19 April 2007, 10:43
Der Hexenwahn als extrem physische Erfahrung
 
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Jüngste Studien zeigen, wie viel sich in der Forschung zu den Hexenverfolgungen geändert hat. Ein Beitrag über das Buch "Hexenwahn" von Anne-Catherine Simon / Die Presse.

Wien (www.kath.net / presse) „Die Sorgen um den Erhalt der Fruchtbarkeit standen im Mittelpunkt des Hexenwahns in Deutschland“: Zu diesem Ergebnis ist die Britin Lyndal Roper gekommen, als sie Prozessakten in süddeutschen Archiven, einem der Hauptgebiete der Hexenverfolgung, durchforschte. „Am meisten überraschte mich bei der Durchsicht der ausführlichen Gerichtsprotokolle, dass Frauen, die der Hexerei angeklagt waren, nicht über Sex oder verbotene Lust sprachen“, schreibt die in Oxford lehrende Historikerin.

Sondern? Über Geburt, versiegende Muttermilch, sterbende Säuglinge oder über das Wochenbett nach der Entbindung. Und warum, fragte sich Roper, wurden besonders ältere Frauen der Hexerei bezichtigt, die keine Kinder mehr bekommen konnten?

Ihr Buch „Witch Craze“, eines der interessantesten neueren Werke zur Hexenverfolgung, ist nun auch auf Deutsch erschienen („Hexenwahn“). „Terror and Fantasy in Baroque Germany“, lautet der Untertitel im Original; Roper hat ein breites „Barock“-Verständnis, sie meint die Zeit zwischen dem 16. und dem 18.Jahrhundert. Vor allem in den Anfangsphasen sieht sie eine „obsessive Angst vor Missernten und ausbleibendem oder sterbendem Nachwuchs“ als Motiv.

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„Die Menschen neigten dazu, überall Gefahren für die Fruchtbarkeit zu sehen.“ Hintergrund der Ängste sei nicht zuletzt die Bevölkerungspolitik, mit der man im 16. Jahrhundert auf schlechtes Wirtschaftswachstum reagierte. „Die Hexenangst konnte sich leicht in einer Gesellschaft einnisten, in der Eheschließung und Fortpflanzung an strenge Bedingungen geknüpft waren.“

„Gefühlsgeschichte des Hexenglaubens“

Keine ganz neue Diagnose – aber das ist auch nur die Grundlage für Ropers dank vieler Fallbeispiele anschauliches, spannendes Unternehmen: eine „Gefühlsgeschichte“ des Hexenglaubens. Neid, Angst, Abhängigkeit spielen die Hauptrolle: „Wir müssen die Ängste von Frauen begreifen, die erleben mussten, wie aus ihrem Viehbestand ein Tier nach dem anderen erkrankte, die Hilflosigkeit angesichts eines hübschen Kleinkindes verstehen, das zum Krüppel wird...“

Roper gelingt es, den Hexenglauben als extrem physische Erfahrung begreifbar zu machen und den Hexenglauben als Hilfsmittel, um Schrecken und Leid in eine verständliche „Erzählung“ zu bringen. Sie studiert anhand zahlloser Fallbeispiele die sexuelle Vorstellungswelt des Hexenglaubens und kommt zum Schluss: „Die Sexualität der Hexe gründet auf Neid: Sie griff nach der Fruchtbarkeit und den Freuden, auf die andere ein Anrecht hatten.“ Ältere Frauen seien zu Blitzableitern für Ängste geworden, die in der Mutter-Kind-Beziehung wurzeln.

Interessant, aber auch einseitig ist das Urteil vieler Forscherkollegen. „Verallgemeinern lässt sich das nicht“, sagt die deutsche Historikerin Rita Voltmer im Gespräch mit der „Presse“. Gerade auf Massenverfolgungen treffe das Muster nicht zu. „Die Dämonologen stellten die alte Frau in den Mittelpunkt; die Gerichtspraxis konnte anders aussehen, da gerieten Kinder, Jugendliche, wohlhabende Frauen, Männer jeden Alters, auch Kleriker unter Anklage.“

„Nur“ 50.000 bis 60.000 Opfer

Eines jedenfalls wird bei der Lektüre dieser wie anderer neuerer Studien deutlich: Die populären Vorstellungen zur Hexenverfolgung haben mit dem Bild der Wissenschaft entweder gar nichts zu tun oder hinken um Jahrzehnte hinterher. Erst in den 70er-Jahren hat man begonnen, systematisch die Akten in regionalen und lokalen Archiven zu durchforsten, seit damals hat sich dramatisch viel verändert. Was zum Beispiel?

