05 Februar 2009, 11:54
Keiner im Vatikan hatte hinter den Bischöfen her gegoogelt
 
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Das Vatikanische Staatssekretariat wollte verhindern, dass das Schreiben zur Aufhebung der Exkommunikation am 24. veröffentlicht wird - Von Paul Badde / Die Welt

Vatikan (kath.net/DieWelt)
Als Benedikt XVI. seinen Privatsekretär am allernötigsten brauchte, lag Georg Gänswein mit Fieber im Bett. Eine Grippe hatte Don Giorgio nieder gesteckt. Er ist kein Kardinal der Kurie oder ein päpstlicher Chefberater. Doch der Prälat ist so etwas wie die rechte Hand des Papstes und sein letzter Bodyguard. Er muss den Pontifex schützen, dass er nicht von Eingaben erdrückt wird, und die wichtigen aus den unwichtigen Botschaften filtern. Dieser Aufgabe konnte er an drei Tagen im Januar nicht nachkommen. War es höhere Gewalt? -

Es war jedenfalls der Super-Gau, der sich in diesen Tagen über dem Pontifikat Benedikt XVI. auf dem Papstthron zusammen braute. Stoff genug für die neue „Chronik eines angekündigten Todes“. Doch gestorben ist bisher keiner in diesem Desaster. Der Papst hat weder einen Krieg erklärt noch begonnen. Was die Affäre in den von Minute zu Minute erfolgenden Updates der Medien aber wirklich war und ist, darüber kreisen weltweit die abenteuerlichsten Theorien.

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Anfang der Woche war in der Zeitung „Il Giornale“ von einem geheimnisvollen „Dossier“ die Rede, das hinter den Mauern der „heiligen Paläste“ für Unruhe sorge. Im Vatikan haben viele davon gehört; kennen will es dennoch keiner.

Kern des Papiers, das der WELT inzwischen vorliegt, ist die Behauptung, der Papst sei nach einem minutiösen Fahrplan in eine vorbereitete Falle geführt worden, in die er schließlich ahnungslos hinein getappt sei.

Das Papier endet freilich mit Fragen, nicht mit Antworten. Wer für die Koinzidenz der Aufhebung der Exkommunikation von vier illegalen Bischöfen mit der Veröffentlichung wahnwitziger Aussagen „Bischof“ Williamsons verantwortlich war, beantwortet es nicht.

„Durch ignorante Schlamperei und mangelhafte Kommunikation in der Kurie“ sei es zu dieser Katastrophe gekommen, heißt es bei Kennern des Vatikans. Der Papst sei „beim Brückenbau in reißendes Wasser gestürzt.“

Besonders in der Päpstlichen Kommission ‚Ecclesia Dei’ sei schlampig gearbeitet worden. „Nein widerspricht dem Prälat Camillo Perl, Vizepräsident dieser Päpstlichen Kommission unter dem kolumbianischen Kardinal Hoyos. „Die vier Bischöfe der Bruderschaft Sankt Pius X. hatten den Papst wiederholt gebeten, die Exkommunikation gegen sie aufzuheben. Das verstanden sie als zweite ‚préalable’, wie sie sagten, als ei ne Art Vorbedingung, um danach gemeinsame Gespräche über die Überwindung des Schismas zu beginnen, zu dem es leider schon gekommen war.“

Denn einer ersten Forderung, der Papst möge doch die Messfeier nach jenem Ritus wieder freigeben, der bis zum Jahr 1970 in der lateinischen Kirche gegolten hatte, hatte Benedikt XVI. schon stattgegeben, die auch in seinem Sinn war. „Um der Einheit willen wollte er deshalb eben nun auch diese vier Bischöfe auf ihren wiederholt vorgebrachten Wunsch ‚begnadigen’.

Dieser Akt bezog sich nur auf die Aufhebung der Exkommunikation. Dafür wurde nicht eigens in ihrem Privatleben nachgeforscht, oder welche politischen Ansichten sie haben. Es handelte sich ja nicht um die Ernennung eines neuen Bischofs, sondern um die Wiederaufnahme von Bischöfen, die schon geweiht waren.

Es war einfach niemandem in den Sinn gekommen, dass sich unter ihnen ein britischer Exzentriker befand – und was er dachte. Man arbeitet hier nicht auf eine Weise, die französischen Verschwörungstheorien entspricht. Wer so etwas denkt, überschätzt Rom maßlos.“ Außerdem sei der Entscheidung zur Begnadigung ein langer Prozess voraus gegangen.

