10 März 2008, 09:49
Wer schützt den Heiligen Vater?
 
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Die Sicherheit des Papstes im Visier der Medien. Von Ulrich Nersinger.

Rom (www.kath.net) Für den 16. März kündigt der deutsche Privatsender RTL einen „hochkarätig besetzten Action-Thriller“ an: „Das Papst-Attentat“. In einer Vorabmeldung heißt es: „Ein Papstattentat in Köln entwickelt sich zum schicksalhaften Ereignis und für Sicherheitskräfte und Vatikan zur Zerreißprobe – mit ungewissem Ausgang“.

Das „Event-Movie“ (Orginalton RTL) könnte durch aktuelle Umstände eine etwas höhere Zuschauerquote bekommen. In Rom gab Oberst Elmar Theodor Mäder bekannt, dass er nach nur fünfjähriger Dienstzeit als Kommandant der Päpstlichen Schweizergarde in seine Heimat zurückkehren werde.

In der Gerüchteküche brodelt es...

Italienische wie amerikanische Zeitungen, so unter anderen „The Washington Times“, berichteten über Rivalitäten zwischen der Schweizergarde und der vatikanischen Gendarmerie und Änderungen im Sicherheitskonzept für den Heiligen Vater. Und in der vatikanischen Gerüchteküche brodelt es wie so oft.

Wie aber ist es nun wirklich um die Sicherheit des Heiligen Vaters bestellt? Innerhalb des Vatikans existieren zwei selbständige Sicherheitskorps: Die Päpstliche Schweizergarde und die Gendarmerie des Staates der Vatikanstadt. Der Schweizergarde – der Sollbestand beträgt 110 Mann – obliegt der Schutz der Person des Heiligen Vaters, die Bewachung des Apostolischen Palastes und die Erstkontrolle an den Eingängen zur Vatikanstadt; zudem leistet sie bei Gottesdiensten und Feiern mit dem Papst Ordnungs- und Ehrendienste.

Professionelle Ausbildung

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Die fast 150 Mann starke Gendarmerie übt in der Vatikanstadt und auf den exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls die Aufgaben einer Staats-, Justiz- und Verkehrspolizei aus. Die Angehörigen der vatikanischen Gendarmerie haben alle eine professionelle und langjährige Ausbildung bei den staatlichen italienischen Sicherheitsbehörden (Polizei, Carabinieri, Anti-Terror-Einheiten, Militär und Geheimdiensten) erhalten.

Auf Grund eines Abkommens zwischen Italien und dem Vatikan kommen der italienischen Polizei auf dem Petersplatz bestimmte Sicherheitsaufgaben zu. In der Nähe der Kolonnaden von St. Peter ist daher eine „Inspektion der öffentlichen Sicherheit beim Vatikan“ (Ispettorato di Pubblica Sicurezza presso il Vaticano) untergebracht.

Kontrollen für Pilger und Touristen

Unter anderem sind die italienischen Ordnungshüter an den Sicherheitsschleusen präsent, die den Zugang zur Basilika ermöglichen, und helfen bei den Kontrollen der Pilger und Touristen, die an Messfeiern und Generalaudienzen auf dem Petersplatz teilnehmen möchten. Zudem trägt Italien für die Nichtverletzung des vatikanischen Territoriums und die Sicherheit des Papstes außerhalb der Vatikanstadt (Rom und Italien) eine Mitverantwortung.

Wenn der Papst eine Auslandsreise unternimmt, sind für dessen Sicherheit in erster Linie die Polizeibehörden und Geheimdienste des betreffenden Landes verantwortlich. Sie bestimmen den Sicherheitsrahmen, der sich aus den üblichen Vorgaben und von den aktuellen Bedrohungen her ergibt.

Terror macht die Welt enger

In einer von Terroranschlägen bestimmten Welt ist er bedeutend enger geworden. Manche Entscheidungen der Sicherheitskräfte greifen sogar in das Programm einer Papstreise ein: Bei dem kommenden Besuch des Heiligen Vaters in den USA wird es auch zu Begegnungen mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften kommen.

Die Repräsentanten der fünftgrößten Religion der Welt, des Sikhismus, werden vermutlich nicht am dem Treffen teilnehmen. Der „Secret Service“ besteht darauf, dass die Sikhs ohne ihren traditionellen Dolch, den „Kirpan“, erscheinen. Dem Kirpan kommt in der Sikh-Religion eine hohe Bedeutung zu, sein Tragen wird als „heilige Pflicht“ betrachtet – die Anordnung des amerikanischen Inlandsgeheimdienstes ist daher für die Sikhs unannehmbar.

