02 März 2009, 11:32
Der Vatikan ist durch Williamson kein Räuberstaat geworden
 
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Es gibt nur einen, der darüber seine Gelassenheit nicht verliert. Das ist der 81jährige Benedikt XVI. selbst - Von Paul Badde / Die Welt

Rom (kath.net/DieWelt)
Die Bombe der Leugnung des Holocausts durch Bischof Richard Williamson lässt sich durch keinen Widerruf entschärfen. Denn diese Bombe ist ja – mit verheerenden Wirkungen – längst detoniert. Als die Leugnung der Gaskammern durch Williamson Ende Januar zusammen mit der Entscheidung Benedikt XVI. publik wurde, die Exkommunikation gegen vier widerrechtlich geweihte Bischöfe aufzuheben, war alles zu spät. Zu denen gehörte auch Williamson.

Als der ebenso exzentris che wie störrische britische Bischof sich endlich an diesem Donnerstag beim Papst und allen „Überlebenden und Verwandten der Opfer der Ungerechtigkeit unter dem Dritten Reich“ für das Interview entschuldigte, das er im November einem schwedischen Fernsehsender gegeben hatte, und alle, die sich aufgrund seiner Worte entrüstet hatten, „vor Gott um Vergebung“ bat, kritisierte danach Pater von Gemmingen von Radio Vatikan als erster, die Erklärung als „zu dünn“.

Williamson habe zudem nicht die Juden erwähnt. Pater Lombardi, der Sprecher des Vatikans, ließ einen Tag später verlauten, die Entschuldigung reiche für kein Priesteramt in der katholischen Kirche. Dieter Graumann, Vizepräsident vom Zentralrat der Juden in Deutschland, wies die Erklärung als „völlig verkorkst“ zurück.

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Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats, nannte sie „völlig ungenügend“. Aber auch eine genügende, nicht verkorkste und fette Entschuldigung könnte jenen Schaden unmöglich ungeschehen machen, den Williamson dem christlich-jüdischen Miteinander im allgemeinen und dem Papst im besonderen zugefügt hat. Auch nach seinem Widerruf bleibt die Luft über dem Vatikan also dick.

Benedikt XVI. ist allerdings auch heute noch derselbe, der er an Weihnachten war. Der Vatikan ist durch Williamson kein Räuberstaat geworden. Die „kleinste Weltmacht“ ist immer noch ein Reich der Entschleunigung und Schusseligkeit wie ehedem, wo man sich täglich wundern kann, wie es nur möglich ist, mit diesem Miniapparat die katholische Weltkirche zu regieren.

Die Frage aber, wie es nur möglich ist, dass der Papst innerhalb von nur vier Wochen so radikal anders beurteilt werden konnte (dass sogar Kanzlerin Merkel im fernen Berlin sich bemüßigt fühlte, ihn an seine Pflichten zu erinnern) bewegt hier seitdem fast jedes Gespräch.

Mehr Krisensitzungen - in Palazzi und Hinterzimmern – hat es in Rom seit Jahren nicht gegeben. Dass auch eine Serie peinlicher Pannen und grober Kommunikationsfehler für den medialen Super-Gau um die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaustleugners Williamson verantwortlich war, ist hier keine Frage.

Auch nicht, dass außerhalb der Kirche - wo die moralische Deutungshoheit des Papstes vielen als unerträgliche Anmaßung gilt – manche die Gelegenheit nutzten, auf dem Konflikt eigene Suppen zu erhitzen. Dass die Kritik im Gesamtbild einen Kampagnen-Charakter angenommen hatte, ist ín Rom jedem Italiener ebenso offenbar, wie die edlen Absichten vieler Kritiker.

Aus Deutschland etwa kommen immer noch täglich Briefe im Vatikan an, in denen verlangt wird, der Heilige Vater benötige dringend einen „coach“ oder „Spin-Doktor“, am besten beides. Andere Initiativen haben auf eine Ablösung von Kardinalstaatsekretär Bertone gedrungen, weil er doch unbedingt hätte verhindern müssen, dass der Papst Prügel für Fehler bekommt, von denen er offensichtlich nicht einmal wusste, dass sie überhaupt gemacht wurden.

Wenn er am liebsten weiter Bücher schreibt und seine wöchentlichen Audienzen vorbereitet wie ein Kirchenlehrer, müsse doch zumindest einer im Vatikan regieren und nichts als regieren.

Da ist natürlich etwas dran, besonders in den Augen der renaissanceverliebten Römer.
Doch der Papst feuert nicht einfach einen Mitarbeiter, der seine Aufgaben vernachlässigt.