Die überwiegende Mehrheit der Kardinäle hatte dem Schritt Ende 2007 schon zugestimmt. „Es war immer klar, dass dem noch ein weit erer Prozess des Dialoges folgen sollte, in dem über die Schwierigkeiten gesprochen werden wird, die bisher diese Bischöfe von der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche fernhielten.“

Dem Papst konnte demnach nicht im Traum einfallen, wer sich unter diesen Bischöfen befand, bis er in einem Alptraum wach wurde. Denn die Bischöfe seien in gewisser Weise durch seinen Akt sogar „down-graded“ worden, zu einem Status, in dem sie zunächst einmal keine Bischofsämter mehr hatten, sondern wie einfache Christen anzusehen waren, denen unter anderem das Bußsakrament nicht mehr verwehrt werden sollte.

„Ja, wir haben vor allem mit Monsignore Fellay gesprochen“, sagte Kardinal Hoyos letzte Woche schon dem „Corriere della Sera“ „dem Generaloberen der Bruderschaft, und bis zum letzten Moment dieses Dialoges haben wir absolut nichts von diesem Williamson gewusst. Als ich das unterzeichnete Dekret Msgr. Fellay überreicht habe, wussten wir nichts von diesem Interview“.

Keiner im Vatikan hatte hinter den Bischöfen her gegoogelt.
Außerhalb der Vatikanischen Mauern gilt das inzwischen als „weltfremd“, wie dem Jesuiten Klaus Mertes aus Berlin, der damit jenes Labyrinth von „Amtstuben“ meint, vor dem schon Alfred Delp gewarnt hatte, bevor die Nazis ihn hinrichteten.

Doch das war nicht alles. „Ein Problem war, dass fast nur mit Bischof Fellay gesprochen worden war“, sagt ein hoher Prälat im Staatssekretariat. „Es gab Kompetenz-Gerangel. Bei uns lagen ab dem 22. Januar Informationen über Bischof Willamson vor.

Wir haben alles versucht zu verhindern, dass das Papier am 24. veröffentlicht wurde. Die Unterschrift war zwar schon am 21. Januar unter dem Dokument, dennoch wäre eine Aufschiebung möglich gewesen.

Aufschiebungen hat es auch früher schon gegeben. Denn das Papier war auch nicht gut überlegt, die kirchenrechtliche Stellung blieb danach unklar.“ Neben Hoyos, dem Verantwortlichen, der es eilig hatte, sei Kardinalstaatssekretär Bertone „relativ zurückhaltend“ in der Sache gewesen.

Kardinal Levada aber, der Leiter der Glaubenkongregation, war nach einem Bandscheibenvorfall gerade wieder geschwächt an seinen Schreibtisch zurückgekommen.
Da nutzten viele Eingaben nichts mehr. Noch am frühen Morgen des zum 24. Januar kam eine e-mail aus England im Vatikan an, in der es hieß „wenn der Papst die Exkommunikation aufheben will, nachdem Williamson den Holocaust geleugnet hat, werden die Feinde des Papstes versuchen, ihn zu zerstören. Wir stehen am Rand einer Katastrophe. Weiß Msgr. Gänswein das nicht?“

Der Papst wusste von nichts. Prälat Gänswein hätte es wohl gewusst. Doch er lag krank im Bett. Es war jener verregnete Samstag in Rom, als mittags um 12.00 im Pressesaal des „Heiligen Stuhls“ ein dürres Communiqué verteilt wurde, das die Aufhebung der Exkommunikation verkündete.

Viele Journalisten waren es nicht, die sich darum rissen. In den winterlichen Tagen war die Nachricht ein kleiner Schneeball, der erst innerhalb einer Woche zu einer Lawine anschwoll, die Sankt Peter zu zerschmettern drohte.

Stand völlige Fehleinschätzung dahinter? Gewiss. Doch es braucht keine Verschwörungstheorie, um hier auch das Drama um eine Verkettung unglücklichster Umstände zu erkennen, die den Papst in dieses Verhängnis stolpern ließen.

In der Generalaudienz am Mittwoch ging er schon gar nicht mehr auf den Fall ein, sondern legte den Schluss vom 2. Brief an Timotheus des Apostels Paulus aus: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten...“ Hielt er den Fall vielleicht schon für erledigt, wie Kardinalstaatssekretär Bertone?

Minuten später wurde vom Staatssekretariat die Erklärung verkündet, in der es heißt: „Bischof Williamson wird sich in absolut unzweideutiger Weise öffentlich von seinen Positionen distanzieren müssen, die die Schoah betreffen, um in der Kirche die Zulassung zu bischöflichen Handlungen zu erlangen. Der Heilige Vater kannte zum Zeitpunkt des Nachlasses der Exkommunikation diese Positionen nicht.“

Foto: (c) kath.net

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