
Rom (www.kath.net / welt ) Wie sah Jesus aus? Etwa wie Jim Caviezel im „Passion“-Film? Oder wie
auf den Porträts von Dürer oder El Greco, die in den Gemächern des
Papstes hängen? Sie alle haben Jesus doch nie gesehen. Wie also sah er
aus? - Auf diese Frage gibt es eine sehr, sehr alte Antwort: auf einem
Tuch mit dem „wahren Bild“ Christi, das selbst der Papst noch nie
gesehen hat.
Darüber kann im Vatikan nur schwer gesprochen werden. Denn dieses
Tuchbild ist anderer Art. Bis zum Jahr 1600 wurde es in der alten
Petersbasilika Kaiser Konstantins verwahrt. Millionen haben es
gesehen. Seitdem aber hat diese „Vera Ikona“ kaum noch jemand zu
Gesicht bekommen. Im neuen Petersdom wurde das Gottesbild hinter drei
Riegeln verschlossen.
Im Laufe der Zeit „sehr verblasst“
Es sei „im Laufe der Zeit sehr verblasst“, hat
Kardinal Marchisano, der Erzpriester der Basilika, die WELT wissen
lassen. Es ist jedoch nicht nur verblasst, es ist wohl auch eine
Attrappe - von der es kein einziges taugliches Foto gibt. Verehrer der
Christusikone wurden deshalb zuletzt meist auf ein anderes Bild in der
Sakristei des Papstes nebenan verwiesen, von dem es heißt, es sei das
älteste der Welt.
So sieht dieses Bild auch aus. Es ist im Lauf der Zeit fast schwarz
geworden - wie viele alte Gemälde, die mit Tempera auf Leinwand gemalt
wurden. Das „wahre Bild“ Christi hat aber keine Farben. Bevor es nach
Rom kam, war es in Konstantinopel, davor im Orient, wo ein syrischer
Text aus Kamulia in Kappadokien im 6. Jahrhundert davon sprach, es sei
„aus dem Wasser gezogen“ und „nicht von Menschenhand gemalt“. Doch als
es nach Rom kam, zog es die Menschen an wie ein Magnet.
Miniaturen des Christusbildes für Rom-Pilger
Mit einer Palme schmückten sich in der ersten Hälfte des letzten
Jahrtausends die Heimkehrer aus Jerusalem. Das Zeichen der
Santiagopilger ist bis heute die Muschel. Rom-Pilger aber hefteten
sich Miniaturen des Christusbildes an ihre Pelerine, der „Sancta
Veronica Ierosolymitana“: der heiligen Veronika aus Jerusalem. Der
Grundstein des neuen Petersdoms sollte nach Papst Julius II. deshalb
auch Fundament eines mächtigen Tresors für diesen unvergleichlichen
Schatz werden.
Während der Bauzeit des damals noch so umstrittenen Prachtbaus
verschwand das Bild dann aber auf mysteriöse Weise aus der Stadt. Nur
ein venezianischer Rahmen mit zerbrochenem altem Glas ist davon übrig
und in der Schatzkammer von Sankt Peter noch heute zu sehen.
Verschwunden ist das Bild jedoch nicht. Seit 400 Jahren hängt die
wertvollste Reliquie der Christenheit, vor der einst der Kaiser von
Byzanz einmal im Jahr knien durfte, zwischen zwei Kristallscheiben in
einem über viele, viele Stunden völlig leeren Kirchlein der Kapuziner
in Manoppello, einem Bergstädtchen in den Abruzzen. Es ist das
verschollene Leitbild Europas. Heute endlich muss es als wieder
entdeckt gelten; es verblasst gegen Licht, es dunkelt im Schatten,
doch es vergeht und verfällt nicht.