Sechs bis acht Mann

Aber nicht nur den Sicherheitskräften des Gastlandes ist Leib und Leben des Papstes anvertraut. Bei Besuchen im Ausland sind es in der Regel sechs bis acht Mann, die von vatikanischer Seite aus für den Schutz des Pontifex verantwortlich zeichnen: Gardisten und Gendarmen. Die Schweizergarde stellt hierfür keine ihrer jungen Hellebardiere ab, sondern nur erfahrene, in Kampftechniken geschulte Unteroffiziere und Offiziere.

Fast immer sind es die beiden Kommandanten in eigener Person, die den Begleitschutz anführen und sich nicht zu schade sind, rechts und links neben dem Papamobil einher zu laufen. „Dass die Vorgesetzten nicht am Schreibtisch hocken, sondern an der ‚Front’ dienen, ist für uns alle eine ungeheure Motivation“, verrät ein Korporal der Schweizergarde.

Kein Schweißtropfen

Bei der Gendarmerie ist man stolz darauf, dass ihr ehemaliger Generalinspektor Camillo Cibin, der 2006 in den wohlverdienten Ruhestand ging, noch als 80Jähriger mit dem Wagen des Papstes Schritt hielt – ohne dass sich ein einziger Schweißtropfen auf der Stirn zeigte.

Nicht immer gelingt es den Verantwortlichen des Gastlandes, Sicherheitslücken zu schließen oder Pannen zu vermeiden. Beim Slowenienbesuch Johannes Pauls II. veröffentlichte die dortige Regierung auf ihrer Homepage die vollständige Liste des päpstlichen Gefolges; die Sicherheitskräfte der Schweizergarde und der vatikanischen Polizei waren auf ihr namentlich aufgeführt.

Ein peinlicher Vorfall

Aber auch beim Besuch von Papst Benedikt XVI. anlässlich des Weltjugendtages 2005 in Deutschland gab es einen peinlichen Vorfall. Als der Heilige Vater Bundespräsident Horst Köhler in dessen Bonner Residenz, der Villa Hammerschmidt, einen Besuch abstattete, wurde das Ereignis im Fernsehen übertragen.

Vor und während der Unterredung der beiden Staatsoberhäupter, bei der Presse und Fernsehen nicht zugelassen waren, hielten sich die Kamerateams in den Vorzimmern auf. Sie richteten ihre Objektive auf die dort Anwesenden – auch auf die vatikanischen Sicherheitskräfte – und übertrugen weiterhin live.

Auch ohne die Gabe, von den Lippen lesen zu können, konnte man manchen, nicht für die eigenen Ohren bestimmten Gesprächsfetzen mithören. Doch es kam noch schlimmer: Die Kameras blieben dabei, als der Heilige Vater dem Bundespräsidenten sein Gefolge vorstellte, darunter auch die ihn begleitenden Schweizergardisten und vatikanischen Gendarmen.

Vatikan gründete Sicherheitskomitee

Aufgrund der Ereignisse des 11. Septembers 2001 und der allgemeinen Bedrohung durch terroristische Anschläge wurde im Vatikan ein Sicherheitskomitee gegründet, zu dessen Aufgaben es unter anderen gehört, die Arbeit der Päpstlichen Schweizergarde und der vatikanischen Gendarmerie zu koordinieren.

Denn die beiden Korps haben unterschiedliche Aufgaben und „Arbeitgeber“ – die Schweizergarde ist eine Institution des Heiligen Stuhls und daher vom Staatssekretariat abhängig; das Gendarmeriekorps ist eine Einrichtung des Vatikanstaates und untersteht dem Governatorato, der weltlichen Regierungsbehörde für den Staat der Vatikanstadt.

Schweizergarde und Gendarmerie

Dass die beiden Korps zueinander nicht im besten Verhältnis stehen, ist im Vatikan kein Geheimnis. Das vorhandene Konfliktpotential ergibt sich teils aus historischen Gründen – die Päpstliche Gendarmerie war 1970 in eine zivile Polizeieinheit (das „Corpo di Vigilanza“) umgewandelt worden und erhielt erst 2002 wieder die Bezeichnung „Gendarmeriekorps“ zurück – , teils aus der Natur und Aufgabenstellung der Korps.

In der Päpstlichen Schweizergarde darf man zu recht eine außergewöhnliche Truppe mit hohem Niveau und Anspruch sehen, eine Truppe, deren Verdienste man nicht genug loben kann. In mehr als einem halben Jahrtausend hat sie ihre Treue zum Heiligen Stuhl mehrfach unter Beweis gestellt. Es wäre jedoch ein verhängnisvoller Fehler, in ihr eine Spezialeinheit zu sehen, wie sie in Österreich von dem Einsatzkommando „Cobra“ oder in Deutschland von der „GSG 9“ gestellt wird.

