02 Februar 2009, 14:36
Der Papst und die Bruderschaft
 
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Zur Aufhebung der Exkommunikation Papst Benedikt XVI. gegenüber Bischöfen der Pius-Bruderschaft - Ein kath.net-Kommentar von Peter Seewald

München (kath.net)
Erneut hat ein Spruch aus Rom einen nahezu biblischen Wirbel ausgelöst. Ist Benedikt XVI. nun „der rätselhafte Papst“, wie die SZ ihren Lesern glauben machen will? Oder gar der „Entrückte“, wie der Spiegel titelt, der die katholische Kirche blamiert bis auf die Knochen? Hat er wirklich, wie es die Schlagzeilen suggerieren, „Holocaust-Leugner in die Kirche zurückgeholt“?

Manchmal sagen die Reaktionen auf eine Entscheidung mehr als die Entscheidung selbst.
George Orwell hat einmal von „Falschsprach“ geschrieben. Das ist, wenn Kriegsminister sich Friedensminister nennen. Und das ist, wenn Journalisten, die kein gutes Haar an dieser Kirche lassen, sich um ihren guten Ruf sorgen.

Der Papst ist kein Politiker. Soviel hat man gerade noch verstanden. Aber darf er sich erlauben, so zu handeln, wie es Jesus im Gleichnis vom verlorenen Sohn fordert? Darf er gar die Maxime „liebe deine Feinde“ umsetzen, um die Spirale von Ausgrenzung und Hass zu unterbrechen? Der Papst müsse doch Brücken bauen und auf „Andersgläubige zugehen“, sagen sie. Aber welche Brücken gebaut werden und welche „Andersgläubige“ die richtigen Andersgläubigen sind, dass bestimmen bitteschön die Oberpäpste in den Redaktionen.

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Weder der unsägliche Herr Williamson noch die Pius-Bruderschaft sind Teil der katholischen Kirche geworden, die Bischöfe weiterhin suspendiert. Die Aufhebung der Exkommunikation ist nichts anderes als die ausgestreckte Hand, die nicht einigen wenigen, sondern einer Gruppierung von 600.000 Gläubigen und 500 Priestern gilt, die sich von Rom abgespalten hat. Es ist dieselbe Hand, die den chinesischen Partei-Bischöfen galt, deren Exkommunikation aufgehoben wurde. Und es ist dieselbe Hand, die auch einem Hans Küng galt, der als einer der Allerersten nach der Papstwahl von Benedikt empfangen wurde. Dass er sich ihrer als unwürdig erwies wie heute ein Williamson, ist eine andere Frage.

Der Geifer, mit dem sich in diesen Tagen Journalisten auf den Papst stürzen, erinnert an eine Meute ausgehungerter Wölfe. Und ausgehungert sind diese Leute in der Tat. Viere Jahre lang konnten sie es nicht ertragen, dass ein Joseph Ratzinger nicht in das Bild passt, dass sie von ihm gezeichnet hatten. Vier Jahre lang haben sie es totgeschwiegen, wenn er gegen Folter aufrief, den Turbokapitalismus geißelte, den Krieg im Irak und anderswo verurteilte, eine gerechte Verteilung der Güter forderte. Geschwiegen auch, wenn er in Wort und Tat den Dialog mit anderen christlichen Kirchen, den Muslimen, vor allem aber den „geliebten Brüdern“ jüdischen Glaubens vorantrieb.
Deutschland schweigt. Deutschland bleibt gleichgültig. Wohl keine andere Nation ist zu einer derartigen Ignoranz und Kaltherzigkeit gegenüber einem seiner größten Söhne fähig, dem ersten Deutschen seit fünfhundert Jahren, den die internationale katholische Gemeinschaft für geeignet hält, die größte Kirche der Welt über die Schwelle einer schwierigen Zeit zu führen.

Jetzt ist die Gelegenheit da, die alten Keulen zu schwingen. Jetzt wird der Stab gebrochen. Jetzt wird abgerechnet. Es gibt keine Munition, also muss man etwas zusammenrühren. Ist da nicht ein neuer Weihbischof irgendwo in Österreich? Es genügt, ihn als „ultrakonservativ“ zu bezeichnen, schon haben wir den Beleg für eine These. Ach, der Papst trägt gerne alte Hüte? Perfekt! Die Analyse: Reaktionärer Kurswechsel im Vatikan. Dass da vor wenigen Tagen in Würzburg von demselben Papst ein Weihbischof kreiert wurde, der als Pfarrer die Glocken seiner Kirche gegen neonazistische, antisemitische Aufmärsche hatte läuten lassen, passt, sorry, nicht ins Bild.