Wie ein Häftling aus Abu Ghraib
Es zeigt das bärtige Gesicht eines Mannes mit Schläfenlocken, dem die
Nase angeschlagen wurde wie einer Geisel aus einem der vielen
Folterkeller heutiger „Gotteskrieger“ - oder eines Häftlings aus Abu
Ghraib. Die rechte Wange ist geschwollen, der Bart teilweise
ausgerissen. Stirn und Lippen haben beim nahen Hinsehen das Rosa
frisch verheilter Wunden. Unerklärliche Ruhe liegt im Blick aus weit
geöffneten Augen. Verblüffung, Erstaunen, Verwunderung liegt in seinen
Zügen. Mildes Erbarmen. Keine Verzweiflung, kein Schmerz, kein Zorn.
Ein Mann, der in einen neuen Morgen schaut
Er gleicht dem Gesicht eines Mannes, der gerade vom Schlaf erwacht und
in einen neuen Morgen schaut. Sein Mund ist halb geöffnet. Sogar die
Zähne sind zu sehen. Müsste der Laut bestimmt werden, der auf den
Lippen liegt, dann formen sie gerade ein leises A. Alle Proportionen
zeigen eins zu eins die Maße eines menschlichen Gesichts auf dem 17
mal 24 Zentimeter großen Tuch. Der hauchdünne Schleier ist
durchsichtig wie ein Seidenstrumpf. Mehr als einem gemalten Bild
gleicht es aus der Nähe einem großen Diapositiv. Im Gegenlicht ist es
transparent. Im Schatten, ohne Licht, wirkt es fast schiefergrau.
Gold- und honigfarben, wie das Gesicht Christi
Ein
kleiner abgebrochener Kristallsplitter klebt rechts unten im Rahmen an
dem Bild. Im Licht von Glühbirnen ist das zarte Tuch gold- und
honigfarben, gerade so, wie Gertrud von Helfta im 13. Jahrhundert das
Gesicht Christi beschrieben hat. Denn nur im Licht und Kontrast zeigt
das feine Tuch das Antlitz in dreidimensionalen, fast holografischen
Lichteffekten - und zwar von beiden Seiten, nur seitenverkehrt. Es
scheint so fein gewebt, dass es zusammengefaltet in eine Walnussschale
zu passen scheint.
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Professor Vittori von der Universität in Bari und
Professor Fanti von der Universität in Bologna haben auf
mikroskopischen Aufnahmen entdeckt, dass das gesamte Gewebe keinerlei
Farbspuren aufweist. Nur im Schwarzen der beiden Pupillen wirken die
Fasern angesengt, als hätte Hitze die Fäden hier leicht verschmort.
Eine ganz und gar frische Erkenntnis ist das alles nicht. Denn die
Bauern und Fischer der Adria von Ancona bis Tarent haben diesen
Schleier seit Jahrhunderten schon immer als „Volto Santo“ verehrt, als
„Heiliges Gesicht“.
Von (B)engeln in die Hände gespielt …
„Engel“ hätten ihnen das Bild in die Hände
gespielt, glauben die Manoppellesi seit 400 Jahren (und berufen sich
dabei auf einen alten Bericht). Das mag sein. Wahrscheinlich ist aber,
dass auch einige Bengel sich unter jene Engel geschlichen haben, als
sie die Reliquie im dreistesten Bubenstück des an abenteuerlichen
Schurkereien nicht eben armen Zeitalters der Renaissance ganz einfach
geklaut haben. Der zerbrochene Kristall im alten Rahmen der Veronika
in Sankt Peter scheint jetzt noch eine kleine Strophe dieser Moritat
zu singen. Die Geschichte hat etwas von einer Posse, einem Krimi,
einem Detektivstück, einem Drama - und von einem fünften Evangelium
für unsere bilderverrückte Zeit.
Doch als Professor Pfeiffer von Roms
Gregoriana-Universität vor Jahren der Sache im Licht der
Kunstgeschichte und früher Quellen der Christenheit erstmals
wissenschaftlich nachging und nachwies, dass das Bild aus Manoppello
Referenzpunkt der ältesten Christusbilder zuerst im Osten und dann im
Westen wurde, erschien dies in der Weltpresse unter „Vermischtes“ -
und seine Kollegen und viele Prälaten und Kardinäle im Vatikan
schüttelten die Köpfe über so viel überbordende Professorenfantasie.
