31 Dezember 2007, 21:11
Viele lassen sich heute nicht warnen
 
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Kardinal Meisner zum Jahresschlussgottesdienst: Wer vor die Null, d.h. vor unser Leben, die Eins setzt, also Christus, der macht aus der Null die Zehn, der macht aus Verlust Gewinn.

Köln (www.kath.net)
KATH.NET dokumentiert die Predigt von Kardinal Joachim Meisner bei der Jahresschlussandach im Kölner Dom am 31. Dezember 2007:

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Zu keinem Zeitpunkt des Jahres empfinden wir so deutlich, was Zeit ist wie am Sylvesterabend. Nur noch wenige Stunden trennen uns vom neuen Jahr. Wir können das alte nicht festhalten und das neue nicht aufhalten. Unsere Tage gleiten dahin wie das Wasser im Rhein. Die 365 Tage des alten Jahres liegen hinter uns. Und wir danken Gott in dieser Stunde für alles, womit er uns beschenkt und gesegnet hat – und ich wage hinzuzufügen – auch für alles, was er uns genommen hat und womit wir belastet worden sind. Denn Gott nimmt nie, um nur zu nehmen, sondern eigentlich um zu geben und um uns frei zu machen für seine Gaben, die wir vor lauter Eigenlast oft gar nicht in Empfang nehmen können. Aber uns bestürzt, dass der permanente Raubbau an der Welt, die Gottes Schöpfung ist, in der Vergangenheit und im vergangenen Jahr so bedrohliche Züge angenommen hat, wie er mit dem Stichwort „Klimawandel“ bezeichnet wird. Die Welt ist Schöpfung Gottes und als Treugut von Gott in unsere Hände gegeben. Aber was machen wir daraus? „Wer vom Glanz der geschaffenen Dinge nicht erleuchtet wird, ist blind; wer durch dieses laute Rufen der Natur nicht erweckt wird, ist taub. Wer, von diesen Wundern der Natur nicht beeindruckt, Gott nicht lobt, ist stumm; wer durch diese Signale der Welt nicht auf den Urheber hingewiesen wird, ist dumm.“ Diese zwar nicht schmeichelhaften, aber präzisen Urteile fällte der mittelalterliche Theologe Bonaventura vor 700 Jahren. Im Glauben an Gott erhält jedes Ding, jedes Phänomen der Schöpfung mit allen anderen Dingen und Phänomenen einen inneren Zusammenhang, und es fügt sich ein in das All, das von Gott selbst geschaffen ist.

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Deshalb werden alle Dinge zu Verkündern und zu Zeichen des lebendigen Gottes in unserer Welt. Diese Einstellung zur Schöpfung bildet den eigentlichen Mutterboden, auf dem der Sonnengesang des hl. Franziskus erst möglich geworden ist. In ihm nennt er die Sonne „Herrin und Bruder“, den Mond und die Sterne „Schwester“, das Feuer „Bruder“, die Erde „Mutter“, Wind, Luft, Wolken und Wetter „Bruder“, das Wasser „Schwester“ und den leiblichen Tod „Bruder“. Denn in der Schöpfung dem lebendigen Gott selbst zu begegnen, macht die Mitte der franziskanischen Spiritualität aus. In diesem gläubigen sich Einlassen auf die Schöpfung als Mittel der Gottesbegegnung, liegt eine wichtige Wegweisung für uns Christen in der heutigen Welt. Denn nachdem in der Neuzeit die Naturwissenschaften und die Technik unaufhörlich gezeigt haben, wie man Gottes Schöpfung als der Herrschaft des Menschen unterworfene Natur verstehen und vor allem behandeln muss – leider oft verstanden als misshandeln –, so liegt es heute in der besonderen Verantwortung von uns Christen, umgekehrt darzustellen, wie die Natur wiederum als Gottes Schöpfung zu betrachten und wie mit ihr zu leben ist.

Dazu bedarf es der Rückbesinnung auf das Glaubensgeheimnis des Heiligen Geistes. Denn im Heiligen Geist ist Gott selbst in seiner Schöpfung gegenwärtig. Wenn dagegen unser Umgang mit der Natur von diesem Glaubensgeheimnis losgekoppelt wird, droht die Welt gottlos und Gott weltlos zu werden. Denn einer Welt, die nicht mehr als Möglichkeit der Offenbarung Gottes erfahren wird, die also im wahrsten Sinne des Wortes als gottlos wahrgenommen wird, wird auf der anderen Seite ein als weltlos erfahrener Gott entsprechen. In letzter Konsequenz wird dann der Mensch zum Herrn und Eigentümer der Natur hochstilisiert. Diese in der ganzen Neuzeit wirksam gewordene Definition des Menschen aber steht quer zur Botschaft Jesu, der seine Jünger nachdrücklich auf die Sprache der Schöpfung verwies, der die Schöpfung zum Reden brachte und sie in den Ehrenrang einer Predigerin Gottes erhob. Jesus erblickte in der Schöpfung vor allem eine hervorragende Lehrmeisterin des Menschen, wenn er in der Bergpredigt sogar den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes zumutet und zutraut, den Menschen radikales Vertrauen auf Gott zu lehren.