Es passt auch nicht ins Bild, daran zu erinnern, dass dieser Benedikt bei seinem ersten Deutschlandbesuch als erster Papst überhaupt eine jüdische Synagoge besuchte. Mit welch persönlicher Anteilnahme er in Auschwitz des Holocaust gedachte. Wie er nicht müde wurde, jegliche Form von Antisemitismus zu verurteilen. Oder dass, es liegt gerade ein paar Wochen zurück, unter diesem Papst erstmals ein Rabbiner eingeladen wurde, vor der Bischofssynode zu sprechen.
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, erklärt nun den Dialog mit der katholischen Kirche für beendet. Hat sie ein Wort bei Benedikt XVI. gefunden, in dem er nicht seinen Respekt, ja seine Liebe gegenüber den „älteren Brüdern“ im Judentum ausdrückte? Muss man wirklich daran erinnern, dass in den KZs auch zigtausende von Priestern, Ordensleuten, mutigen Christen umgekommen sind? Dass die beiden unmittelbaren Vorgänger in Ratzingers erster Seelsorgstelle in München als Kapläne von den Nazis ermordet wurden?

Es gibt in der Tat eine Parallele zur „Regensburger Rede“. Groß war die Empörung bei den biederen Kommentatoren, weil der Papst etwas tat, was man doch nicht tun darf. Sein Vortrag hat im Ergebnis zu Kontakten geführt und eine Diskussion mit der muslimischen Welt in Gang gebracht, die es vorher nicht gab. Der Pulverdampf um Benedikt wird auch diesmal verfliegen. Im Falle der Priesterbruderschaft ist klar geworden, dass nur die Selbstauflösung wieder zu einer Heimat in der katholischen Kirche führen kann. Als Gemeinde hat sie jedenfalls so lange nichts in dieser Kirche verloren, solange sie sich nicht von Führern reinigt, die sich als Neonazis und Antisemiten outen.

Vielleicht könnte die Krise auch zur Überprüfung der Haltung des deutschen Episkopats führen, ob man sich weiterhin auseinanderdividieren lassen will, vor lauter Angst, nicht selbst der Nächste zu sein, der gebissen wird; ob man in Sonntagspredigten Solidarität einfordern kann, ohne diese Solidarität nicht auch selbst mit dem eigenen Papst oder mit Amtsbrüdern einzulösen, die inzwischen wie Freiwild behandelt werden.

Und vielleicht könnte man diese Krise sogar nutzen, um in den Medien zu überprüfen, inwieweit die Kirchenkampf-Kampagnen nicht schon den Charakter öffentlicher Hinrichtungen haben, wie man sie aus dem Iran kennt. Zumindest könnte man die Leser in Zukunft verschonen mit den immer gleichen greisen Trittbrettfahrern, die keine Gelegenheit verstreichen lassen, ihr pechschwarzes Alt-Öl ins Feuer zu gießen. Wer manipuliert, wer verschweigt, wer nur Vorurteile bedienen will, ist in seinen Analysen nicht mehr ernst zu nehmen; er sollte endlich Demut aufbringen, sich nicht weiterhin als Oberlehrer des Papstes zu gerieren.

Benedikt XVI. mag im Handling der Aufhebung der Exkommunikation gegen die Pius-Bruderschaft schlecht beraten gewesen sein. Aber man muss sich wohl an den Gedanken gewöhnen, dass es in seinem Pontifikat Friedhofsruhe nicht geben wird; kein Eingehaustsein in das Übliche, in die Bequemlichkeit und die Mutlosigkeit. Die Vorwürfe, die heute gegen ihn laut werden, sind im Übrigen exakt dieselben, die zwei Jahrzehnte lang einem Karol Wojtyla entgegengeschleudert wurden. In den Augen der „Toleranten“ ist er erst ein guter Papst, seit er ein toter Papst ist. Zuvor galt er als: Hardliner, Förderer konservativer Strömungen, Spalter der Kirche. So gesehen wäre sein Nachfolger dann schon wieder auf gutem Wege.






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