Deckungsgleich mit Turiner Grabtuch
Schwester Blandina Paschalis Schlömer, eine deutsche Trappistin,
Pharmazeutin und Ikonenmalerin, hatte den Professor darauf gebracht -
nachdem sie schon Jahre zuvor entdeckt und akribisch nachgemessen
hatte, dass das Gesicht auf dem Tuch von Manoppello millimetergenau
deckungsgleich mit allen Details auf dem schattenhaften Gesicht des
Mannes auf dem Grabtuch von Turin ist, mit den realen Maßen und
Proportionen ebenso wie mit allen Verletzungen, von denen der
Gekreuzigte in jenem Tuch gezeichnet ist - nur ohne die dort noch
sichtbaren offenen Wunden.
Dies alles hat die Kritiker der
Authentizität des Tuches von Manoppello nie angefochten, im Gegenteil.
Ihr Haupteinwand ist einfach und überzeugend: Das alles sei gemalt. Es
lohne kaum, es auch nur von nahem anzusehen. Es sei zu fein, um nicht
gemalt zu sein. Die Augen, die (erst in der Vergrößerung sichtbaren)
Wimpern, die Tränensäcke, die Barthaare, die Zähne (!), all das sei
schlichtweg zu delikat gezeichnet, um nicht die Hand eines Künstlers
und Meisters zu verraten. Kurz, dieses Objekt sei nicht etwa ein
Vorbild, sondern selbst eine Kopie anderer Kopien eines unbekannten
Originals - oder eben des Originals auf dem Turiner Grabtuch.
Eine
bisher selten gestellte, doch entscheidende Frage betrifft allerdings
das Gewebe selbst. Der Konsistenz nach könnte es gefärbtes Nylon sein,
wäre der Gedanke bei einem seit 400 Jahren ausgestellten Tuch nicht
absurd. Baumwolle, Wolle, Leinen sind viel zu dick, um diese
immaterielle Transparenz zuzulassen und den Perlmuttglanz. Selbst
Seide lässt dies nicht zu. Die Kapuziner von Manoppello indessen
lassen es nicht weiter wissenschaftlich und chemisch untersuchen oder
auch nur aus dem Glas der Monstranz herausnehmen, in dem es über ihrem
Hauptaltar ausgestellt ist.
„Die Wissenschaft kommt uns entgegen“ …
„Nicht nötig!“, sagte mir vor Wochen Pater
Germano, der letzte Guardian des Konvents. „Die Wissenschaft kommt uns
entgegen. Sie entwickelt sich so schnell, dass wir nur abzuwarten
brauchen.“ Das stimmt wohl. Viele Fotos, die ich in den letzten
Monaten mit meiner Digitalkamera von dem Bild machen konnte, habe ich
so zuvor noch nirgendwo von dem Gewebe gesehen. Von zwei Tüchern
spricht das Johannes-Evangelium im Bericht vom leeren Grab Christi in
Jerusalem. Petrus und „der andere Jünger“ liefen nach dieser Quelle in
der Frühe zum Grab. Der „andere Jünger“ war schneller am Ort.
„Er
beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht
hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das
Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das
auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den
Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen
Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab
gekommen war, hinein; er sah und glaubte.“ Für dieses so genannte
Schweißtuch aus dem leeren Grab haben die Bewohner Manoppellos das
Bild immer gehalten, obwohl es nicht die geringsten Schweißspuren
zeigt. Es ist ja auch viel zu dünn, um nur einen Tropfen Blut oder
Schweiß aufzufangen.
