21 Februar 2007, 11:24
Kritik am ,kontraproduktiven’ Engagement der ,Aktion Leben’
 
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KATH.NET-exklusiv: Österreichische Lebensschutzinitiativen nehmen Stellung zur kirchlichen Unterstützung der "Aktion Leben".

Wien (www.kath.net) In der österreichischen Lebensschutzszene mehren sich die kritischen Stimmen zur kirchlichen Unterstützung der „Aktion Leben“. Auf der offiziellen Website der „Katholischen Kirche in Österreich“ wird mit einem großen Inserat für die Gruppe geworben.

Die österreichische Bischofskonferenz und einzelne Diözesen unterstützen die „Aktion Leben“ jährlich mit Subventionen im sechsstelligen Eurobereich, konnte KATH.NET erfahren. Dabei vertritt die Gruppe in wichtigen Fragen – Abtreibung, Verhütung, Homosexualität – eine andere Position als die Lehre der Kirche.

KATH.NET hat bei einigen der derzeit aktivsten österreichischen Lebensschutz-Initiativen nachgefragt, wie sie das sehen. Sie haben übrigens ein gemeinsames Merkmal: Sie entstanden in Privatinitiative, ohne kirchliche Gelder und wuchsen – unter vielen Hürden, trotz Ignoranz und teilweise nach wie vor anhaltender Feindschaft von Seiten kirchlicher Funktionäre – zu beachtlichen Meinungsträgern heran.

„Es kann nicht im Interesse der Kirchenvertreter stehen, jemanden zu unterstützen, der offen gegen die Lehre der Kirche auftritt“, meint der Vorsitzende der Organisation „Jugend für das Leben“, Norbert Rauscher, gegenüber KATH.NET.

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Amtsträger sind verantwortlich

„Die Amtsträger der Kirche sind dafür verantwortlich, wen sie finanziell mit dem Geld der Gläubigen unterstützen“, erklärt er. „Jugend für das Leben“ ist ein Verein, der von der Österreichischen Bischofskonferenz anerkannt ist und vor allem in Schulen tätig ist und Jugendlichen alles rund um das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod nahe bringt.

Engagement zeigte der Verein zuletzt beim Protest gegen die Abtreibungsklinik in der Lugner-City. Rund 9.400 Menschen unterstützten eine Unterschriftenaktion gegen diese Einrichtung.

Ursprünglich gute Gründungsziele

Kritik kommt auch von „Human Life International“, einer internationalen Organisation, die spezialisiert ist auf Beratung von Frauen vor einer Abtreibungsklinik sowie auf sofortige Unterstützung von schwangeren Frauen. HLI-Österreich-Chef Dietmar Fischer bedauert, dass die „Aktion Leben“ die „ursprünglich guten Gründungsziele und Grundsätze Schritt für Schritt über Bord geworfen hat“.

Er habe von Mitarbeitern der „Aktion Leben“ erfahren, dass diese auch Frauen zur Abtreibung begleiten, berichtet er. Zuletzt habe sein Beraterteam vor der Abtreibungsklinik eine Frau angesprochen und sie überzeugen können, dass eine Abtreibung nicht die Lösung sein könne.

Mit der „Aktion Leben“ zur Abtreibung?

„Die Frau berichtete, dass eine Beraterin der ,Aktion Leben’ ihr wegen der Gefahr einer Behinderung zur Abtreibung geraten hatte“, erzählt der HLI-Chef. „Inzwischen ist das Kind geboren und über ein Jahr alt. Es hat keine Behinderung, und die Mutter ist glücklich über das Kind und dass sie von uns noch rechtzeitig Hilfe und Beratung für das Leben bekommen hat.“

Fischer: „Organisationen, die nicht eindeutig und bedingungslos für das Leben jedes Menschen sind, dürfen in keinem Fall von der katholischen Kirche beworben und schon gar nicht von der offiziellen Kirche durch die Bischofskonferenz unterstützt werden.“

Auch der Verein „Pro Vita – Bewegung für Menschenrecht auf Leben“ findet die „Aktion Leben“ problematisch. „Katholisch“ sei die „Aktion Leben Österreich“ offenbar „immer nur dann, wenn um Spenden geworben wird“, meint „Pro Vita“-Obmann Alfons Adam gegenüber KATH.NET. Er werde der Sache nachgehen. „Sobald klar gestellt ist, dass solche Subventionen tatsächlich fließen, sollten die echten Lebensschützer überlegen, ob sie noch weiterhin Kirchenbeiträge zahlen wollen.“

PAS – „Erfindung radikaler Gruppierungen“?

Inhaltlich kritisieren die Lebensschützer unter anderem, dass die „Aktion Leben“ den Terminus „Post Abortion Syndrom“ (PAS) als „Erfindung radikaler Gruppierungen“ darstellt. „Jugend für das Leben“ stellt fest: „Die ,Aktion Leben’ nennt das PAS eine Erfindung, sagt aber im gleichen Atemzug: ,Wir wissen, dass Frauen unter Schwangerschaftsabbrüchen leiden und dies mitunter auch jahrelang.’“

Das PAS drücke jedoch genau dies aus, nämlich die psychischen Leiden nach einer Abtreibung. „Zu meinen, dass alle, die diesen Fachausdruck verwenden, ihn als Drohung verwenden, ist eine Unterstellung.“ Auch HLI-Chef Dietmar Fischer findet diese Ignoranz eigenartig. „Das PAS ist bereits seit vielen Jahren in vielen Bereichen als fachlicher Terminus anerkannt.“

Kritik an „ergebnisoffener“ Beratung

Kritik kommt auch an der „ergebnisoffenen“ Beratung, die von der „Aktion Leben“ versprochen wird. „Jugend für das Leben“ vermisst Prinzipientreue. „Die ,Aktion Leben’ bekennt sich dazu, dass das menschliche Leben mit der Befruchtung beginnt und dass alle Menschen gleichwertig sind“, sagt Norbert Rauscher.

