27 Januar 2007, 12:34
‚In den Himmel will ich kommen!’
 
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Das Christentum ist eine "eschatologische" Religion, das heißt, sie ist auf "das Letzte" (griechisch: eschaton) hingerichtet, und das ist die Ewigkeit bei Gott. - Von Pater Karl Wallner OCist.

Heiligenkreuz (www.kath.net /Vision2000)
Wer den Genuß des Heute in den Vordergrund stellt, will nur ja nicht an das Ende denken. Auch Christen sind heute stark gefährdet, sich allzu häuslich in der heutigen Welt des Wohlstands einzurichten.

Das Christentum ist eine „eschatologische“ Religion, das heißt, sie ist auf „das Letzte“ (griechisch: eschaton) hingerichtet, und das ist die Ewigkeit bei Gott. Christentum ist Hinordnung des Lebens auf die letzte Zukunft, die Gott uns bereiten will („eschatologische Religion“).

Die zweite Bitte des Vater-Unser ist zentral: „Dein Reich komme!“ So wie das letzte Wort des Neuen Testamentes lautet: „Maranatha! Komm bald, Herr Jesus!“ Aber würden wir heute nicht lieber beten: „Bleib weg Herr Jesus!“ „Laß uns möglichst lange auf Erden leben!“ Und: „Belästige uns bitte nicht mit dem Gedanken daran, daß wir sterben müssen!“

Meine Diagnose lautet: Wir sind auch als Christen in Gefahr, uns in dieser Welt allzusehr beheimatet zu fühlen: Wir leben so, daß uns die Ewigkeit bei Gott egal ist. Verständlich ist diese „präsentische“ Weltanschauung ja. An den Tod denkt man dann nicht gerne, wenn es einem gut geht, wenn einem nichts fehlt, wenn man es sich gemütlich eingerichtet hat in diesem irdischen Leben.

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Berühmt ist der Leitspruch der Antike: „Carpe diem!“ Pflücke den Augenblick, genieße die Gegenwart wie den zarten Duft einer Blume. Hinter dieser Parole steht zugleich die Auffassung: Genieße jetzt, denn morgen könntest Du tot sein... Berüchtigt ist der griechische Denker Epikur (341-270 v. Chr.), der den einzigen Sinn des Lebens in der Lust (griechisch: hedone) sieht. Daher nennt man die lustvolle Anbetung der Gegenwart, das egozentrische Verliebtsein in den Genuss des Lebens auch „Hedonismus“.

Für satte Menschen ist der Gedanke an die Zukunft unangenehm! Der Satte empfindet es geradezu als eine Bedrohung für den Genuß der Gegenwart, wenn er an die Zukunft denken soll! Warum soll man sich den Augenblick nicht vermiesen lassen, und an das Unverfügliche denken? Die Zukunft kann ja Krankheit, Leiden und Tod bringen? Und vor allem: nur nicht ans Sterben denken. Und das gilt auch für uns Christen!

Unser gegenwärtiger Zustand ist geprägt von einer Sättigung, alle Grundbedürfnisse sind über und über befriedigt. Ich meine, daß wir „erdgesättigt“ sind und daher die große Dynamik, die doch das Wesen des Christentums ausmacht, wegfällt: die Sehnsucht nach der herrlichen Zukunft bei Gott, die Christus uns in seiner Auferstehung eröffnet hat. Wenn man die Macht der ersten Worte, mit denen der Herr seine Verkündigung begonnen hat: „Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe“ beachtet, so erschrickt man, wie klein der Horizont unserer kirchlichen Verkündigung heute geworden ist!

Wenn die eschatologische Hoffnung auf Ewigkeit ausfällt, dann reduziert sich die Kirche auf eine „Wertevermittlungsinstitution“, auf eine „moralische Weltinstanz“ oder auf einen „Gegenwartsbewältigungsverein“. Das ist vielleicht ganz nett und psychologisch hilfreich, ist aber zuwenig.

Natürlich: Der Gedanke an unsere Sterblichkeit ist auch für einen Christen ein beunruhigender Gedanke. Auch wenn wir gläubig sind und Morgen für Morgen und Tag für Tag Gott die Treue halten: Die urmenschliche Angst vor dem Sterben wird uns nicht genommen. Schon deshalb nicht, weil Gott selbst diese Todesangst am Kreuz auskosten wollte. Paulus schreibt im Römerbrief: „Wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung.“ (Röm 8,24)

Und es gehört eben zum Wesen der Hoffnung, daß unser Leben ein schwindelerregender Seiltanz über den Abgründen der Sinnlosigkeit bleibt: „Wenn aber Tote nicht auferweckt werden, sind wir erbärmlicher dran als alle anderen.“ (1 Kor 15,19) Das gilt übrigens besonders für die Gottgeweihten, also jene, die um des Herren willen „Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen haben“ (Lk 18,28).

Sterben müssen wir alle. Der christliche Glaube fordert von uns eine Orientierung hin auf den Tod. Nein, falsch. Eine Orientierung hin auf das, was uns durch den Tod hindurch erwartet: das ewige Leben. Unser zeitliches Leben ist Vorbereitung auf Leben durch den Tod hindurch. Von uns heutigen Christen würde der Apostel Paulus wohl sagen: „Irdisches haben sie im Sinn!“ (Phil 3,19).

