10 Mai 2005, 12:45
Niederlande: Erster Euthanasie-Fall bei Alzheimer als legal anerkannt
 
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Ein 65-jähriger Alzheimer-Patient wollte aktive Sterbehilfe und bekam sie. Sein Fall könnte Kreise ziehen, denn der Druck auf die Ärzte wächst angesichts einer alternden Gesellschaft.

Amsterdam (www.kath.net) Der erste in den Niederlanden dokumentierte Fall eines Alzheimer-Patienten, der durch aktive Sterbehilfe aus dem Leben schied, ist rechtmäßig. Dies entschieden die Euthanasie-Kontroll-Kommissionen des Landes, wie das “British Medical Journal” berichtet. Das niederländische Justizministerium hatte vor einiger Zeit einen Beschluss der Staatsanwaltschaften gebilligt, wonach Alzheimer und Demenz als Grund für aktive Sterbehilfe akzeptiert werden.

Der aktuelle Fall ist im Euthanasie-Jahresbericht 2004 dokumentiert, den die fünf zuständigen regionalen Kontroll-Kommissionen des Landes herausgeben. Seit Inkrafttreten des Euthanasiegesetzes im April 2002 müssen alle Ärzte Fälle von Euthanasie und Beihilfe zum Selbstmord an die Kontroll-Kommissionen melden, wo sie von Ärzten, Juristen und Ethikern überprüft werden.

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Insgesamt wurden für das Jahr 2004 1886 Euthanasie-Fälle dokumentiert. In vier Fällen seien die gesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten worden, urteilten die Kommissionen. Patiententötungen werden in den Niederlanden nicht strafrechtlich verfolgt, wenn der Arzt schriftlich versichert, er habe einen Katalog definierter „Sorgfaltskriterien“ eingehalten. Beispielsweise muss er angeben, dass der Zustand des Kranken „aussichtslos“ und sein Leiden „unerträglich“ sei; der Todeswunsch muss „freiwillig“ und nach reiflicher Überlegung geäußert worden sein.

Der Fall des Alzheimer-Patienten, an dem aktive Sterbehilfe geleistet wurde, sei gesetzesgemäß, lautete das Urteil in dem Bericht. Es handelte es sich um einen 65-jährigen Mann, der seit drei Jahren an Alzheimer erkrankt war. Sein Leiden sei „aussichtslos und unerträglich“ gewesen – eines jener Kriterien, die erfüllt werden müssen, damit aktive Sterbehilfe geleistet werden darf.

Genau in diesem Punkt herrschte bei den Medizinern Uneinigkeit, wie die Chronologie zeigt: Seit Kenntnis der Diagnose hatte der Mann mehrfach den Wunsch geäußert, seine Krankheit nicht bis zum Schluss erleiden zu müssen. Er hatte mehrfach um aktive Sterbehilfe gebeten. Die Ärzte kamen zu dem Urteil, der Mann leide unerträglich.

Ein zweites Gutachten eines Arztes wurde eingeholt, der auf Euthanasiefälle spezialisiert ist. Der wiederum erkannte kein „unerträgliches“ Leiden. Der Arzt argumentierte, dass sich der Mann seines Leidens mit zunehmender Erkrankung immer weniger bewusst sein würde und zweifelte an der Fähigkeit des Mannes, seine Wünsche auszudrücken. Beratungen mit Fachleuten, darunter einem Psychologen und einem Gerontologen, folgten. Sie kamen wiederum zum Schluss, der Mann leide „unerträglich“, weil er sich darüber bewusst sei, dass er im Verlauf der Krankheit die Kontrolle über sein Leben verliere.

Reina de Valk, Vorsitzende der Kontroll-Kommissionen, verteidigt die Entscheidung: “Wir können nicht von einem Dammbruch sprechen“, meint sie. Die Nachfrage um Beihilfe zum Selbstmord in den frühen Phasen von Demenz würden angesichts der zahlreichen komplexen Faktoren – etwa die Frage der Dauer – immer „die Ausnahme“ bleiben, erklärte sie dem „British Medical Journal“. „Wenn eine Anfrage gemacht wird, muss unerträgliches Leiden bereits existieren, und nicht nur die Angst vor zukünftigem Leiden“, bemerkte sie.

Besorgt zeigt sich Henk Jochemsen, Leiter des Lindeboom-Institutes für medizinische Ethik. Er vermutet eine Art „Grauzone“. Offenbar sei der Fall an die nötigen gesetzlichen Erfordernisse „angepasst“ worden, vermutet er. Dies sei besorgniserregend, vor allem aufgrund des wachsenden Druckes der Ärzte angesichts einer alternden Gesellschaft.

Das 2002 erlassene Gesetz werde die Euthanasiepraxis transparent machen, betonten Regierung und Parlamentsmehrheit aus Sozialdemokraten und Liberalen mehrfach. Im Jahr 2002 wurden 1882 Tötungen gemeldet, im Jahr 2003 1815. Aber selbst die Vorsitzende der Kontroll-Kommissionen, Reina de Valk, zweifelt an diesen Zahlen. Bei der Vorlage des Tätigkeitsberichts 2002 erklärte sie, die Euthanasie-Dunkelziffer liege vermutlich doppelt so hoch wie die gemeldeten Zahlen.







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