
KATH.NET-Kommentar von Alterzbischof Georg Eder zum Film "The Passion of the Christ": Meine Absicht ist es nicht, die Zahl der Rezensionen über den Film von Mel Gibson zu erhöhen. Es ist aber
offensichtlich, dass die meisten Kritiker an der Substanz des Filmes und seiner missionarischen
Intention völlig ahnungslos vorbeigehen. Der eine kratzt an diesem Detail des Films, der nächste an
irgendeiner anderen Stelle. Auch ich könnte nach dem zweiten Besuch des Filmes noch manche "Kratzer"
anbringen. Aber darum geht es nicht.
Es sind ein paar Vorbemerkungen notwendig:
Auch mich berührt die Johannespassion von J.S. Bach
oder das Passionsspiel einer Dorfgemeinde viel mehr
als "The Passion of the Christ" . Aber Christus selbst
will mit seiner Botschaft der Liebe nicht etwa nur
Rührung oder Gefühl wecken, sondern erschüttern.
Erschüttern zur Umkehr. Der Film setzt die äußersten
Mittel ein, um die Leidenskraft der Liebe Gottes zum
verlorenen Menschen zu demonstrieren. Vor unseren
Augen wird das Lamm geschlachtet, das die Sünden der
Welt hinwegnimmt.
Auch mich stoßen die ausgewalzten Blutorgien, die wohl
nicht der historischen Wahrheit gerecht werden, eher
ab. Noch mehr Blut, noch mehr Schläge, noch mehr
Quälereien...Wann genügt Gott das Sühneleiden seines
Sohnes? Das aber wäre wieder falsch gefragt. Der
Blutrausch der Menge, die Gräueltaten in den KZs und
Gulags - gibt es noch etwas Schrecklicheres? Ja. Die
Hölle. Die ewige Hölle. In diese stürzt sich der
Mensch, der Gottes Barmherzigkeit bis in die
Todesstunde hinein ablehnt, selbst hinein. Wie
furchtbar klingt der Schrei des linken Schächers:
"Hah!"
Um der Gerechtigkeit, nicht um des Lobes willen, muss
man anerkennen, dass die Leistungen der Schauspieler
jedes denkbare Beispiel weit hinter sich lassen. Denn
sie "spielen" nicht, sondern sie erleben und erleiden
freiwillig das, was vor 2000 Jahren "echt" geschehen
ist. (Man wird kaum das ebenso schöne wie traurige
Gesicht der Jüdin Maria vergessen können. Das ist und
darf auch berührend sein, denn sie ist die Mutter.)
Nun zum Substanziellen des Films.
"The Passion of the Christ" stellt eine beispiellose
Herausforderung für Christen, Juden und "Heiden" dar.
Da schreit ein glühender Bekenner Christi ( was er
vorher war, ist irrelevant) so laut er kann über die
ganze Welt hin: "ER ist es! Ich glaube! ER ist es. Das
Lamm, das allein die Sünden der Welt tragen kann. Er
wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen
unserer Sünden zermalmt...Der Herr lud auf ihn die
Schuld von uns allen (!!!)...doch durch seine Wunden
sind wir geheilt" (Jes 53,5.6)."
Und nun die unglaubliche Reaktion der Christen in
unserem Land: Nein. So nicht. Den Film schau ich mir
gar nicht an. So viel Blut, so viel Brutalität, so
viel Blutrausch. Nun ist "The Passion of the Christ" freilich ein
Passionsspiel im Hollywood-Gewand. Wer aber das
Antlitz Christi während dieser letzten zwölf Stunden
betrachtet, wer dem Herrn in die blutunterlaufenen
Augen schaut, dem fallen wieder Worte des 4. Liedes
vom Gottesknecht ( Jes 52,14) ein: "Viele haben sich
über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, seine
Gestalt war nicht mehr die eines Menschen" (nein, nur
mehr ein Fleischklumpen). Doch im 22. Psalm, aus dem
der Herr in seiner Agonie betet: "Mein Gott, mein
Gott, warum hast du mich verlassen?", heißt es auch: "
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch mehr."
