21 Mai 2009, 11:45
'Am schwersten war es mit den Juden'
 
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Kath.Net-Exklusiv-Interview mit Rabbi Alon Goshen-Gottstein über seine aufsehenerregende Aktion beim Papstbesuch im Heiligen Land: "Es hatte mich bereits mit Schmerz erfüllt, wie der Papstbesuch bisher gelaufen war"

Jerusalem (kath.net/rn)
Kath.Net: Letzte Woche haben Sie während des Besuchs von Papst Benedikt in Nazareth diese wundervolle Initiative gestartet und ein Friedenslied angestimmt. Sie war nicht auf dem Plan gestanden - was war ihre Motivation dafür und wann bekamen Sie die Idee dazu?

Rabbi Alon Goshen-Gottstein: Doch, es war geplant, aber nicht im ursprünglichen Plan vorgesehen. Die Idee kam am Dienstag auf, ungefähr 48 Stunden vor dem interreligiösen Treffen, vielleicht sogar noch später. Es hatte mich bereits mit Schmerz erfüllt, wie der Papstbesuch bisher gelaufen war und wie er durch die Presse nicht richtig aufgenommen worden war, und besonders wegen der ungenützten Gelegenheit für die jüdisch-christliche Beziehung. Es schien mir, dass etwas gebraucht würde, was helfen könnte, das Bild des interreligiösen Dialogs zu verändern.

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Das unglückliche Treffen des Abends zuvor in Jerusalem, das Shaikh Tamimi durcheinander gebracht hatte, sollte nicht das letzte Bild des Papstbesuches sein. Also habe ich dem Vatikan vorgeschlagen, dass wir diesen Moment mit einem Lied gestalten sollten, und mit den dazugehörigen Bildern. Die Idee war, einen besseren Sinn und Gefühl für den interreligiösen Dialog zu vermitteln. Wie sich herausstellte, hat es schließlich auch Leben in ein Treffen gebracht, das aus Ansprachen bestand, die ziemlich standardmäßig waren.

Kath.Net: In der christlichen Welt gab es viele positive Reaktionen darauf. Wie waren die Reaktionen in der jüdischen Welt?

Rabbi Alon Goshen-Gottstein : Ich bin sehr glücklich darüber, dass es von den Christen so gut aufgenommen wurde. Es ist eine Quelle großen Trosts und Belohnung für mich, das die Menschen das gesehen haben und davon berührt wurden. Auf jüdischer Seite hat es wenig Aufmerksamkeit erhalten. Es kam in den allgemeinen Nachrichten, und viele Leute riefen mich an und gratulierten mir, aber alles in allem kam es zu spät im Programm, so dass die Menschen nicht mehr so gut aufpassten. Die Tatsache, dass es ein Zusatz zum Programm war hat auch bedeutet, dass niemand besonders darauf gewartet hat.

Tatsächlich hat das israelische Fernsehen das Treffen auch nicht live übertragen, und die meisten Webseiten und Zeitungen haben nicht darüber berichtet. Wenn man sich die Bilder ansieht, die die israelische Presse vom Papstbesuch zeigt, ist dieses Bild nicht Teil der kollektiven Erinnerung. Also ist das Bild, das geholfen hat, den Besuch des Papstes in den Augen der Christen einzufangen, fast unbekannt in der israelischen Öffentlichkeit.

Kath.Net: Wie beurteilen Sie die Reise Papst Benedikts nach Israel?

Rabbi Alon Goshen-Gottstein: Es kommt wirklich auf die Perspektive an. Ich glaube, dass es für Christen eine sehr gute Reise war, mit wichtigen pastoralen Dimensionen. Es scheint mir auch, dass die Moslems insgesamt zufrieden waren. Der Papst sagte die richtigen Dinge und zeigte Einfühlungsvermögen für ihr Anliegen. Diejenigen, mit denen es schwersten war, sind die Juden. Niemand hatte voraussehen können, wie sehr die Tatsache eines deutschen Papstes gegen ihn selbst arbeiten würde, und er hat nicht die nötigen vorausschauenden Maßnahmen getroffen, um mit der Sache rechtzeitig umgehen zu können.

Außerdem hat er die israelische Öffentlichkeit verpasst. Während der Besuch von Johannes Paul II. der Moment war, der die israelische Öffentlichkeit näher an die Christenheit gebracht hat und die Arbeit von Jahrzehnten in wenigen Tagen vollbracht hat, hat Benedikts Besuch entweder die Beziehung nicht vorangebracht oder sie sogar zurück gesetzt, je nach dem, wen man fragt.

Das ist bedauerlich, und zu einem großen Anteil eine Konsequenz der medialen Aufmerksamkeit, die nicht sehr großzügig war. Es ist aber auch ein Ergebnis angesammelter Angelegenheiten wie Williamson, der Piusbruderschaft, der Karfreitagsfürbitte und einiger anderer Dinge. Papst Benedikt hat es geschafft, mehr Krisen in diesen vier Jahren zu erzeugen als Johannes Paul während seiner 23 Jahre. Und obwohl er hart daran gearbeitet hat, sie zu korrigieren, klingen sie in der öffentlichen Meinung immer noch nach.

Wenn Sie dazu seinen Mangel an Charisma und schauspielerischer Fähigkeit bedenken, verstehen Sie, warum er es nicht schaffen konnte, zur israelischen Öffentlichkeit durchzubrechen. Ich hoffe, dass meine kleine Geste wenigstens ein bisschen in diesem letzten Punkt helfen konnte.

Kath.Net: Sie sind Direktor des Elijah Interfaith Institute. Können Sie ihr Institut und sein Ziel in 2-3 Sätzen beschreiben?

Rabbi Alon Goshen-Gottstein: Auf unserer Homepage heißt es: Das Elijah Interreligiöse Institut ist eine multinationale Organisation, die den Frieden zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften der Welt durch den interreligiösen Dialog, Erziehung, Forschung und Weitergabe fördern möchte.

Unser einzigartiges Programm ermöglicht interreligiösen Dialog auf höchster Ebene, indem es religiöse Leiter und angesehene Gelehrte auf der ganzen Welt zusammenbringt, durch Forschungsprojekte, öffentliche Konferenzen und auf Gemeinschaft gegründete Initiativen.





Die beste Art, unsere Arbeit kennen zu lernen ist es natürlich, unsere Webseite zu besuchen, ich empfehle den kurzen Vorstellungsfilm auf youtube, das in unser Konzept des „Frieden teilen- Frieden fördern“ einführt, oder die Webseite, welche der Vergebung gewidmet ist, die Mitglieder unseres Forums von religiösen Führern auf der ganzen Welt zusammen bringt, die über die Frage der Vergebung nachdenken. Beides kann über unsere Homepage erreicht werden.

Kath.Net: Danke für das Interview!

www.elijah-interfaith.org














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