13 Oktober 2008, 09:21
'Ich war der Totengräber vieler Ungeborener'
 
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Weil er bei Abtreibungen helfen musste, wurde Walter Schrader zum Lebensrechtler - Von Matthias Pankau / idea

Berlin (kath.net/idea)
Seit 18 Jahren ist sein Name untrennbar mit der christlichen Lebensrechtsorganisation KALEB (Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig bewahren) verbunden. Dabei hatte Walter Schrader eigentlich ganz andere Pläne für sein Leben. „Aber Gott selbst hat immer wieder eingegriffen“, sagt der 67-Jährige, der am 15. Oktober offiziell aus dem Amt als KALEB-Geschäftsführer verabschiedet wird, rückblickend. „Und ich bin dankbar, dass er es getan hat.“

Alle Fluchtversuche scheiterten

Schrader wächst in Bernburg (Sachsen-Anhalt) auf. Sein Vater besitzt eine Holzhandlung und einen größeren Hof, der 1945 enteignet wurde. 1956 fällt dem SED-Regime ein, dass man die Familie damals doch hätte ganz enteignen sollen. „Uns wurde im Rahmen einer ‚Nacherfassung’ alles weggenommen – auch alle Ersparnisse“, erinnert sich Schrader. Er selbst muss wegen seiner „sozialen Herkunft“ nach der 8. Klasse abgehen. In ihm reift der Entschluss, dieses Land zu verlassen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Familie später einen Teil des Besitzes zurückbekommt. Zwischen 1962 und 1969 versucht Schrader mehr als zehn Mal zu fliehen – über die inndeutsche Grenze, von Ost- nach Westberlin, über Bulgarien. Doch er wird jedes Mal gefasst. Im Rückblick ist es für Schrader ein Wunder Gottes, dass er jeweils „nur“ einige Monate in Untersuchungshaft verbringen musste und auf Bewährung verurteilt wurde.

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Bekehrung im Gefängnis

Nach all den gescheiterten Fluchtversuchen, findet er sich damit ab, in der DDR zu bleiben. Er heiratet und macht eine Ausbildung zum Diplomökonom. Anfang der 80er Jahre hilft er über Verwandte in der BRD dabei, mehrere Tippstreifenrechner in die DDR zu schmuggeln. „Die waren bei uns ja totale Mangelware“, erzählt er. Doch er wird erwischt und kommt für 33 Monate ins Gefängnis nach Magdeburg. Dort hat er eine Art Bekehrungserlebnis. „Ich war verzweifelt und habe Gott auf Knien angefleht, mir zu helfen“, erinnert er sich. „Und tatsächlich hat Gott mich erhört und durchgetragen.“

Schrader erlebt viele kleine Wunder. So, als er einen Wächter um eine Bibel bittet. „Der schrie mich nur an, ob ich verrückt sei. Wir seien schließlich nicht in der Kirche“, erzählt er. „Am nächsten Tag gab er mir wortlos einen Beutel mit einer Bibel und jeder Menge christlicher Literatur.“

Noch im Gefängnis entschließt sich Schrader, aus Dankbarkeit für alle Bewahrung nach seiner Entlassung, beruflich etwas für Menschen zu tun. Die zuständige Behörde schickt ihn in als OP-Helfer in die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses in Berlin-Buch. Dort muss Schrader auch bei Abtreibungen helfen. Seine Aufgaben beginnen mit dem Bereitstellen der Technik und enden beim „Entsorgen“ der getöteten Föten. Jede Woche werden acht bis zehn Abtreibungen vorgenommen; in der ganzen DDR waren es jedes Jahr rund 120.000.

Schrader versucht, Mütter in Gesprächen davon zu überzeugen, ihr Kind nicht abzutreiben. Manchmal hat er Erfolg – „mit Gottes Hilfe“, wie er sagt. Ein leitender Arzt verbietet ihm jedoch weitere Gespräche. Aber weil ihn als Christ das Unrecht an den Ungeborenen nicht loslässt, wendet er sich mit offiziellen Schreiben an die Behörden der DDR bis hin zum Gesundheitsministerium; sie füllen einen ganzen Ordner. Dennoch meint er im Rückblick, es war falsch, so lange in der Klinik zu bleiben. „Ich war doch so etwas wie der Totengräber der Ungeborenen.“ 1988 stürzt Schrader im Krankenhaus so unglücklich, dass dabei die Sehnen zweier Finger durchtrennt werden und er einige Monate arbeitsunfähig ist. „Das war, als hätte Gott gesagt: Walter, wenn du nicht begreifen willst, dass Abtreibungen Unrecht sind, muss ich es dir eben deutlicher zeigen.“

Daraufhin sucht er ab 1988 den Kontakt zu anderen Lebensschützern in der DDR. 1990 gehört er zu den Gründungsvätern von KALEB in Leipzig. Nun geht er nach 18 Jahren als Geschäftsführer in den Ruhestand.

Doch der Schutz des ungeborenen Lebens bleibt auch weiterhin sein Herzensanliegen. So möchte er sich in den kommenden Jahren ehrenamtlich vor allem für eine bessere Vernetzung von Lebensrechtsgruppen auf europäischer Ebene einsetzen und für verstärkte Beratungs- und Aufklärungsangebote für Schwangere und Familien an Schulen und Ausbildungseinrichtungen.

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