23 November 2006, 13:36
'Im Grunde eine neue Religion'
 
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Computerwissenschaftler Lanier warnt vor Wikipedia: 'Die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz ist sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind.'

Hamburg (www.kath.net)
Im Interview mit dem Spiegel warnt der Digitalvisionär und Computerwissenschaftler Jaron Lanier vor der trügerischen Weisheit der Massen im Internet und kritisiert die Manipulationen von Onlinediensten wie Wikipedia: 'Derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine - gern Schwarmgeist genannte - höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig - nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten', so Lanier gegenüber dem Spiegel. Als Beispiel nennet er das kostenlose Online-Lexikon Wikipedia, dessen Einträge von über 200.000 freiwilligen Autoren verfasst werden. Auf dieser Plattform könne jeder sehr schnell Opfer des Mobs werden.

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'Die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen', kritisiert Lanier. Es sei im Grunde eine neue Religion. 'Diese Leute glauben an etwas Ewiges, Unsterbliches. Sie haben ihre Rituale, ihre drolligen Überzeugungen, ihre Heiligen. Solange dieses Menschenbild zu einer kleinen Subkultur gehört, mag sich das niedlich anhören. Aber es ist ernst. Computer haben mit jedem Jahr mehr Einfluss darauf, wie wir miteinander in Kontakt treten und wie wir unser Leben denken. Und mit den Computern werden auch die Ideen der Freaks immer mehr Teil des kulturellen Mainstreams', sagt Lanier.

Er plädiert für eine Technik, mit der man im Internet unmittelbar Geld einnehmen könne. Das wäre für viele Menschen der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veranstalten und zu veröffentlichen. Sofort gäbe es eine Fülle unterschiedlichster ernstzunehmender Stimmen - und dem Kollektivismus wäre die Grundlage entzogen. Lanier spricht nach Auffassung von Branchenexperten mit seiner Internet-Warnung einen sehr heiklen Punkt an - bei aller sozialen und wirtschaftlichen Euphorie, die gerade erst wieder in und um das Thema Internet oder Web 2.0 aufkommt. 'Es waren schon oft Minderheiten, die den Lauf der Welt verändert haben. Dies trifft zwar nicht auf den typischen Kleintierzüchterverband zu, aber die Anfänge des Dritten Reichs beruhten auf einer sehr aktiven und kommunikativ überlegenen Minderheit. Die Parallele, die man jetzt mit dem Internet erkennen mag, liegt natürlich nicht in der Dritten-Reich-Ideologie, sondern darin, dass das Internet es erstmals allen ‚Spinnern' dieser Welt ermöglicht, sich kommunikativ zu vereinigen. Dadurch gewinnt eine solche Minderheit die kritische kommunikative Masse und kann tatsächlich einen weit überdurchschnittlichen Einfluss in der Meinungsbildung gewinnen', meint Michael Sander von der Lindauer Unternehmensberatung Terra Consulting Partner (TCP)

Aufhalten könne man diesen Paradigmen-Wechsel im weltweiten Austausch von Informationen, Ideen und Geisteshaltungen nicht. 'Stattdessen bleibt unserer Gesellschaft nichts anderes übrig, als zu lernen, wie man mit diesem Phänomen umgeht. Lanier schlägt hierzu vor, Geschäftsmodelle zu etablieren, die für wertvollen Content einen Geldfluss sicherstellen. Er sagt nur leider nicht, wie er sich das vorstellt. Dies liegt wohl daran, dass er es selbst nicht weiß. Bei genauer Betrachtung ist eine Vorhersage, wie man dem digitalen Kollektivismus begegnen kann, auch nicht möglich. Hier sind wir einfach noch in einer Trial-and-many-errors-Phase. Zumdem haben diejenigen in Politik und Gesellschaft, die Lanier Schützenhilfe leisten können, die reale Gefahr noch gar nicht verstanden', betont Sander.

Letztlich könne eine wie auch immer geartete Antwort auf den digitalen Kollektivismus nur von der kommunikativen Kompetenz und Bildung breiter Schichten der Bevölkerung ausgehen. 'Die Analyse eines Wikipedia-Artikels ist nichts weiter als die kritische Inhaltsanalyse eines Textes, wie man das in einer siebten oder achten Klasse lernt. Nur wenn es unsere westliche Gesellschaft nicht schafft, diese digitale Kompetenz zu vermitteln, dann können die Parallelen zu historischen Fehlentwicklungen in der Vergangenheit doch eines Tages ernsten Charakter annehmen', warnt Sander.

Die ‚kollektive Wahrheit', unabhängig davon, ob sie wirklich besser sei, werde nach Ansicht von Klaus Blömeke von der Bonner Internetagentur Avaris-Godot durch Wikipedia nicht einmal abgebildet: 'Zwar arbeiten viele Autoren mit. Die Entscheidung, was von einem Artikel übrigbleibt, wird aber prinzipbedingt von jeweils einem Einzelnen aus dem Pool der vielen getroffen. Demnach ist Wikipedia lediglich ein Nebeneinander von vielen trügerischen Einzelwahrheiten zu unterschiedlichen Themen, zusammengefasst unter einer Domain', weiß Blömeke.

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