11 Oktober 2008, 12:38
Man darf den Rosenkranz auch unaufmerksam beten
 
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Die Oktober-Lese-Serie auf KATH.NET - Jeden Samstag Auszüge aus dem neuen Bestsellerbuch von Paul Badde exklusiv auf KATH.NET - Kapitel "59 Kugeln und ein Kreuz - Teil 2"

Rom (kath.net)
KATH.NET bringt im Monat Oktober jeden Samstag Auszüge aus dem neuen Buch von Paul Badde über den Rosenkranz.

Buchbestelltipp: Heiliges Land – Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen – Der neue Bestseller von Paul Badde

Kapitel "59 Kugeln und ein Kreuz" - Teil 2:

Keiner bricht nach Santiago auf und legt dann am nächsten Tag schon eine Pause von zehn Tagen oder drei Wochen ein. Wer nach Santiago will, pilgert jeden Tag weiter. Diese Stetigkeit gehört auch zum Rosenkranz. Mit ihr aber gestaltet er das ganze Leben um. Ja, der regelmäßige Rosenkranz verändert das Leben.

Deshalb kann man ihn langsam oder schnell beten, das ist schon fast egal. Zwanzig Minuten sind eine gute Zeit. Er kann länger, er darf kürzer sein. Pater Pio sollen die Perlen wie Forellen durch die Finger geschossen sein. Man darf den Rosenkranz auch unaufmerksam beten. Natürlich kann man ihn halb oder ganz beten. Er ist kein Gesetz und kein Seminar.

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Eher ist er ein Garten, in dem man sich aufhält. Und wenn man über dem Rosenkranz einschläft , hieß es früher, beten ihn die Engel weiter. Warum sollte das heute also anders sein? Das Wichtigste scheint nur zu sein: Nicht los zu lassen! Dass man sich an dem Kranz festhält wie ein angeschlagener Boxer an den Seilen. Dass man ihn so wenig loslässt wie Theseus den Faden der Ariadne. Dann führt er uns sicher in jedes Labyrinth hinein und aus jeder Verirrung wieder hinaus. Dann wird er zum Ariadne-Faden Gottes, zum roten Faden unserer Existenz.

Deshalb ist der Rosenkranz auch kein Gebet, das durch unsere besondere und angestrengte Andacht gewinnt. Im Gegenteil: Er macht andächtig. Er lehrt uns, den Faden nicht zu verlieren. Er nimmt keine Zeit, er schenkt Zeit. Und Ruhe. Und Frieden. Und Furchtlosigkeit. Und Gelassenheit. Nicht wir müssen dieses Gebet verändern. Dieses Gebet verändert uns. Es ist kein Gebet, das sich »verstehen« lässt, jedenfalls nicht allein mit den grauen Zellen, sondern auch mit den Fingerspitzen, den Lungenflügeln und dem Herzmuskel. Der Kranz ist ein Glück. Er macht den ganz, der ihn betet. Er fügt die zusammen, die ihn zusammen beten. Sich etwa als Ehepaar Tage lang einen Streit zu leisten, geht mit dem Rosenkranz nicht mehr.

So hat er unser Leben schön gemacht – und kürzlich sagte mir ein Bekannter, für ihn sei es das Schönste, in seinem BMW mit seiner Frau den Rosenkranz zu beten. Das sei für die beiden, wie Rosenblätter aus dem off enen Verdeck auf die Autobahn regnen zu lassen.

Im Jüngsten Gericht Michelangelos sehen wir ihn als eine Kette, die Verdammte sogar noch aus der Unterwelt empor hebt. In Lourdes hatte Maria selbst den Rosenkranz in der Hand und betete ihn mit Bernadette, in Fatima tat sie das Gleiche mit drei Hirtenkindern, die ihn davor mit der Erscheinung eines Engels einübten. Wir können ihn überall beten, allein oder – am schönsten – in Gemeinschaft : im Wechsel mit der Frau oder dem Mann, mit der Freundin, dem Freund, der Gefährtin und dem Gefährten, im Auto, im Taxi, in der Bahn.