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Nach 2000 Jahren Christentum kommt ein Mann auf uns
zu, zeigt uns ein Bild des gemarterten Herrn und ruft
uns zu: " So war es. So sah er aus." Und wir sind
restlos überfordert. Ist die Kirche (mitsamt ihren
Hirten) so müde geworden, dass sie nicht mehr den Mut
hat, noch einmal auf den Kalvarienberg zu steigen?
Aber wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, wird
erkennen, dass sie es doch tun muss, und zwar sehr
bald. Man kann die Frage auch andersherum stellen:
haben wir uns nach dem Zweiten Vatikanum eine gute
Stube geschaffen, in der ein "Christentum light"
gelebt werden kann? Ohne die überspitzten
Herausforderungen Jesu, ohne Gericht, ohne Strafe,
ohne Hölle, mit einem gepolsterten Kreuz? Aber wie ist
es, wenn das doch wahr ist, was dieser Film zeigt, die
letzten zwölf Stunden des Lebens Christi? Wenn das
wahr ist, wenn das real ist in der Eucharistie, dem
Sühneopfer Christi, was dann? Wegschauen ist dann
nicht mehr möglich.
The Passion of the Christ: eine nochmalige,
ergreifende Einladung des gekreuzigten an sein Volk.
Der Vorwurf des Antisemitismus ist längst abgetan.
Jesus ist ein Jude, seine Mutter ist eine Jüdin ( wie
auch die Darstellerin der Maria ). Und alle seine
Jünger sind Juden. "Das heil kommt von den Juden!"
sagt Jesus der Samariterin (Joh 4,22). Und wer trägt
dann die schuld am Tode Christi?" Die Juden, die
Hohenpriester, Pontius Pilatus...? Eine müßige Frage.
Keiner von uns ist ohne Schuld, sei er Christ, Jude
oder "Heide".
"Christus ist für unsere Sünden gestorben" heißt es im
ältesten Glaubenszeugnis für die Auferstehung (1 Kor
15,39. Und der das sagt, ist auch ein Jude. Gerade
dieser Film von Mel Gibson zeigt in unüberbietbarer
Schärfe das "Pro Nobis - Für uns". Jesus ist
freiwillig in den Tod gegangen, um uns zu erlösen.
Wenn es aber eine Reihenfolge gibt, dann ist es klar:
Er starb zuerst für sein Volk, für das auserwählte
Volk Gottes, das noch immer der "erstgeborene Sohn"
ist. 1942 nahm die hoch angesehene jüdische
Philosophin Edith Stein (inzwischen von der
katholischen Kirche als Heilige verehrt) ihre
Schwester Rosa an der Hand und sagte zu ihr: "Komm,
gehen wir für unser Volk!" - in das KZ Auschwitz.
Eine breite Blutspur zieht sich durch den Hof des
Prätoriums, nachdem man den Körper des Gegeißelten wie
einen Tierkadaver abgeschleppt hatte. Eine solche
Blutspur der Verfolgung ist auch in den letzten 2000
Jahren der Geschichte des jüdischen Volkes zu
erkennen. Und wer von uns wagt zu sagen: Ich
jedenfalls bin schuldlos? Als ehemaliger Erzbischof
von Salzburg kenne ich die grausame Geschichte der
Judenvertreibungen aus der Stadt. Da kann man unsere
"älteren Brüder im Glauben" nur bitten: Vergebt uns!
Domine, miserere nobis.
Nun habe ich kein Amt mehr. Und so wage ich, die Bitte
an das ganze jüdische Volk zu richten: Nehmt euren
Messias an! Er ist Fleisch von eurem Fleisch und Blut
von eurem Blut. Für euch zuerst hat er sein Leben
hingegeben, "um Frieden zu stiften am Kreuz durch sein
Blut" 8vgl.Kol 1,20). "Er selbst ist unser Friede" (Mi
5,4 - wie Eph 2,14). Palästina/Israel muss zum Land
des Friedens werden für die Völker der Erde.