„Im Hinblick auf die Stammzellenforschung setzt sich die ,Aktion Leben’ kompromisslos für die Ungeborenen ein, im Fall der Schwangerschaft setzt sie aber die Entscheidung der Mutter über das Leben des Kindes. Sind alle Menschen nun gleichwertig und schützenswert, oder nicht? Hier müsste die ,Aktion Leben’ zu ihren Prinzipien stehen um glaubwürdig zu sein.“

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

„Pro Vita“-Obmann Alfons Adam: verweist auf die Enzyklika „Evangelium Vitae“ von Papst Johannes Paul II., wo dieser im Zusammenhang mit der Abtreibung von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ spricht (Nr. 70). Der Papst habe damit zum Ausdruck gebracht, „dass es angemessen und gerechtfertigt ist, unser österreichisches Rechtssystem (wegen der Fristenlösung) als verbrecherisch zu bezeichnen“, ist der Rechtsanwalt überzeugt.

„Daran hätte sich eine Beratung zu orientieren, wenn sie das Attribut ,katholisch’ in Anspruch nimmt. Ich meine, dass katholische Berater von dieser vom Papst vorgegebenen Linie auszugehen hätten und deshalb die schwere Gewissensverpflichtung hätten, jede Frau zwar liebevoll aber mit allen zu Gebote stehenden Mitteln von einer Abtreibung abzuhalten.“

HLI-Chef Fischer meint: „Katholiken können und dürfen nie eine Entscheidung gegen das Leben bzw. für die Tötung eines Menschen respektieren im Sinne von anerkennen.“

Mahnwachen sind friedlich

Kopfschütteln erntet die „Aktion Leben“ auch aufgrund des folgenden Statements, das auf der Website zu lesen ist: „Mahnwachen und Gebetsdemonstrationen sind kontraproduktiv und bringen jede professionelle Arbeit für den Schutz des Lebens in Misskredit.“ Solche Aktionen „helfen“ keiner Frau, sondern sie verunsichern sie, ob sie eine Beratungsstelle aufsuchen soll, sagt die Generalsekretärin von Aktion Leben Österreich, Gertraude Steindl.

„Das ist einfach unwahr“, kontert HLI-Chef Dietmar Fischer. „Über 8.000 gerettete Kinder und ebenso viele glückliche Mütter und Väter sind der beste Beweis, dass gerade diese Art von Rettungsarbeit unbedingt notwendig ist.“ Er und sein Team stehen seit vielen Jahren vor Abtreibungskliniken, um für alle an den Tötungen Beteiligten zu beten und Frauen in Not in letzter Minute noch Beratung und konkrete Hilfe anzubieten.

Ist auch die Feuerwehr „kontraproduktiv“?

Wer sein Engagement kontraproduktiv nennt, der müsse auch Rettung und die Feuerwehr „kontraproduktiv“ nennen, weil sie erst im letzten Moment mit Blaulicht zum Einsatz fahren, sagt Fischer. Kontraproduktiv sei vielmehr das Konzept der „ergebnisoffenen Beratung“, weil sie weder die Perspektive des Kindes noch jene der langfristigen Konsequenzen für die Frau mit einbezieht. „Wer von falschen Tatsachen bei der Beratung ausgeht, kommt logischerweise auch zu einem katastrophalen Ergebnis, wo eben geglaubt wird, dass man mit dem Töten ein Problem lösen kann.“

„Welche Art der Demonstration ist friedfertiger, als öffentlich für ein Anliegen zu beten?“, meint „Jugend für das Leben“ dazu. Es sei wichtig, „dieses Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen, um die Menschen zu sensibilisieren“. Ein friedlicher und zielführender Weg dahin seien „Mahnwachen und Kundgebungen“. Und „Pro Vita“-Obmann Adam sagt: „Nicht Mahnwachen und Gebet sind kontraproduktiv, sondern eine Beratungstätigkeit wie sie von der Aktion Leben angeboten wird.“

„Es gibt keinen Mittelweg“

Können Katholiken die „Aktion Leben“ derzeit mit gutem Gewissen unterstützen? Nein, sagt HLI-Chef Dietmar Fischer und verweist auf seine Erfahrungen. „Es gibt keinen Mittelweg“, erklärt „Pro Vita“-Obmann Alfons Adam. „Entweder man fördert die ,Kultur des Lebens’ oder eben die ,Kultur des Todes’. Es ist in höchstem Maße unglaubwürdig, das ungeborene Kind als Menschen hinzustellen, ihm aber kein Menschenrecht auf Leben zuzugestehen.“

„Als Katholik kann ich nicht für einen Verein spenden, der in grundsätzlichen Fragen gegen die Kirche arbeitet“, meint auch „Jugend für das Leben“-Vorsitzender Norbert Rauscher. „Das heißt nicht, dass es keine Bereiche gäbe, die ich auch schätze und bereit wäre zu unterstützen. Aber solange die ,Aktion Leben’ nicht bedingungslos für den Schutz des Lebens eintritt, würde ich davon absehen, ihnen finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.“

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