
Rom (www.kath.net / welt)
Es war im Jahr 1993 als Papst Johannes Paul II. mit Józef Tischner und
Krzysztof Michalski, zwei Philosophen aus einer polnischen Heimat, in
seinem Sommersitz Castel Gandolfo über dem Albaner See ein langes
Gespräch führte. Über Gott, die Welt und das Geheimnis des Bösen. Das
Böse sei immer das Fehlen von etwas Gutem, „ein Verlust, ein Mangel“,
erklärte der Papst seinen beiden Freunden damals.
Die Tonbandabschrift ihres Gesprächs hat der Papst letztes Jahr noch
einmal für eine Veröffentlichung überarbeitet - nachdem Jozef Tischner
im Jahr 2000 schon gestorben war – und nun wird es am Mittwoch in
Italien und Deutschland als Buch unter dem Titel „Erinnerung und
Identität“ erscheinen. Vor der Veröffentlichung schienen die
Sicherheitsvorkehrungen um das Buch schärfer als um Fort Knox. Es gab
ein striktes Embargo, das jeder unterschreiben musste, der Einblick in
das Manuskript oder die Druckfahnen bekam.
In Warschau bekam das Embargo letzte Woche aber dennoch ein Leck. Als
Skandal vorab meldete die Nachrichtenagentur AP deshalb aus Polen:
„Papst vergleicht Holocaust mit Abtreibung“. Und wer das Buch heute in
aller Ruhe liest, muss sagen: Ja, das tut er. In keiner Weise
vergleicht der Papst zwar die Methoden oder Absichten der Massenmörder
von Auschwitz mit jenen Müttern, die sich zu einer Abtreibung
entschließen. Was aber die Toten selbst betrifft, so lässt er keinen
Zweifel daran, dass er die sechs Millionen Tote des deutschen
Menschheitsverbrechens nicht prinzipiell von dem Millionenheer der
toten Kinder im Mutterleib unterscheidet.
„Wenn der Mensch allein,
ohne Gott, entscheiden kann, was gut und was böse ist“, führt er im
ersten Teil seiner nun inkriminierten Passage aus, „dann kann er auch
verfügen, dass eine Gruppe von Menschen zu vernichten ist.
Entscheidungen dieser Art wurden im Dritten Reich gefällt von
Menschen, die – nachdem sie auf demokratischen Wegen zur Macht
gekommen waren – sich dieser Macht bedienten, um die perversen
Programme der nationalsozialistischen Ideologie zu verwirklichen, die
sich an rassistischen Vorurteilen orientierten.“ Dabei bleibt er
jedoch nicht stehen.
„An diesem Punkt kann man es nicht unterlassen“,
fährt er wenige Zeilen später fort, „ein Problem anzusprechen, das
heute außerordentlich aktuell und schmerzlich ist. Nach dem Sturz der
nationalsozialistischen und kommunistischen Regime, die auf den
Ideologien des Bösen aufgebaut waren, haben in ihren Ländern die eben
erwähnten Formen der Vernichtung de facto aufgehört. Was jedoch
fortdauert, ist die legale Vernichtung gezeugter, aber noch
ungeborener menschlicher Wesen. Und diesmal handelt es sich um eine
Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten
beschlossen ist, in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der
Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft.“ Den Ausdruck
"Vernichtung" benutzt der Papst also tatsächlich für beide Vorgänge.
Nach diesen Worten handelt es sich hier nicht einmal um einen
Vergleich, sondern um ein begriffliches In-Eins-setzen eines
wesentlich identischen Vorgangs.
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Damit greift der greise Johannes Paul II. noch einmal selbst in den
neuen Europäischen Kulturkampf ein. Die ersten Reaktionen lassen daran
keinen Zweifel. „Wenn der Papst Abtreibung und den Holocaust in einen
Zusammenhang bringt, fehlt es ihm an moralischer und ethischer
Orientierung“, gab Volker Beck, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen,
vor der „Netzeitung“ schon zu Protokoll. Die Gleichsetzung des
Holocaust mit der „Abtreibungsproblematik“ sei „genauso unerträglich
wie das Unwort Bombenholocaust“. Den Papst fordert er kategorisch auf
„das Buch zurück zu ziehen“.
Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland,
bescheinigte dem Papst in der gleichen Ausgabe, dass die „Spitze der
Katholischen Kirche nicht begriffen“ habe oder nicht begreifen wolle,
dass man den Holocaust nicht mit der Abtreibung vergleichen könne. Es
gebe einen gewaltigen Unterschied „zwischen einem fabrikmäßigen
Völkermord und dem, was Frauen mit ihrem Körper tun.“
Dass der Papst
aber sehr wohl weiß, was er sagt und sehr wohl meint, was er schreibt,
macht er noch deutlicher in den folgenden Sätzen dieses Zusammenhangs.
