07 Juli 2007, 08:25
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In Deutschland hat seit vielen Jahren kaum einer mehr für die Befreiung der Tridentinischen Liturgie gekämpft als Prof. Robert Spaemann. Aus Anlass des päpstlichen Motu Proprio sprach Paul Badde mit dem Philosophen.

Rom (www.kath.net/DieWelt)
DIE WELT: Was ist für Sie der Scopus des Motu Proprio?

Spaemann: Die Anerkennung der alten Form der Messe als legitimer Ausdruck des katholischen Glaubens, der legitimer Weise nicht verboten werden kann, obwohl es lange Zeit praktisch so schien, für den Gläubigen und auch für die Priester.

DIE WELT: Was überrascht Sie am meisten an dem Dokument?

Spaemann: Eigentlich gar nichts. Das ist ungefähr das, was ich erwartet habe.

DIE WELT: Und kritische Punkte?

Spaemann: Es werden Probleme bleiben, die das Motu Proprio nicht lösen kann, weil sie tatsächlich weiter vom guten Willen der Bischöfe abhängen. Das Motu Proprio geht als Normalfall davon aus, dass sich innerhalb der Pfarreien „stabile Gruppen“ bilden, die um die Alte Messe bitten. Wie soll sich aber eine stabile Gruppe bilden, wenn noch nicht existiert, was die Gruppe stabilisieren kann, nämlich die Feier der alten Messe. Bis jetzt zeigt die Erfahrung, dass solche Gruppen überpfarrlich sind. Es schließen sich Menschen aus verschiedenen Pfarreien mit dieser Bitte zusammen. Das Motu Proprio sieht das vor und spricht davon, dass der Bischof auch Personalgemeinden einrichten kann. Das ist es, was wir jetzt im Wesentlichen haben. Dort, wo die alte Messe existiert, wird das wohl auch die Lösung der Zukunft sein. Was im Motu Proprio als Normalfall erscheint, bleibt eher Ausnahme. In Frankreich ist das anders, da gibt es solche Fälle, in Straßburg, in Colmar, in Paris, wo Priester am Sonntag eine heilige Messe im alten Ritus feiern innerhalb einer Pfarrei. Bei uns in Deutschland ist mir das überhaupt nicht bekannt.

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DIE WELT: Gibt es für Sie Enttäuschungen in dem Motu Proprio?

Spaemann: Gar nicht. Ich bin glücklich.Ich hatte es so erwartet und bin glücklich darüber. Alle übrigen Schwierigkeiten sind praktischer Natur, die sich alle lösen lassen. Ein Modell ist dafür zum Beispiel in Salzburg, wo es nicht nur eine Personalgemeinde gibt, sondern auch eine sehr schöne alte Kirche, wo sich um den Rektor der Kirche, einen Priester der Petrusbruderschaft, ein normales Gemeindeleben entfaltet. Das scheint mir Vorbild zu sein. Wenn die Bischöfe bereit sind, überall solche Lösungen zu akzeptieren oder einzuführen, dann ist das ganze Problem gelöst.

DIE WELT: Warum ist dieser Schritt so leidenschaftlich bekämpft und umstritten?

Spaemann: Die Gründe werfen leider ein schlechtes Licht auf viele Leute, die die neue Liturgie so vehement verteidigen. Wenn diese Leute mit Liebe, Dankbarkeit und Ehrfurcht die Form des Gottesdienstes betrachten würden, von der sie herkommen, die ihre Väter und Urväter gefeiert haben, dann würde das in höherem Maß auch die neue Liturgie legitimieren. Wenn die Verteidigung der neuen Form jedoch den Charakter eines Vatermordes annimmt, stimmt irgendetwas nicht.

DIE WELT: Wie kam es dazu?

Spaemann: Vor allem aus ideologischen Motiven. Hinter der wütenden Abwehr steckt oft die Vorstellung einer Demokratisierung der Kirche, obgleich gar nicht einzusehen ist, warum die neue Liturgie demokratischer sein soll als die alte. Auch dass der Priester in der neuen Messe der Gemeinde gegenüber tritt, statt mit der Gemeinde in eine und gleiche Richtung zu schauen, wird meist ideologisiert als eine größere Gemeinschaft zwischen Priester und Volk. Das Gegenteil ist der Fall. In der alten Liturgie sahen Priester und Volk in die gleiche Richtung. Jetzt tritt der Priester wie ein Lehrer vor die Pfarrgemeinde und betet ihnen etwas vor, statt mit ihnen und an ihrer Spitze zu beten. Es sind also stark ideologische Elemente, die hier eine Rolle spielen. Es ist etwas Irrationales in der ganzen Sache.

DIE WELT: Kann diese Spannung mit dem Dokument vermindert oder ausgeräumt werden?