Das hat er noch nie getan, auch nicht als Kardinal Ratzinger, als seine fehlende Menschenkenntnis sich schon souverän die Waage hielt mit seinem theologischen Genie. Einen Spin-Doktor wird er sich deshalb auch in Zukunft weder ausleihen noch zulegen und fast scheint es, dass in dieser Krise – die viele auch als Katastrophe oder einen Generalangriff auf das Petrus-Amt wahrnehmen – nur einen gibt, der darüber seine Gelassenheit nicht verliert. Das ist der 81jährige Benedikt XVI. selbst, der kürzlich einem Besucher lächelnd anvertraute, am wichtigsten zur Lösung der Krise seien nun vor allem „viel Zeit und viel Geduld“.

Dass Geduld „alles“ vermöge, wusste auch schon die heilige Teresa von Avila. Darauf aber wollen si ch im Vatikan viele nun nicht mehr verlassen, die in der Krise auch offensichtlich Morgenluft wittern, den Kurs des „Schiffleins Petri“ vielleicht noch einmal insgesamt zu korrigieren – und zwar durchaus nicht nur im Sinn des jetzigen Steuermanns.

Nach einem Dossier, dass vor kurzem von Zimmer zu Zimmer im Vatikan zirkulierte, in dem eine freimaurerische Verschwörung von Frankreich bis Schweden für den Fall Williamson nachgezeichnet wurde, mehren sich deshalb nun Stimmen, die sagen, dass nicht äußere Feinde, sondern kuriale Gegenspieler und sogar manche Mitarbeiter des Papstes innerhalb des Vatikans vor allem für eine Strecke von Fallen verantwortlich seien, in die sie den Pontifex gezielt haben hinein laufen. lassen.

„Voci di corridoio“ heißen solche Gerüchte gewöhnlich in Rom: Stimmen auf dem Flur. Über diesen Status sind diese Stimmen jedoch seit einem Artikel im „Foglio“ vom 7. Februar weit hinaus, der seitdem von Hand zu Hand im Vatikan weiterger eicht wird und inzwischen entfernte Nuntiaturen erreicht hat.

Das sind die Namen und Nachnamen der anti-Ratzinger Fronde“, heißt das Stück lapidar. Es ist die Zusammenfassung eines Artikels aus dem „L’Homme Nouveau“, einer zweiwöchigen katholischen Zeitschrift aus Frankreich.

Abbé Claude Barthe, dem Autor des Enthüllungsartikels, hatte Joseph Ratzinger im Jahr 2000 ein langes Interview gewährt, der hier nun verrät, in „strategischen Positionen“ des Staatssekretariates gebe es eine Opposition zum Papst, die sich nicht nur durch „abweichende Sichtweisen“ von Benedikt XVI. unterscheide.

Dass etwa der ehemalige Zeremonienmeister Piero Marini – um wenig zu sagen - nicht glücklich ist, dass Benedikt XVI. ihn durch den konservativeren Guido Marini ausgewechselt hat, ist in Rom ein offenes Geheimnis.

Nun taucht jedoch auch Prälat Gabriele Caccia, zweiter Mann in der Staatskanzlei des Papstes, ebenso in der Liste der „Fronde“ auf wie Erzbischof Paolo Sardi, „der einflussreiche Koordinator der päpstlichen ghost-writer“, oder Erzbischof Gianfranco Ravasi, Präsident des päpstlichen Rates für die Kultur, dem hier bescheinigt wird, er vertrete eine exegetisch völlig andere Linie als der Papst.

In dieser Opposition gehe es etwa um die Abschaffung des Zölibats (wie sie von vielen Dekanen des Bistums Linz de facto schon umgesetzt wird) bis hin zu einer Infragestellung des Petrus-Amtes.

Dies sei „schwarz auf weiß“, was man sich in den „Sacri Palazzi“ Roms erzähle, heißt es am Schluss des Stücks. „Einiges mag übertrieben sein, doch nicht sehr.“

Der Vatikan kommentiert oder dementiert solche Berichte grundsätzlich nicht. Dennoch summt es seitdem über den „Heiligen Palästen“ verdächtig wie über einem Wespennest. Eine „Wespenkönigin“ nennt das Stück nicht. Römischen Beobachtern fällt gleichwohl auf, dass Kardinal Achille Silvestrini als „Stammvater“ der Anti-Ratzingerianer benannt wird, von dem die WELT schon am 18. April 2005 zu berichten wusste, dass er unmittelbar vor dem letzten Konklave die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst mit einer Verschwörung in der „Villa Nazareth“ im letzten Moment zu verhindern suchte.

Die „giftigste Seite“ des Dossiers ist jedoch Kurienkardinal Giovanni Battista Re vorbehalten, einem Purpurträger von bemerkenswerter „elasticità“, wie es im Vatikan heißt, von dem jedoch viele der Ansicht sind, dass er dem Papst höchst eigenmächtig auf der Nase herum tanze.

In der ganz aktuellen „Causa Wagner“, in der Benedikt XVI .. ein von ihm selbst ernannter Bischof für das „Problembistum“ Linz auf einmalige Weise weg gekegelt wurde, spielt Giovanni Battista Re eine Schlüsselrolle.

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