12 Mai 2009, 12:38
Vatikansprecher weist unwahre Behauptungen über Papst Benedikt zurück
 
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Papstsprecher Lombardi weist die Kritik an der Papstrede in Yah Vashem zurück: Nicht in jeder Ansprache könnten alle im Bezug auf die Shoah relevanten Themen wiederholt werden,

Jerusalem (kath.net/RV) Israels Zeitungen berichten ausführlich über den ersten Tag des Papstbesuchs in ihrem Land; Fotos auf den Titelseiten zeigen Benedikt XVI. im Holocaust-Memorial von Yad Vashem. Doch die Reaktionen auf die Papstrede dort sind verhalten bis rundheraus negativ:

Die links-liberale „Ha`aretz“ titelt „Überlebende verärgert über Benedikts lauwarme Ansprache“. Der Artikel erwähnt, dass der deutsche Papst in Hitler-Jugend und Wehrmacht war, das aber in Yad Vashem nicht einmal erwähnt habe. Auch von den Holocaust-Überlebenden, die dem Papst nach seiner Rede kurz die Hand gaben, hätten einige „gemischte Gefühle“ geäußert.

Die „Ha`aretz“ bringt auf ihrer ersten Seite zwei Kommentare, die an Schärfe kaum zu überbieten sind. Der erste trägt die Überschrift „Gleichgültigkeit und Banalität einer Rede“ und führt aus, man hätte vom Papst „einen intelligenteren Text erwarten dürfen“.

Vielleicht werde man „in 500 Jahren“ bei einer vatikanischen Archivöffnung verstehen, wie es zu einer „so gezwungen wirkenden Ansprache“ kommen konnte. Dabei sei doch eigentlich „nichts einfacher, als echten Horror auszudrücken, wenn man vom Holocaust spricht“. „Wenn das nicht getan wird, dann, weil da jemand entschieden hat, das nicht zu tun. Keine Kirchenglocke wäre gesprungen, wenn der Papst etwas über christlichen Antisemitismus gesagt hätte… Was er über den Holocaust sagte, klang zu kalkuliert, zu diplomatisch und professionell – er empfahl Mitgefühl, als wäre das eine Art Aspirin.“

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Ein weiterer Kommentar auf Seite eins ist etwas milder: „Er hat zu seinen eigenen Leuten gesprochen“, heißt der Titel. Die Autorin meint, die Worte des Papstes hätten „noch vor zehn Jahren als mutige Schritte angesehen werden können“. „Aber heute, nach diesem Vorgänger, wirkt das wie too little, too late – zu wenig, zu spät.“

Erst auf Seite zwei geht die Zeitung auf andere Aspekte der Papstreise ein. Der Artikel zum interreligiösen Treffen ist unaufgeregt; der Titel heißt „Papst verlässt Konferenz, als Moslem Israel des Mordes bezichtigt“. Wie andere israelische und übrigens auch palästinensische Medien interpretiert „Ha`aretz“ den Abbruch des interreligiösen Treffens nach Tamimis Rede als Protest Benedikts gegen die Rede des Scheichs.

Eine Karikatur auf Seite vier zeigt Verteidigungsminister Barak als Papst verkleidet, der entschlossen ein Weihrauchfass schwenkt; im Hintergrund stehen einige israelische Politiker in der Uniform der Schweizergarde.

Im Vergleich zur „Ha`aretz“ wirkt die „Jerusalem Post“ viel gemäßigter: Ihr Titel heißt „Papst vermeidet knapp eine Entschuldigung in Yad Vashem“. Der Untertitel gibt Worte des Tel Aviver Oberrabbiners Meir Lau wieder: „Etwas hat gefehlt – wenn schon keine Entschuldigung, dann wenigstens ein Ausdruck des Bedauerns.“

Im Artikel heißt es, die Papstrede sei zwar „mit Bibelzitaten gewürzt, bezog sich aber nie auf die Nazis und auf alle Streitfragen, die mit dem Holocaust zusammenhängen“. Ein kleinerer Aufsatz auf Seite eins titelt dann: „Palästinensischer Geistlicher verdirbt päpstlichen interreligiösen Abend“, und sehr ausführlich und positiv, mit zahlreichen Fotos, berichtet das Blatt dann auf der zweiten Seite von der Ankunftsrede Benedikts und seinem Treffen mit Präsident Shimon Peres.

Ausführlich wird dann auch an anderer Stelle das Versprechen des Papstes wiedergegeben, er werde sich für die Freilassung des entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit einsetzen.
Ein kleiner Kommentar erwähnt, dass das Papstflugzeug beim Abflug aus Jordanien mit der Flagge des Vatikans und Israels verziert war: „Das entsprach zwar dem Protokoll, war aber dennoch ein bemerkenswerter Anblick. Ein islamisches Flugzeug fliegt den katholischen Pontifex in den jüdischen Staat.“

Die „Post“ bringt ansonsten einen langen Aufsatz über einen britischen Holocaust-Forscher, der sich sehr kritisch zum derzeitigen Stand der katholisch-jüdischen Beziehungen äußert: „So wie die Juden versuchen, einen Zaun um die Tora zu ziehen, zieht der Papst anscheinend einen Zaun um die Kirche.“ Der Forscher beklagt, dass man mit Richard Williamson „einen Antisemiten in die Kirche wiederaufgenommen hat. Bei einem Priester, der eine Homo-Ehe schließt, hätte man das nie gemacht.“

Das Massenblatt „Jedijot Achronot“ spricht von einer „Verpassten Chance des Papstes“. Benedikt habe nicht von „Ermordeten“, sondern nur von „Getöteten“ gesprochen. Im israelischen Radio und Fernsehen kommen Überlebende des Holocaust und Experten zu Wort, die sich verwundert oder enttäuscht über den Papst-Auftritt in Yad Vashem zeigen.