Von Beslan nach Pescara
Rom, 1. September 2004, Flughafen Fiumincino. Eine frische Brise vom nahen Mittelmeer kühlt den Spätsommermorgen. 07.35 zeigt die Uhr der Halle A, als die Alitalia-Maschine AZ 1570 aus
Cagliari draußen auf der Rollbahn aufsetzt. Minuten zuvor haben
Terroristen im fernen Beslan eine Schule gestürmt, zum grauenhaftesten
Verbrechen seit dem 11. September 2001. Apokalyptische Gräuel sind das
tägliche Brot vieler Reporter der Erde geworden. Ich aber habe an
diesem Morgen keine Nachrichten gehört. Auch später auf der Autostrada
nach Pescara werde ich das Radio nicht einschalten. Reporter haben es
leicht, geht es mir in der Ankunftshalle durch den Kopf. Sie müssen
nichts beweisen. Sie sind keine Richter, Anwälte oder Lehrer. Reporter
dürfen nur berichten von Dingen, die sie tagelang, bei jedem Licht,
umkreist und beobachtet haben.
Als Chiaro Vigo die Sperre
durchschreitet, erkenne ich sie gleich, obwohl ich sie noch nie
gesehen habe. Pier Paolo Pasolini hätte jeden Film mit ihr in einer
Hauptrolle besetzen können. Ihre Fingernägel sind Spindeln. Sie kommt
von der kleinen Insel Sant’Antioco vor der sardischen Küste, wo sie
die letzte lebende Byssus-Weberin der Erde ist, in ungebrochener
Tradition seit vielen Generationen. „In unserem Volk ist Byssus ein
heiliges Gewebe“, sagt sie im Auto. Was soll das heißen, „in unserem
Volk“? Zählt die Insel nicht einfach zu Sardinien? Nein, lacht sie
rau. Sie spreche Sardisch und Italienisch und kenne viele aramäische
Lieder.
Das Gold der Meere
Die Bevölkerung leite sich von Chaldäern und Phöniziern ab und
führe die Kunst der Byssus-Gewinnung auf die Prinzessin Berenike
zurück, eine Tochter des Herodes, die zur Geliebten von Kaiser Titus
wurde. Dann hält sie ein Büschel von unversponnenem rohem Byssus ins
Morgenlicht, feiner als Engelshaar. Das Gold der Meere! In ihrer Hand
leuchtet es bronzen in der Sonne. Das Gewebebüschel ist aus den
Haftfäden „edler Steckmuscheln“ gewonnen, nach denen sie im Mai bei
Vollmondlicht fünf Meter tief taucht, um sie danach zu kämmen, zu
spinnen und zu Preziosen zu verweben.
Das kostbarste Gewebe der Antike
Byssus ist das kostbarste Gewebe
der Antike. Es taucht in Pharaonengräbern auf und in der Bibel, wo es
erstmals für die Teppiche des Allerheiligsten und den „Ephod“, das
hohepriesterliche Gewand des Obersten Priesters, obligatorisch
vorgeschrieben wird. Im Zitronenbad wird es golden. Früher, in einem
Urinbad von Kühen, wurde es eher blasser, heller. Wir fliegen über die
Autobahn nach Manoppello. Schwester Blandina erwartet uns auf dem
Hügel des Heiligtums. Als wir auf dem Mittelgang die Orgelattrappe an
der Rückwand der Kirche hinter uns lassen, leuchtet das „Volto Santo“
im Gegenlicht wie eine milchige, rechteckige Hostie über dem
Tabernakel. Ein Fensterkreuz aus dem Chor schimmert durch das Gewebe.
Die Augen eines Lammes und eines Löwen
Chiara Vigo fällt auf die Knie, nachdem wir hinter dem Altar die
Stufen zu dem Bild hochgestiegen sind. Einen Schleier, so fein gewebt,
hat sie noch nie gesehen. „Er hat die Augen eines Lammes“, sagt sie
und bekreuzigt sich. „Und eines Löwen.“ Und dann: „Das ist Byssus!“
Chiara Vigo sagt es ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Byssus lasse sich mit
Purpur färben, hat sie schon im Auto erzählt. „Doch Byssus lässt sich
nicht bemalen. Es ist unmöglich. O Dio! O Dio mio!“ Das ist Byssus -
das heißt: Es ist kein gemaltes Bild. Es ist etwas anderes. Etwas vor
allen Bildern.
Text und Foto (c) by Paul Badde / Die Welt.
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