Wenn Kirche nur mehr schaut, wie wir uns im Jetzt behaupten, dann darf es nicht wundern, daß es schon seit Jahrzehnten nur mehr dieses ungustiöse Taktieren und Feilschen und Schachern gibt, wie wir die Radikalität des Evangeliums vielleicht doch nicht so ernst nehmen müssen.

Wenn es keinen „neuen Himmel und keine neue Erde“ gibt, dann müssen wir uns halt billig auf der alten Erde einrichten. Das Christentum ist eine eschatologische Religion, und wenn wir das Letzte aus den Augen verlieren, verdienen wir nicht mehr, den Namen dessen zu tragen, der gesagt hat: „Suchet zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch dazugegeben.“ (Mk 6,33; Lk 12,31)

Wir Christen sind schwach geworden. Vielleicht deshalb, weil wir keine wirkliche Ewigkeitshoffnung mehr haben. Ist es nicht gerade diese starke Orientierung auf die herrliche Zukunft, die Kraft gibt für die Bewältigung der schrecklichen Gegenwart? War es nicht die Hoffnung auf Himmel, die die christlichen Märtyrer gestärkt hat, ihr Leben aus Liebe hinzugeben?

Als 150 Jahre vor Christus, der griechisch-heidnische König Antiochus Epiphanes IV. die Juden zwingen will, Schweinefleisch zu essen, lesen wir bereits im Alten Testament, daß sieben Brüder mit ihrer Mutter lieber Folter und Tod auf sich nahmen, als Gott zu verraten. „Lieber sterben als sündigen!“ lautet ihre Parole; und ihre Festigkeit resultiert aus ihrer Hoffnung: „Gott hat uns die Hoffnung gegeben, daß er uns wieder auferweckt.“ (2Makk 7,1-42)

Solche Charakterstärke können nur Menschen haben, die auf die Ewigkeit hoffen. Nein, Wladimir Iljitsch Lenin, du hattest wahrlich nicht recht, als du unsere christliche Hoffnung auf den Himmel „Opium für das Volkes“ genannt hast! Wenn wir Christen an das Leben nach dem Tod glauben, an die Herrlichkeit des Himmels, dann betäubt uns das nicht. Im Gegenteil: Die Jenseitshoffnung macht uns verantwortungsvoll und sensibel gegenüber der Gegenwart. Ein ewigkeitsgläubiger Christ ist kein opiumbetäubtes Schaf und kein stoischer Dulder, im Gegenteil: Mutig und stark blicken wir dem Falschen und Bösen, dem Billigen und Widerwärtigen in die Augen. Nicht mit uns!

Der Glaube an die Auferstehung verpflichtet uns, an der Revolution Gottes gegen die finsteren Mächte teilzunehmen. Unser Sieg freilich - und eben hier widersprechen wir den linken und rechten Utopien, die soviel unsägliches Leid in diese Welt gebracht haben - liegt nicht in diesem Leben, sondern in der Ewigkeit bei Gott.

Der heilige Klemens Maria Hofbauer, dem wir das religiöse Erwachen Wiens am Beginn des 19. Jahrhunderts verdanken, sollte durch josephinisch-staatskirchliche Kreise des Landes verwiesen werden. Ein infames Gericht, bestehend aus aufgeklärten Liberalen, verkündete das Urteil. Danach blieb der einfach gekleidete Redemptoristenpater stehen und rührte sich nicht. „Ist noch etwas?“ fragte einer seiner Gegner. Klemens Maria Hofbauer antwortete: „Ja, es ist noch etwas: das Gericht!“

„Ja, es ist noch etwas!“ Der Blick auf das Eigentliche, zu dem uns Gott befreit, gibt uns Kraft: jedem persönlich und der Kirche insgesamt. Der heilige Don Bosco hat seinen Schülern das Sprüchlein mitgegeben: „Nur Mut, ein Stückchen Himmel macht alles wieder gut!“ Mut, das brauchen wir heute, um überhaupt Christen zu sein. Himmelslust, das brauchen wir, um gute Christen zu sein. Oder, um noch einmal mit dem Römerbrief zu sprechen: „Keine Angst, die Leiden der gegenwärtigen Zeit bedeuten nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“ (Röm 8,18)

Im Kindergarten hatte ich das Glück, gute geistliche Schwestern zu haben. Die haben uns nicht nur viele biblische Geschichten erzählt, sondern auch so manches Gebetchen und Sprüchlein beigebracht. Eines davon ist mir noch jetzt besonders wertvoll geworden. Es lautet: „In den Himmel will ich kommen, fest hab ich mir's vorgenommen. Mag es kosten, was es will, für den Himmel ist mir nichts zuviel.“

Bei der grassierenden Unwissenheit muß man vielleicht noch darauf hinweisen, daß wir unter „Himmel“ nicht irgendetwas hinter den Wolken meinen, sondern die Gemeinschaft mit dem ewigen unsichtbaren und heiligen Gott. Der Himmel ist für uns nicht eine zu belächelnde Phantasie, sondern der Zustand der herrlichsten und beglückendsten Wirklichkeit. Auf den Himmel darf ich mich wirklich freuen. Paulus beschreibt ihn als den Zustand, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

Der Autor ist Dekan der Theologischen Fakultät in Heiligenkreuz bei Wien.

Quelle: Vision 2000, Foto: © www.kath.net

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