16 Oktober 2008, 10:58
Notwendige Unterscheidung von weltlichem und religiösem Bereich
 
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Wiener Kardinal Schönborn hielt sich auf Einladung des Präsidenten des "Diyanet" drei Tage in der Türkei auf - Schönborn sprach in Ankara und Istanbul die Situation der christlichen Minoritäten an

Wien (kath.net/PEW)
Große Gesprächsbereitschaft und intensives Interesse an der europäischen Entwicklung ortete Kardinal Christoph Schönborn bei den islamischen religiösen Autoritäten in der Türkei, wie er am Mittwoch unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Istanbul bei einer Pressekonferenz in Wien feststellte. Der Wiener Erzbischof hatte sich auf Einladung des Präsidenten des "Diyanet" (der staatlichen türkischen Religionsbehörde), Prof. Ali Bardakoglu, mit einer kleinen Delegation drei Tage in der Türkei aufgehalten. In Ankara hielt Kardinal Schönborn an der islamisch-theologischen Fakultät einen Vortrag über "das Verhältnis von Religion und Staat in der Sicht der katholischen Kirche".

Dabei machte der Kardinal deutlich, dass die katholische Kirche für die notwendige Unterscheidung von weltlichem und religiösem Bereich eintritt. Sie orientiere sich aber nicht an einem Modell der Trennung, sondern - unter Respektierung der Eigenständigkeit beider Bereiche - an einem Modell der Kooperation.

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Bei den Gesprächen mit den Verantwortlichen des "Diyanet" und des "Zentrums für Islamforschung" (ISAM) in Istanbul, mit den Professoren der islamisch-theologischen Fakultät in Ankara und mit dem Großmufti von Istanbul, Prof. Mustafa Cagrici, sei ein großes Interesse an authentischer Information über das Christentum deutlich geworden. Die türkischen Gesprächspartner hätten sich insbesondere für Fragen des Religionsunterrichts und der Ausbildung der Religionslehrer, aber auch der universitären theologischen Forschung und Lehre interessiert. Auch die Situation der Muslime türkischer Herkunft in Österreich sei angesprochen worden.

Kardinal Schönborn betonte bei der Pressekonferenz, er habe seinerseits auch die Lage der christlichen Minoritäten in der Türkei thematisiert. Sein Eindruck sei, dass das Thema Religionsfreiheit in der islamischen Gemeinschaft in der Türkei deutlich gesehen werde. Der Wiener Erzbischof legte den muslimischen Gesprächspartnern dar, dass sich in Österreich die katholische Kirche als "Mehrheitsreligion" bemüht, die kleineren Religionsgemeinschaften "mitzunehmen" und etwa bei Verhandlungen mit dem Staat zu unterstützen. Er brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, dass in der Türkei die islamische Religionsgemeinschaft diese Schutzfunktion für die religiösen Minderheiten übernehmen sollte.

Der Wiener Erzbischof verwies in der Türkei auf "die Schönheit und den Reichtum eines gesunden religiösen Pluralismus". Er verband diese Feststellung mit dem geschichtlichen Hinweis darauf, dass sowohl das osmanische als auch das habsburgische Reich durch religiösen - und auch ethnischen - Pluralismus gekennzeichnet waren. Damals habe religiöser Pluralismus "keine Begrenzung, sondern eine Bereicherung" dargestellt.

Dankbarkeit an die "Gastarbeiter"

Die Türkeireise sei für ihn auch im Kontext des Phänomens der türkischen Immigration nach Österreich gestanden, sagte Kardinal Schönborn. Wörtlich betonte der Wiener Erzbischof: "Wir müssen uns daran erinnern, dass wir Österreicher die 'Gastarbeiter' aus der Türkei in den sechziger und siebziger Jahren ins Land gebeten haben. Wir schulden ihnen Dank, weil sie zum österreichischen Aufschwung beigetragen haben". Viele von ihnen seien mit ihren Kindern mittlerweile östereichische Staatsbürger geworden, hätten sich aber auch die Liebe zu ihrem Ursprungsland bewahrt. Als Flüchtlingskind könne er das schwierige Verhältnis von Beziehung zur alten und zur neuen Heimat gut nachvollziehen, sagte Schönborn.