Denn nach dem Begriff der „Sünde“, den Rocco Buttoglione im letzten
Herbst wieder zu einer politischen Kategorie werden ließ, fügt er dem
Diskurs Europas nun auch noch die Dimension des „Bösen“ hinzu – jedoch
für die Gegenwart und nicht nur für die Geschichte, und ausgerechnet
am Reizthema der so genannten „Homo-Ehe“.
Die Passage macht zudem
deutlich, dass er sie den Gesprächen von 1993 mit eigener Hand in den
letzten Monaten noch eigens hinzugefügt haben muss, eindeutig nach der
Buttoglione-Affäre, wenn er schreibt: „Auch an anderen schweren Formen
der Verletzung des Gesetzes Gottes fehlt es nicht. Ich denke zum
Beispiel an den starken Druck des Europäischen Parlaments,
homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der
Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht. Es ist zulässig und
sogar geboten, sich zu fragen, ob nicht hier – vielleicht
heimtückischer und verhohlener – wieder eine neue Ideologie des Bösen
am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie
sogar die Menschenrechte auszunutzen. Warum geschieht all das? Welches
ist die Wurzel dieser nachaufklärerischen Ideologien? Die Antwort ist
- alles in allem – ganz einfach: Das geschieht, weil Gott als Schöpfer
und damit als Ursprung der Bestimmung von Gut und Böse verworfen
worden ist. Man hat den Begriff dessen verworfen, was uns im Tiefsten
zu Menschen macht.“
Von der Sache her geht er dabei kaum über das hinaus, was Kardinal
Ratzinger im letzten November gesagt hat, als er ausführte, „dass die
Pille den Weg zu einer wahrhaft anthropologischen Revolution größten
Ausmaßes eröffnet hat, (weil sie) die Sicht auf die Sexualität als
Ganzes verändert hat. Die Pille hat die Sexualität von der
Fruchtbarkeit abgekoppelt, und auf diese Weise die Auffassung des
menschlichen Lebens überhaupt von Grund auf verändert. Der
Geschlechtsakt hat seinen ursprünglichen Zweck und sein Ziel verloren,
die vorher immer offenkundig und eindeutig waren. In der Folge sind
seitdem alle Weisen der Geschlechtlichkeit gleichwertig geworden.
Dieser Revolution vor allem folgte die Angleichung der Homosexualität
an die Heterosexualität.“
Es ist eine fundamentale Frage des Europäischen Menschenbildes, um die
hier gerungen wird. Der Grünen-Politiker Beck freilich, der das sehr
komplexe Buch des Papst jetzt in einem Satz ohne Zusammenhang
begreifen will, sieht auch das ganz anders: „Die Politik zur
Beseitigung der Diskriminierung von Homosexuellen als Ergebnis einer
‚neuen Ideologie des Bösen’ zu bezeichnen, ist Volksverhetzung.“
Am kommenden Mittwoch werden die Leser selbst darüber urteilen und
entscheiden dürfen. Mit dem letzten Buch Johannes Paul II. wird in
jedem Fall wieder ein neues Kapitel der Geschichte des Neuen gegen das
Alte Europa aufgeschlagen werden: in dem Konflikt der laizistischen
Union gegen das Abendland, das viele schon verdämmern sahen. Der alte
kranke Papst hat seine Stimme wieder gewonnen und erhoben, wie er am
Sonntag beim Gebet des Angelus am Fenster seines Palastes zeigte, als
er die Katholiken aller Welt mit einem Jesus-Wort des Evangelisten
Matthäus an seinen „petrinischen Dienst“ erinnerte: „Du bist Petrus
und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen.“
Buchtipp
Johannes Paul II.
Erinnerung und Identität - Gespräche an der Schwelle zwischen den
Jahrtausenden
Preis: 14,95 Euro oder 24,90 SFR
224 Seiten,14 x 22 Zentimeter
Lesebändchen, Leineneinband mit Schutzumschlag
Das Buch kann ab sofort direkt bei KATH.NET in Zusammenarbeit mit der
Buchhandlung
CHRIST-MEDIA (Auslieferung Österreich und Deutschland) und der Buchhandlung
Immanuel (Auslieferung Schweiz) bestellt werden. Es werden die anteiligen
Portokosten dazugerechnet. Die Bestellungen werden in den jeweiligen
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