Spaemann: Das hängt vom Bischof ab und vom Pfarrer. Das muss überhaupt kein Problem geben. Das sehen wir doch auch, wo wir in unseren Pfarrkirchen etwa Portugiesen oder Spaniern eine Heimat geben. Da kommen die Menschen in die Kirchen und es ist vollkommen friedlich. Die feiern die Liturgie auf Italienisch oder Portugiesisch, in ihrem Stil, mit ihren Liedern. Niemanden stört das. Die Pfarrgemeinden arbeiten friedlich mit denen zusammen. Genauso könnte es auch in Zukunft gehen, wenn das Ganze nicht so ideologisch aufgeladen wäre.

DIE WELT: Bei der Maßnahme Paul VI. könnte man mit einigen Gründen von einer Kulturrevolution reden. Wie würden Sie diesen neuen Schritt bezeichnen? Spaemann: Es ist eine Rückkehr zur christlichen katholischen Normalität. Denn diese Kulturrevolution hat ja wirklich diese Spaltung gebracht. Es war nicht das Zweite Vatikanum, es geschah danach. Das Vatikanum hat gesagt: Latein ist die Sprache der Messe, die Gläubigen sollen alle die lateinischen Teile singen können. Das geschieht alles in der alten Messe und in der neuen kaum. Was das Konzil gesagt hat, hat wenig zu tun mit dem, was in der neuen Liturgie praktiziert wird. Es war ein Akt der „Tyrannis“, um es einmal ganz deutlich zu sagen. Die Griechen haben „Tyrannis“ denjenigen genannt, der Menschen zwingt, eine alte Gewohnheit ihres Lebens aufzugeben und auf eine neue Weise zu leben. Das war’s. Es wurde von oben oktroyiert und mit Brachialgewalt durchgesetzt. Der alte Ritus wurde verhindert und jetzt kehrt die Sache zu einer gesunden Form zurück. Dass wir jetzt zwei Riten nebeneinander haben, wäre nicht nötig gewesen. Der alte Ritus hätte behutsam reformiert werden können. Dann hätten wir jetzt eine einheitliche lateinische Liturgie. Das ist verpasst worden, aber der Papst hat jetzt zumindest die Konsequenz gezogen und einen Normalzustand wieder hergestellt.

DIE WELT: Heißt das, Benedikt XVI. hat Paul VI. jetzt korrigiert und in seine Schranken gewiesen?

Spaemann: Ja, zumindest die drakonische Art der Durchsetzung und die Abweichung von den Intentionen des Konzils. Da muss man nicht im Kaffeesatz lesen. Das kann man nachlesen bei Joseph Ratzinger. Er hat ja nicht hinter dem Berg gehalten mit Kritik an der Form der neuen Messe. Er hat die Umkehr der Altäre beklagt. Er hat beklagt, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche eine Liturgie am grünen Tisch neu „gemacht“ wurde, statt eines organischen Wachstums, wo irgendetwas hinzugefügt wird oder etwas anderes wegfällt. Liturgie hat sich immer entwickelt. Dass aber Liturgie am grünen Tisch von Liturgiewissenschaftlern „gemacht“ und von oben durchgesetzt wird, hat der Papst, als er noch Kardinal war, laut und deutlich beklagt. Jetzt macht er es rückgängig.

DIE WELT: Ruhen in dem Schreiben Minen für weitere Missverständnisse?

Spaemann: Vielleicht für die Praxis. Wenn ein Bischof es gerne verhindern will oder nach einigen Jahren einen Misserfolgsbericht machen will, dann kann er das. Es ist auch jetzt so, dass zum Beispiel ein prominenter Oberhirte mitgeteilt hat, dass sich etwa die Zahl der Teilnehmer am alten Ritus auf sehr niedrigem Niveau eingependelt habe. Na ja, wenn 70 oder 100 Gläubige aus einer Stadt ihm schreiben, er solle ihnen die alte Messe ermöglichen und er antwortet einfach nicht, überhaupt nicht, Monate über Monate, einfach schlicht nicht, dann kann er natürlich hinterher eine Meldung machen, dass die Zahl derer, die eine alte Messe wünschen, sehr gering ist. Und so könnte es natürlich auch weiter gehen. Das Motu Proprio ist nach wie vor angewiesen auf den guten Willen der Bischöfe. Darum hat der Papst einen sehr schönen brüderlichen Brief an die Bischöfe geschrieben, der wirklich an die Herzen der Hirten soll und von dem ich nur hoffe, dass ihm das wirklich gelingt: an diese Herzen zu rühren.

DIE WELT: In drei Jahren soll die Entwicklung noch einmal neu eingeschätzt werden, die dieses Papier auslösen wird. Welche Folgen wird es nach ihrer Erfahrung haben?