•Zehntausende statt Millionen Opfer: „Heute bewegen sich die Schätzungen zwischen 50.000 und 60.000 Todesopfern“, sagt die deutsche Historikerin Rita Voltmer im „Presse“-Gespräch; „und die Zahlen werden vielleicht noch weiter nach unten gehen“. Anders in Dan Browns Roman „Sakrileg“: „In den drei Jahrhunderten der Hexenjagd hatte die Kirche die erschütternde Zahl von fünf Millionen Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht und grausam verbrannt.“

Vielerorts ist sogar von neun Millionen die Rede. „Diese Zahl kommt von einer Hochrechnung aus dem 18.Jahrhundert“, erklärt Voltmer. „Ein gewisser Gottfried Christian Voigt, Stadtsyndikus von Quedlinburg, hat die Akten des Quedlinburger Archivs genommen und die dort gefundenen 30 Todesurteile in Hexenprozessen zwischen 1569 und 1598 auf die Bevölkerung des christlichen Europa und elf Jahrhunderte (sic!) hochgerechnet.

Voltaire wieder hat die Zahl 100.000 aufgebracht. Ihm ging es darum, die dunkle Zeit des Hexenwahns gegen die nun angebrochene Zeit des Lichtes unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. abzugrenzen. Diese Propaganda wirkt bis heute.“

Erst seit den 70er-Jahren begannen Historiker, systematisch lokale und regionale Archive zu durchforsten – und siehe da: Die immer genaueren Zahlen ersetzten fast überall völlig überhöhte Schätzungen. Ebenso die Vorstellung, dass fast alle Angeklagten auch hingerichtet wurden, erwies sich als falsch. „In Frankreich etwa gab es wahrscheinlich Tausende von Verfahren, aber nur ein paar Hundert Hinrichtungen.“

•Mittelalter kannte keine Hexenverfolgung: Auch die Rede von der „mittelalterlichen“ Hexenverfolgung ist ein kurioses Relikt. Voltmer: „Im Mittelalter gab es die Vorstellung vom Bandendelikt der Hexerei noch gar nicht, nur unverbundene Einzelelemente, Teufelspakt, Luftflug, Schadenszauber, Kannibalismus. Erst im 15.Jahrhundert fusionieren diese Vorstellungen. Aber die mittelalterlichen kirchlichen Deliktvorstellungen vom Ketzersabbat sind natürlich in die frühneuzeitliche Hexenlehre eingeflossen.“

•Inquisition bzw. „Kirche“ nicht Haupttäterin: „Nur in der ersten Zeit der Verfolgungen im 15.Jahrhundert waren Inquisitoren, aber auch schon weltliche Gerichte mit der Hexenjagd befasst. Die portugiesische, spanische und römische Inquisition hat nur ganz wenige vermeintliche Hexen zum Tode verurteilt.“

In den Hauptphasen der Hexenverfolgung, im Hl. Römischen Reich, spielten sich die Hexenprozesse fast nur vor weltlichen Gerichten ab. Dabei, so Voltmer, seien protestantische Territorien ebenso betroffen gewesen wie katholische. „Aber natürlich gehörten Geistliche aller Konfessionen zu den geistigen Brandstiftern.“

•Kirche verurteilte viele Männer: Ein bisschen muss auch die Vorstellung der auf Frauenjagd fixierten Kirche relativiert werden: „Insgesamt waren in Europa zwischen 75 und 90 Prozent der Opfer Frauen. Aber in vielen katholischen Gebieten waren ein Drittel der Opfer Männer, viel mehr als in protestantischen Gebieten.“ Ein Grund dafür sei die lutherische Bibelübersetzung (Exodus 22,17: „Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen“).

Außerdem habe es mit der unterschiedlichen Deliktvorstellung zu tun. „Den Hexensabbat taten protestantische Theologen oft als Einbildung ab; viele katholische Dämonologen glaubten daran und glaubten auch, dass sich dort Männer wie Frauen treffen würden. Damit mussten Angeklagte unter der Folter auch Männer als ,Komplizen‘ nennen.“

Hintergrundinformation - PROZESSE: Wann und wo

Vor allem im 16. und 17.Jahrhundert, fast nur in Mitteleuropa fand die Hexenverfolgung statt. Rund die Hälfte der Opfer (ca. 25.000) zählt man im „Hl. Römischen Reich Deutscher Nation“ – also großteils auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. In den katholischen Territorien der österreichischen Erblande gab es zwischen 15. und 18.Jahrhundert „nur“ rund 1.900 Opfer.

Der Beitrag erschien in der Zeitung „Die Presse“ am 18. April 2007. Publikation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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