bernhard von Clairvaux: „Dann musst du unruhig werden, dann musst du Missionar werden!“ Gerettet wird man für die anderen, durch die anderen und mit den anderen. Jeder Mensch trägt eine göttliche Spur, eine Sehnsucht nach Gutsein, nach Heiligkeit, nach Reinsein in sich. Denn er ist ja erschaffen nach Gottes Ebenbild und Gleichnis. In vielen Menschen aber ist diese Sehnsucht nach Vergöttlichung verschüttet im tiefen Brunnen der eigenen Seele, ob freiwillig oder durch andere. Sie kennen sich eigentlich selbst nicht mehr. Sie sind sich entfremdet. Sie sind sich selbst fremd geworden und Gott gegenüber entfremdet.

Der Sohn Gottes, der sie heimholen will, ist darum wie ein Fremder gekommen und wie ein Fremder behandelt worden. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Christus zeigte so, dass der Mensch einem Fremden gleicht, mag er sich in seiner Welt auch in vielem ganz wie zu Hause fühlen. Darum ist Christus gekommen, vom Vater gesandt, um die Menschen wieder heimzuholen, dorthin, wonach jeder Mensch „Heimweh“ hat. Die Menschen warten auf solche Wegführer, die ihnen zeigen, woher sie kommen und wofür sie bestimmt sind.

Damals drängten sich die Menschen, um mit Jesus in Berührung zu kommen, und wenn es nur mit dem Saum seines Gewandes von hinten war: „Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ (Lk 6,19). Nach der Erhöhung des Herrn legten die Bewohner von Jerusalem ihre Kranken an den Straßenrand, damit der Schatten der Apostel, wenn sie zum Gebet in den Tempel gingen, sie berühre, denn schon dadurch würden sie Heilung erfahren. Wir werden auf die Straßen unserer Stadt geschickt, um Christus berührbar werden zu lassen. Nicht wir missionieren, sondern Christus missioniert durch uns. Er muss durch uns für die Menschen auf den Straßen der Stadt berührbar werden. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, sagen wir.

Aber doch gibt es eine Ausnahme, das ist Jesus Christus selbst. Er kommt von oben. Er ist nicht auf die Straßen und Plätze dieser Welt gefallen, sondern unter das Herz der allerseligsten Jungfrau Maria. Und sie hat ihn ausgehändigt in die Hände der Kirche, in unsere Hände. Nun fällt der Meister den Menschen nicht mehr vom Himmel zu, sondern er muss ihnen aus unseren Herzen zugesprochen und aus unseren Händen zugereicht werden. Der eine ist Christusträger für den anderen.

Wir sind einander heilsnotwendig. Darum schickt der Herr seine Jünger zu zweit aus. Denn wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, dort ist er als Dritter dabei (vgl. Mt 18,20). Die beiden bilden also einen Brückenkopf, von dem aus der Herr die Welt und die Menschen berührt. Es sollte eigentlich in Düsseldorf kein Haus geben ohne eine solche Zelle, wo der Herr dabei ist, von dem aus der Herr die Nachbarschaft mit seinem Geist inspiriert. Der Herr schickt uns zu zweit und zweit aus, damit er als Dritter dabei ist, um durch uns die Menschen zu erleuchten. Eins plus eins ist gleich drei - „da bin ich mitten unter ihnen“.

Dafür öffnen sich die Pforten der Kirchen von Düsseldorf in diesen vor uns liegenden Tagen, damit Christus durch uns auf den Straßen der Stadt den Menschen begegnet. Darum haben die Heiden den ersten Christen den Namen „Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,2) gegeben. Wir Christen sind Anhänger der neuen Straßen in Düsseldorf, die Christus begeht und auf denen er durch uns zu den Menschen kommt, um ihnen das Heil zu bringen.
Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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