Spaemann: Misserfolgsmeldungen sind immer leicht zu manipulieren. Bei uns in Stuttgart, wo wir regelmäßig die alte Messe haben und die Petrus-Bruderschaft ihre Wirkungsmöglichkeit hat, sehe ich allerdings, dass sich die Zahl seit 1993 vervierfacht hat. Hier war uns der Bischof entgegen gekommen: da blüht und gedeiht die Sache. Ich könnte mir also vorstellen, dass es nun einen friedlichen und freundschaftlichen Wettbewerb gibt. Und dass außerdem die Wiederzulassung der alten Messe dazu führt, dass die neue Messe wieder einen Maßstab bekommt für das, was eine katholische Liturgie ist und wie sie wieder würdiger und mehr im Sinn des Zweiten Vatikanischen Konzils gefeiert werden kann.

DIE WELT: Und was wird aus dem Schisma mit den Anhängern des Erzbischofs Lefebvre?

Spaemann: Das ist natürlich ganz wichtig und der Papst erwähnt das ja auch eigens. Wenn sie wirklich die Einheit wollen und sich der römisch katholischen Kirche zugehörig fühlen, dann müssten sie jetzt entschlossen etwas für die Rückkehr tun. Sie können sich jetzt nicht mehr rausreden. Ihnen sind goldene Brücken gebaut.

DIE WELT: Was bietet die alte Liturgie denn einer Jugend in der Kirche an, die sie schon gar nicht mehr kennen gelernt hat?

SPAEMANN. Die erste Begegnung mit der alten Messe wird bei vielen jungen Menschen wohl ein Gefühl der Fremdheit erzeugen – vielleicht aber eine faszinierende Fremdheit. Dagegen versucht ja die neue Liturgie, möglichst Brücken zu bauen zwischen dem profanen und dem sakralen Raum – sozusagen als ein niedrigschwelliges Angebot. Das ist aber nicht das, was die Jugend fasziniert. Es könnte also sein, dass das Erlebnis der alten Liturgie eine Faszinationskraft entwickelt, die durchschnittliche heutige Liturgie nicht hat. Ich hörte gerade von jemand, der von seinen Kindern sagte, dass sie sich wunderten, warum Priester, die die alte Messe feiern, so viel „cooler“ seien als die Normalen – eben Priester, die strenger sind und großen Wert auf die Form legen, dass die cooler sind.

DIE WELT: Was bietet das Dokument den protestantischen Brüdern und Schwestern an?

Spaemann: Zunächst nichts Spezielles. Vielleicht ist es aber auch ähnlich wie mit der Jugend, dass sie die katholische Messe irgendwie neu erleben könnten, wenn sie sie einmal in ihrer klassischen Form sehen. Viele Protestanten beneiden die katholische Kirche ohnehin um ihre hoch entwickelte klassische Form - die nur leider oft verdeckt wird. Ich bin schon aus einer katholischen Erstkommunionfeier weggelaufen in die lutherische Nachbarkirche, um dort wenigstens am Anfang den Bußritus mitzumachen, wo ich aufatmen konnte über diese würdige Form der Lutheraner. Das kann nicht passieren, wenn man in der alten Messe ist, dann läuft man natürlich nicht weg – um in eine lutherische Messe zu gehen. Die entscheidende Frage ist jetzt aber nicht, was das für den Umgang mit den Protestanten bringt. Da wird sich wohl gar nicht viel ändern, da ja nicht die katholische Kirche im Ganzen zur alten Liturgie zurückkehrt. Es bleibt ja, wie der Papst sagt, die „außerordentliche Form“ der Messfeier. Anders ist es aber mit der orthodoxen Kirche. Denn die katholische Liturgie der alten Form fügt sich in die Gemeinschaft der katholischen Liturgien nahtlos ein: in das Konzert der der griechisch orthodoxen, der syrischen, der koptischen Kirchen. Es gibt ja viele Riten in der katholischen Kirche – aus deren Gemeinschaft der Liturgien die Form der neuen Messe irgendwie vollkommen heraus gefallen war. Wo die alte Liturgie wieder unbehindert gefeiert wird, kehrt die Kirche nun aber wieder zurück in die große Gemeinschaft der katholischen Liturgien – um auch von den Orthodoxen wieder neu wahrgenommen zu werden als eine wahre Schwesterkirche.

DIE WELT: Werden ökumenische Probleme damit nicht verschärft?

Spaemann: Das kann kaum sein. Denn es werden ja kleine Gruppen bleiben auf lange Zeit. Sie mögen größer werden als jetzt, aber bleiben immer noch klein.

DIE WELT: Als Salz der Kirche?

Spaemann: Ja. Was die Christen in der Welt und die Katholiken in der Christenheit sein sollen, das werden die Anhänger der alten Liturgie auch in der katholischen Kirche sein müssen.

Paul Badde ist Rom-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ und Herausgeber der Zeitung „Vatican“ – Bestellmöglichkeiten der Zeitschrift unter www.vatican-magazin.com - Achtung: Ermäßigung für kath.net-Clubmitglieder – Infos siehe hier.

Foto: © Paul Badde







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