Gardist mit Maschinenpistole ist „undenkbar“

Oberst Pius Segmüller, der vorletzte Kommandant der Garde, gab vor Jahren in einem Fernsehinterview an, dass sowohl der Vatikan wie auch er persönlich „keine hochtechnisierte Sicherheitstruppe wünschen“; gefragt seien vielmehr „personifizierte Sicherheit“ und Leute, „die auch einmal ein Lächeln übrig haben“.

Ein Gardist, der eine Maschinenpistole trage und so neben dem Heiligen Vater oder der Petersbasilika stehe, sei daher undenkbar. Menschen aus aller Welt, besonders Pilger und Touristen, die nach Rom kämen, würden die Garde nicht nur wegen derer sprichwörtlichen Pflichterfüllung schätzen, sondern auch für die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Gardisten dankbar sein. Das 2006 begangene Jubiläum „500 Jahre Päpstliche Schweizergarde“ zeigte, welch großes Renommee das Korps weltweit besitzt.

Nicht im Fokus der Kameras

„Wir stehen nicht so sehr im Fokus der Fernsehkameras und der Gläubigen wie die Päpstliche Schweizergarde. Die Garde hat, so wollen es auch die zuständigen Autoritäten, ein Sympathieträger des Vatikans zu sein. Freundlichkeit ist auch für uns Verpflichtung und Tugend, aber an erster Stelle steht die Erfüllung unserer Aufgaben, die nicht immer sehr populär sind, aber getan werden müssen“, heißt es bei der Gendarmerie.

An ihren Dienst kann sie daher härter und kompromissloser herangehen. Das Quartier der vatikanischen Polizei beim St.-Anna-Tor birgt eine hochmoderne Überwachungszentrale. Auf über fünfzig Monitoren können die Beamten fast jeden Winkel des Kirchenstaates beobachten; Videokameras erfassen alle Personen, die den Vatikanstaat betreten oder verlassen.

Scan in Echtzeit

Die Anlage ist fähig Verdächtige in Echtzeit zu scannen und von ihnen umgehend digitale Bilder anzufertigen. Die vatikanischen Ordnungshüter wurden zudem mit einem der modernsten tragbaren digitalen Kommunikationssysteme ausgestattet. Auch alle übrigen technischen Möglichkeiten der Gendarmerie befinden sich auf einem hohen Stand.

Schon seit längerer Zeit ist eine vatikaninterne Aufwertung der Gendarmerie zu beobachten. Zur Eröffnung der Gerichtsjahre 2007 und 2008 stellten Gendarmen in der Gala-Uniform der alten Päpstlichen Gendarmerie die Ehrenwachen; auch als Papst Benedikt XVI. im Februar des vergangenen Jahres dem Governatorat einen offiziellen Besuch abstattete, wurde so verfahren.

Schengen und Interpol

Und am 30. September 2007 wurden die Gendarmen erstmals seit 1970 wieder feierlich vereidigt. Es sind aber nicht nur die zeremoniellen Veränderungen, die im Vatikan nie unbeabsichtigt geschehen, sondern auch konkrete, offiziell geäußerte Absichten, die der Gendarmerie eine stärkere Rolle im vatikanischen Sicherheitskonzept zukommen lassen wollen.

Um sich gegen den internationalen Terrorismus zu schützen, möchte sich der Vatikan auch dem „Schengen-Abkommen“ anschließen, das über die vom ihm geregelte Grenzkontrollpraxis hinaus auch einen intensiveren Informations- und Planungsaustausch über polizeiliche Erkenntnisse und Personenschutz vorsieht. Ebenso wird ein Beitritt der vatikanischen Gendarmerie zu „Interpol“ erwogen.

Mehr Kompetenz für Gendarmerie?

Dieser Tage gab der Kommandant der Päpstlichen Schweizergarde, Oberst Elmar Theodor Mäder, bekannt, dass er im Sommer dieses Jahres das Korps nach zehnjähriger Dienstzeit (davon fünf Jahre als Vizekommandant und fünf als Kommandant) verlassen werde. Seine Gründe möchte er am 17. März in einem Exklusiv-Interview mit Radio Vatikan darlegen.

Vatikanische Insider sehen die Entscheidung des Kommandanten in einer von Oberst Mäder in schon früheren Interviews indirekt angedeuteten Rivalität der Gendarmerie zur Garde und einer bevorstehenden, historisch bedeutsamen Kompetenzerweiterung des Gendarmeriekorps. Die „Washington Times“ berichtete in einem Artikel vom 7. März dieses Jahres, der Vatikan beabsichtige, den Schutz des Apostolischen Palastes nicht mehr exklusiv der Päpstlichen Schweizergarde zu überlassen.

Foto: (c) SIR

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