Die palästinensischen Zeitungen berichten hingegen eher positiv über den ersten Tag Benedikts in Israel und Palästina. Dabei konzentrieren sie sich vor allem auf den „Eklat“ beim interreligiösen Treffen im Notre-Dame-Zentrum. „Der Vatikan verurteilt die Blitz-Rede von Scheich Tamimi“, heißt die Schlagzeile der arabischsprachigen „El-Quds“.

Der Moslemvertreter habe zum Dschihad aufgerufen und Jerusalem als „ewige Hauptstadt Palästinas“ bezeichnet, und zwar in „politischer, nationaler und spiritueller“ Hinsicht, schreibt das Blatt. „Israelischer Ärger über die Worte Tamimis“ – das ist der Titel eines weiteren Aufsatzes; er gibt an, dass das Großrabbinat den Dialog mit dem Islam für eine Weile boykottieren werde.

Auch das israelische Tourismusministerium habe in einer Stellungnahme die Brandrede des Scheichs als inakzeptabel bezeichnet; Tamimi habe dem Einsatz für Frieden einen Bärendienst erwiesen, indem er Angst und Hass zwischen Israelis und Palästinensern sowie zwischen Angehörigen der verschiedenen Religionen geschürt habe.

Das Blatt hofft, dass sich der Papst am Mittwoch bei seinem Besuch in Betlehem zum „Anwalt für Gerechtigkeit und Freiheit“ machen wird, und unterstreicht wie auch andere palästinensische Medien den Ruf Benedikts nach freiem Zutritt aller Gläubigen zu ihren Heiligen Stätten.

„El-Quds“ berichtet aber auch über den Auftritt Benediks XVI. in Yad Vashem; der Artikel gibt die Kritik und Enttäuschung wieder, die Tel Avivs Oberrabbiner Meir Lau zur Rede des Papstes geäußert hat.
„Al-Ayam“ legt hingegen den Akzent darauf, dass Benedikt Antisemitismus verurteilt und Angehörige aller Religionen zum Dialog aufgerufen habe; das Blatt zitiert Teile aus der Rede Benedikts am Flughafen, um dann den Kommentar eines ultrarechten jüdischen Knesset-Abgeordneten wiederzugeben. Dieser ruft zum Boykott der Visite auf, weil der Papst den Seligsprechungsprozess von Pius XII. vorantreibe. Mehrere Schas-Politiker seien tatsächlich nicht zur Begegnung mit dem Papst im Präsidentenpalast gegangen.

„Al-Hayat al-dschadida“ titelt: „Papst fordert gerechte Lösung für Schaffung eines Staates Palästina“. Der Artikel berichtet ausführlich über die Schließung eines palästinensischen Pressezentrums, das aus israelischer Sicht illegal eröffnet worden war.

Wenn man israelische und palästinensische Zeitungen nebeneinander hält, wirkt das manchmal wie Berichte aus zwei verschiedenen Welten. Oder von zwei verschiedenen Papstreisen.

Lombardi weist Kritik an Yad-Vashem-Rede zurück

Vatikansprecher Pater Federico Lombardi hat die Kritik an der Rede des Papstes in Yad Vashem zurückgewiesen. Bereits vor dem Besuch habe Benedikt XVI. die Shoah und Antisemitismus mehrmals verurteilt. Seine besondere Situation als Deutscher sei in Auschwitz Thema gewesen. Nicht in jeder Ansprache könnten alle im Bezug auf die Shoah relevanten Themen wiederholt werden, so der Vatikansprecher vor Journalisten.

Am Holocaust-Denkmal selbst habe Benedikt XVI. den Fokus auf das Gedenken an die Opfer gelegt. Unwahr seien hingegen Behauptungen, der Papst sei Mitglied der Hitler-Jugend gewesen. Ähnliche Behauptungen wies der Vatikansprecher entschieden zurück. Auch müsse er sich nicht als ehemaliger Wehrmachtssoldat für den Judenmord entschuldigen. Dass er gegen Kriegsende zusammen mit anderen Seminaristen als Flakhelfer eingezogen worden sei, beruhe nicht auf einer freien Entscheidung.

Die Kritik an der Rede in Yad Vashem sei unbegründet. Die Adressaten müssten bereit sein, „mit offenem Herzen zu hören“, sagte Lombardi im Gespräch mit dem RV-Korrespondenten Stefan von Kempis. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hat kritisiert, dass der Papst die Williamson-Affäre nicht angesprochen habe und sich nicht von der Piusbruderschaft distanziert habe.

„Ich war ganz zufrieden mit der Ansprache des Papstes in Yad Vashem", sagte P. Federico Lombardi. "Ich glaube, das Problem ist gar nicht so sehr die Rede des Papstes, sondern die Bereitschaft der Hörer, zu verstehen, was der Papst sagt.

Wenn du schon im Kopf hast, was der andere sagen muss, dann bist du praktisch nie zufrieden mit seiner Rede! Aber wenn du bereit bist, das mit offenem Herzen zu hören, was der andere dir sagt, dann bist du immer zufrieden. Ich glaube, das ist eigentlich das Problem.“

KathTube: Die Begegnung in Yad Vashem in voller Länge



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