Darum ist er das Pilgergebet schlechthin. Denn dieser Wechsel ist dem Rosenkranz auf ganz besondere Weise eigentümlich: dieser Dialog, wo die eine Hälft e des Vaterunsers von der einen Seite gebetet wird, die zweite von der anderen. Beim Ave Maria ebenso – bei allen Wallfahrten, und allen Prozessionen.

In Italien gibt es bei großen Erschütterungen bis heute keine Menschenmenge, mag sie so weltlich sein wie auch immer, wo nicht viele in das Gebet einsetzen, wenn nur einer unter ihnen auf der Piazza den Rosenkranz laut beginnt. Darum lässt er sich auch leicht in mehreren Sprachen beten, weil jeder und jede die Einsätze kennt und fast schon im Schlaf richtig einfallen kann, auf polnisch, italienisch, kroatisch, französisch, koreanisch,
an allen Pilgerorten, in jeder Sprache der Erde, in einer Symphonie der Nationen.

Doch auch allein gibt es mit dem Rosenkranz keinen Stau mehr, keine Flugzeugwartehalle, sondern nur noch Gelegenheiten zur Ruhe und zum Frieden. Er lässt sich natürlich andächtig beten, und konzentriert, aber auch schläfrig, müde, abgespannt. Der Rosenkranz füllt leeren Raum, wie Regen trockenen Boden tränkt. Er wässert den Boden der Existenz. Er macht leicht. Und er ist so einfach. Im Lärm, in der Stille, in Freude und Not. Er ist ein Gebet, das sich in der regelmäßigen Wiederholung unserem Leben einweben lässt wie ein immer festerer Teppich unter den Füßen. Wie die Liebe, sagte Henri-Dominique Lacordaire im 19. Jahrhundert, »sagt er immerzu das Gleiche und wiederholt sich dennoch nie.« Er ist kein Stoßgebet. Außerhalb von Klostermauern ist er die Tür in eine andere Lebens- und Daseinsform – als Mutter eines Gebetslebens, das den Namen verdient. Der Rosenkranz verändert unser Leben und unseren Tod.

Ich hatte den Artikel auf dem Zionsberg gerade fertig geschrieben, bis auf den Schluss, da starb mein Bruder Karl Josef in Berlin mit dem Rosenkranz in der Hand. Sechs Wochen zuvor hatte er ihn erstmals nach einem Menschenalter wieder in die Hand genommen und nicht mehr losgelassen. – »Ich höre es und sehe meinen Bruder vor mir«, schrieb ich jetzt zu - sammen mit Karl Josef den Schluss, »wie ich ihn von Kindesbeinen an geliebt und verehrt habe, und schaue aus dem Fenster auf die Lichter und Sterne Jerusalems und weiß und spüre und erfahre, dass uns durch alle Trauer in diesem Kranz aus Rosen eine Freude verbindet, die stärker ist als jedes Sterben
und aller Tod.«

Das war am 28. Dezember 2003. Am Abend zuvor hatte ich noch mit Karl Josef am Telefon gesprochen. Er hatte große Schmerzen. »Ich habe keine Angst«, sagte er. »Du weißt«, sagte ich meinem ältesten Bruder etwas altklug, »der Ernstfall ist das ewige Leben.« – »Ja, ich weiß«, sagte er. Zwei Tage zuvor hatte ich nachts auf dem Fußweg von Jerusalem nach Bethlehem mit Bruder Antonius noch einen Rosenkranz für meinen sterbenden Bruder gebetet. Eine Woche später flogen wir zu seinem Begräbnis mit der Nachtmaschine von Tel Aviv nach Berlin, wo wir gerade noch rechtzeitig ankamen, um ihm Erde des Heiligen Landes in sein offenes Grab zu streuen. Es fing leicht zu schneien an. Seit damals hält er in Berlin den Rosenkranz des Papstes unter der Erde um die Hand gewickelt, den ich ihm Wochen zuvor aus Rom geschickt hatte. Es war Erde vom Grab Bargil Pixners, die ich ihm mitgebracht hatte.

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