In konsequenter Nachfolge Jesu, des guten Hirten der Natur, ist es unsere Berufung, uns selbst als Geschöpfe Gottes zu verstehen und unserer eigenen Geschöpflichkeit innezuwerden. Sich selbst als Gottes Geschöpf zu verstehen, ist ein Gebot der Stunde, d.h. vor allem darum zu wissen, dass man nicht aus sich selbst lebt, sondern alles nur in der Art und Weise des Empfangens hat. Geschöpf sein heißt: Ganz dem Schöpfer zu gehören und Gott ganzheitlich zu lieben. Auf dieses „ganz“ kommt es entscheidend an! Weil dem Menschen letztlich nichts gehört, hat er sein ganzes Leben Gott zu verdanken, muss alles Leben Rückgabe und Antwort auf die Güte des Schöpfergottes sein und ist der Menschen berufen und verpflichtet, sein ganzes Leben zu einem einzigen eucharistischen Hochgebet verwandeln zu lassen. Denn wer nichts zu eigen hat, kann ganz Gottes Eigentum sein; bei dem steht nichts zwischen ihm und Gott, und er kann gar nicht mehr ein raffender und besitzergreifender Mensch sein, der seine Schöpfung quält und zugrunde richtet.

Bewahrung der Schöpfung bedeutet letztlich, den modernen Menschen von seinem Gotteskomplex zu heilen, der es nicht mehr aushält, Geschöpf zu sein, der deshalb werden will wie Gott und der meint, die Verheißung der Schlange im Paradiesesgarten eingelöst zu haben: „Ihr werdet wie Gott“ (Gen 3,5). Diesen Glauben des Menschen an seine eigene Allmacht hat Gott gleichsam aus seiner Schöpfung vertrieben. Damit hat die Schöpfung ihren Glanz und ihre bewahrende Kraft für die Schöpfung verloren.

Das Ergebnis von 2007 ist diesbezüglich als Plus-Minus-Null zu bezeichnen. Dafür ist die so genannte Klimakonferenz vor drei Wochen auf Bali ein trauriges Zeichen. Wie ist diese Bilanz Plus-Minus-Null im neuen Jahr zu korrigieren? In wenigen Stunden senden die Uhren zwölfmal die Schläge der Mitternachtsstunde in die Welt. Den ersten der zwölf Glockenschläge weihen wir Christus. Die anderen elf stehen dann im Gefolge des Herrn. Oder wir können auch sagen, zwölfmal Eins, zwölfmal Jesus Christus, für jeden Monat des kommenden Jahres einmal Jesus Christus. Auf diese Eins kommt es an. „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ (Mk 4,9). „Nur eines ist notwendig“ (Lk 10,42), sagt der Herr. Notwendig ist, dass ein Mensch um den Wert und den Auftrag der Schöpfung und seiner Geschöpflichkeit weiß. Damit verschwinden gewiss nicht alle Minuspunkte aus einem Menschenleben. Aber diese „Eins“ davor, Jesus Christus, bleibt. Dann wird der Mensch seine Verantwortung nicht vergessen und Hand zum Schutz der Schöpfung anlegen. Wer die Eins nicht ausradiert, dessen Leben bekommt einen großen Sinn für die Bewahrung der Schöpfung. Wer vor die Null, d.h. vor unser Leben, die Eins setzt, also Christus, der macht aus der Null die Zehn, der macht aus Verlust Gewinn. Wer aber die Eins hinter die Null setzt, also sich selbst vorn lässt, bei dem bleibt die Null eine Null. Der Glaube an den lebendigen Christus mit all seinen Konsequenzen ist in dieser Mathematik die Eins. Die zwölf Schläge in der Sylvesternacht wollen uns vor falschen Berechnungen warnen. Viele lassen sich heute nicht warnen. Sie überlegen und berechnen, wie sie unsere Welt noch mehr zu ihren Gunsten ausbeuten und für sich dienstbar machen können. Wir aber sollen wissen, dass die Schöpfung Gott gehört. Und wenn wir nicht ihn, die Eins, klar und sauber an die erste Stelle bei all unseren Berechnungen stellen, dann wird alles Folgende Null bleiben und eines Tages durchgestrichen werden.

Nicht nur der Sylvestertag, sondern jeder Tag hat seinen Stundenschlag. Der erste soll immer dem Herrn gehören. Und jeder Stundenschlag hat seine nicht aufdringliche, aber doch eindrucksvolle Art zu predigen. Aller Betrieb und aller Lärm der Welt sollen uns nicht daran hindern, unser Herz dieser Predigt zu öffnen. Das Leben des Menschen ist ein herrliches Gut, wenn einer Wesentliches und Unwesentliches unterscheiden kann. Vertrauen, Geduld und Güte sind die Vitamine, die jeder braucht, um kraftvoll seine Verantwortung für Gottes Werk, die Schöpfung, wahrzunehmen. Denken wir bitte daran, wenn wir dann beim Klang der Glocken die Gläser für ein gesegnetes Neues Jahr erheben.

An jedem Morgen rufen dieselben Glocken, die im alten Jahr den Abschied läuteten, zum neuen Anfang. Wer weiß, wie lange jedem einzelnen von uns noch die Stunde eines neuen Anfangs geschenkt wird? Die Menschen schlafen oder feiern, trinken oder träumen sich ins neue Jahr hinein. Die Zeit schreitet über alle hinweg. Gottes Schöpfung ist und bleibt das Werk des Heiligen Geistes. Als Geschöpfen Gottes ist uns nicht der Geist der Verzagtheit, sondern der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit geschenkt. In diesem Geiste bekennen wir uns zum Herrn der Schöpfung und ermutigen unsere Mitmenschen zur Umkehr vom gewöhnlichen in einen verantwortbaren Umgang mit seiner Schöpfung. Aber diese notwendige Umkehrforderung liegt im Evangelium vom barmherzigen Gott selbst begründet, dessen Grundtenor „Freude“ heißt. Darum sagt der anfangs zitierte heilige Theologe Bonaventura in seinem Schöpfungslob: „Öffne darum deine Augen! Wende dein geistiges Ohr den Signalen der Welt zu! Löse deine Zunge und öffne dein Herz, damit du in allen Kreaturen deinen Gott entdeckst, hörst, lobst, liebst“. Amen.







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