Die "Passion Christ" zeigt auch mit aller Klarheit den
(einzigen) Weg auf, wie die Welt, die Menschheit,
überhaupt gerettet werden kann: durch die Sühne, durch
das stellvertretende Leiden.
Im Allerheiligsten des Tempels, hinter dem Vorhang,
befand sich die Bundeslade. Deren vergoldeter Deckel
war das "propitiatorium", die Sühnestätte. Einmal im
Jahr, am Versöhnungstag, besprengte der Hohepriester
mit dem Blut eines Bockes/Lammes die Vorderseite des
Lade und die Deckplatte. Was sollte das? Ein Versuch,
das immer wieder schuldig gewordene Volk mit dem
Bundesgott zu versöhnen. Aber : Je mehr Blut bei den
unzähligen Opfern am Altar hingeschüttet wurde, umso
mehr wuchs die Gewissheit, dass die Sache mit dem
Tierblut, mit dem fremden Blut nicht funktionierte. Es
müsste das eigene Blut sein...
Dann kam das wahre Lamm, das sich freiwillig
schlachten ließ, um die Sünden der Welt hinwegzunehmen
(vgl. 1. Präfation von Ostern). Und was hat sich nun
geändert, seit Jesus am Kreuz (= die wahre
Sühnestätte) verblutete? Jesus hat der Gewalt keinen
Widerstand entgegengesetzt und damit die Gewalt
gebrochen. Er hat den Tod freiwillig auf sich
genommen und damit der allherrschenden Angst vor dem
Tod die Macht genommen (vgl. Hebr 2,15). Und er hat
freiwillig gelitten und dadurch dem Menschen gezeigt,
wie man das eigene Leid überwinden kann: indem man das
Leid als Teilnahme am erlösenden Leiden Christi
annimmt.
Mahatma Gandhi war von der Wahrheit des
stellvertretenden Leidens überzeugt. Er sagte kurze
Zeit vor seinem gewaltsamen Tod: "Es kann sein, dass
noch viel Blut fließen muss, bis es wirklich Friede
wird; dann aber soll es unser eigenes Blut sein, das
vergossen wird, nicht das Blut der anderen, das wir
vergießen." Das Blut, das heute und morgen in
Palästina, im Irak...vergossen wird, schreit - wie das
Blut Abels - um Rache. Der Hass antwortet wieder mit
Blutvergießen. Und es ist umso wirksamer, je
unschuldiger das Blut ist, das fließt. Wo endet dann
diese Spirale, der jeweils größeren Vergeltung? Die
einzige Lösung zeigt Christus auf, der sein Leben,
seinen Leib und sein Blut schon vorher hingibt, bevor
man es ihm gewalttätig - grausam entreißt. "Niemand
entreißt mir das Leben, sondern ich gebe es freiwillig
hin" (Joh 10,18).
Hervorragend wird diese Wahrheit im Passionsfilm
dargestellt durch die Parallelschaltung von Abendmahl
und Kreuzestod.
The Passion of the Christ, voller Leiden, voller
Tränen, versinkt aber nicht in unfruchtbarer
Leidensmystik, sondern sie zeigt deutlich den Weg -
den einzigen - an, auf dem das Leben der Welt gerettet
werden kann: Die Bergpredigt! "Selig die Armen...die
keine Gewalt anwenden...die Barmherzigen...die
Verfolgung leiden...". "ich aber sage euch: liebet
eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
damit ihr Söhne eures himmlischen Vaters werdet" (Mt
5,44f ). Und damit kein Zweifel bleibt, wie wir das
konkret machen könnten, sagt der Herr am Abend seines
Lebens (Joh 15,12) : "Liebet einander, wie ich euch
geliebt habe!"
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