Wie Kardinal Schönborn berichtete, habe es in der Türkei auch Kontakt mit den christlichen Kirchen gegeben. In Ankara traf der Wiener Erzbischof mit dem Apostolischen Nuntius, Erzbischof Antonio Lucibello, zusammen. In Istanbul feierte er in der Georgskirche, die zum Komplex des österreichischen St. Georgskollegs in Galata gehört, in Konzelebration mit Bischof Louis Pelatre die Heilige Messe. In Begleitung von Großmufti Cagrici traf der Kardinal mit dem armenisch-apostolischen Patriarchen von Istanbul, Mesrob II. (Mutafyan), in dessen Residenz in Kumkapi zusammen. Am Dienstagabend besuchte der Wiener Erzbischof dann den Phanar, um seine Verbundenheit mit dem Ökumenischen Patriarchat zum Ausdruck zu bringen.

Begleitet wurde Kardinal Schönborn bei der Türkei-Visite von der Wiener Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel, dem Leiter der "Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung in der Erzdiözese Wien", Dechant Martin Rupprecht, Sr. Beatrix Mayrhofer (Katholisches Schulzentrum Friesgasse) und dem Wiener Dechanten Darius Schutzki.

Dechant Rupprecht - der die Reise seit eineinhalb Jahren vorbereitet hat - bestätigte bei dem Pressegespräch, dass das Verhältnis von Muslimen und Christen in Österreich von Seiten der türkischen Religionsbehörde sehr genau beobachtet und als vorbildhaftes Modell gewertet werde. Die türkische Religionsbehörde schätze die von Dialogbereitschaft geprägte Atmosphäre in Österreich, so Rupprecht, sowie insbesondere die Linie Kardinal Schönborns, der als "zentrale Ansprechperson weltweit" für Fragen des interreligiösen Dialogs zwischen Christentum und Islam betrachtet werde. Rupprecht wies auf die enorme Bedeutung des "Diyanet" für das interreligiöse Gespräch hin. Die Behörde mit einem Jahresbudget von rund einer Milliarde Euro habe derzeit 100.000 Mitarbeiter, 80.000 davon sind Imame.

Der Wiener Dechant - der selbst türkisch spricht - berichtete von einem neuen Projekt, das vom österreichischen Außenministerium und der türkischen Religionsbehörde in Kooperation mit der katholischen Kirche getragen wird. Ab November sollen demnach türkische Imame, die in Österreich Seelsorgeaufgaben übernehmen, zunächst einen halbjährigen Deutschkurs absolvieren; anschließend werden sie bei einem Einführungsseminar über die österreichische Kultur und die religiöse Situation in Österreich informiert. Das erste derartige Seminar wird Anfang November stattfinden.

"Intellektuelle Aufgeschlossenheit"

Als "beeindruckend" bezeichnete Prof. Ingeborg Gabriel die "intellektuelle Aufgeschlossenheit" an den islamisch-theologischen Fakultäten in der Türkei (24 gibt es derzeit im ganzen Land). Es bestehe ein "genuines Interesse" am Christentum, die islamischen Theologen hätten das Bestreben, sich aus "authentischen Quellen" über die andere Religion zu informieren. Ebenso gebe es große Aufmerksamkeit für die Auseinandersetzung mit der westlichen Philosophie.

Prof. Gabriel verwies auf ein universitäres Projekt, an dem die türkische Religionsbehörde beteiligt ist. Dabei werden die "Hadithen" (Überlieferungen von religiösen Regeln, Geboten und Schilderungen aus dem Leben des Propheten Mohammed) nach nicht-korangemäßen frauenfeindlichen Äußerungen und Anweisungen durchforstet. Übrigens stehe derzeit auch eine Frau als Dekanin an der Spitze der islamisch-theologischen Fakultät in Ankara.

Interessant sei auch die Tatsache, dass rund 1.000 Studenten aus postsowjetischen zentralasiatischen Ländern in der Türkei islamische Theologie studieren.






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