
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus, den Herrn!
I.
Millionen von Menschen in aller Welt demonstrieren für den Frieden und
meinen das Schweigen der Waffen. Die Erfahrung zeigt aber, dass Frieden für
die Menschen von den Menschen allein nie ein für allemal hergestellt und
gesichert werden konnte. Der ewige Friede ist ein Ideal, das unsere Kräfte
und guten Absichten unendlich übersteigt. Frieden ohne Versöhnung der
Menschen mit Gott ist unmöglich. Erst die Versöhnung mit Gott ermöglicht
eine Aussöhnung der Menschen und Völker untereinander.
Wir Christen glauben an Jesus Christus, den endgültigen Friedensstifter in
Namen Gottes. Durch Jesus Christus ist die alte Welt der Feindschaft, der
Bosheit, des Hasses, der Selbstsucht und der Rücksichtslosigkeit endgültig
vergangen. Die Herrschaft Gottes bricht an: "Das Alte ist vergangen, Neues
ist geworden. Aber all das kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich
versöhnt hat." (2 Kor 5,17b-18) Gott hat in Christus die Kirche gestiftet,
damit sie als das wirksame Zeichen für die innigste Vereinigung der Menschen
mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit dienen kann (vgl. II.
Vatikanum, Lumen gentium 1). Und er hat seiner Kirche auch die Mittel
gegeben, durch die sie den Dienst des Friedens und der Versöhnung ausüben
kann.
II.
Zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit erinnere ich Sie deshalb an das
wunderbare Sakrament der Buße, das Jesus der Kirche und damit allen
Gläubigen geschenkt hat; es ist das vierte in der Reihe der sieben
Sakramente des Neuen Bundes. Durch das Bußsakrament wird den Getauften, die
gesündigt haben, die Gnade der Wiederversöhnung mit Gott und der ganzen
Kirche geschenkt.
Dieses Sakrament geht zurück auf die Vollmacht zur Sündenvergebung, die
Jesus seinen Aposteln und damit auch ihren Nachfolgern im Bischofs- und
Priesteramt übertragen hat. Der auferstandene Herr sagt zu den Jüngern:
"Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch ...
Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie
vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." (Joh
20,21-22; vgl. Mt 16,19; 18,18)
Der Dienst der Versöhnung gehört zu den wesentlichen Aufgaben, die der
Apostel im Namen Gottes und in der Vollmacht Christi ausübt. Paulus schreibt
den Korinthern: "Wir sind also Gesandte an Christi Statt und Gott ist es,
der durch uns mahnt. Wir bitten euch an Christi Statt: Lasst euch mit Gott
versöhnen! ... Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine
Gnade nicht vergebens empfangt." (2 Kor 5,20; 6,1)
Im Laufe der Geschichte hatte das Bußsakrament manchen Wandel zu
verzeichnen, was seine liturgische Gestalt und die theologische
Interpretation seiner einzelnen Aspekte angeht. Als seine wesentlichen
Inhalte haben sich im Glaubensbewusstsein der Kirche folgende Elemente
ausgeprägt:
- Von Seiten des umkehrwilligen Sünders sind Voraussetzung: die Reue über
die Sünden, das klare Bekenntnis der Sünden, das wir "Beichte" nennen, und
die ernsthafte Bereitschaft zur Wiedergutmachung des an sich selbst und der
Gemeinschaft angerichteten Schadens. Untrennbar davon ist der ernsthafte
Wille zur Erneuerung des christlichen Lebens.
- Von Seiten der Kirche kommt hinzu: das fürbittende Gebet aller für den
Pönitenten, insbesondere die Fürbitte des Priesters, sowie das wirkmächtige
Wort der Vergebung und die Erklärung, dass der Sünder mit Gott und der
Kirche wiederversöhnt ist, kurz gesagt: die priesterliche Absolution.
Gegen manche häretische Richtungen hat die katholische Kirche immer daran
festgehalten, dass Christus der Kirche die Vollmacht zur Absolution von
allen Sünden gegeben hat. Die Kirche hat auch die im Laufe der
Frömmigkeitsgeschichte entstandene Praxis gutgeheißen, auch bei lässlichen
Sünden das Bußsakrament zu empfangen. Denn die "persönliche Beichte" darf
nach einem Wort des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer als eine
ideales Mittel der ehrlichen Gewissenerforschung gelten und damit als "ein
Mittel der persönlichen Seelsorge, das nicht ohne Schaden für das Leben der
Gemeinde vernachlässigt werden kann". Bonhoeffer bewunderte deswegen die
katholische Beichtpraxis, weil hier die Gottesbeziehung für den einzelnen so
konkret und aktuell werden kann, wie es eine Predigt kaum zu bewirken
vermag.
III.
Wenn man momentan die Häufigkeit und die Art der Beichtpraxis in unserem
Land betrachtet, erkennt man ohne Zweifel einen krassen Unterschied zu
früheren Jahrzehnten. Nur in wenigen Pfarrkirchen finden wir lange Schlangen
vor den Beichtstühlen. Manche reden von der Gefahr, dass das Bußsakrament
bei weiten Teilen der katholischen Bevölkerung in Vergessenheit geraten
könnte. Hie und da kann man auch die alten Klischees von der Beichte als
einem "Machtinstrument" des Klerus hören. Die Beichte der persönlichen
Sünden sei einem selbständigen und mündigen Menschen von heute nicht mehr
zuzumuten. Wenn einer ein schlechtes Gewissen habe, dann könne er doch alles
selbst mit seinem Herrgott ausmachen.
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Meine lieben Christen, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich feststelle,
dass diese simplen Redensarten nur von Menschen stammen können, die von den
"Geheimnissen des Himmelreiches" wenig verstehen, die aber immensen Schaden
anrichten am Glaubensleben der Christen.
Ist es nicht umgekehrt richtig? Warum versperren wir uns dem Wunder der
Gnade Gottes?
Gott ist Mensch geworden und hat als Mensch unter uns Menschen gelebt. Er
hat Menschen in der Kirche die Vermittlung seiner Versöhnungsgnade
übertragen. Darum sagt der Apostel Jakobus im Zusammenhang seiner Aussagen
über die Krankensalbung: "Bekennt einander eure Sünden und betet
füreinander, damit ihr gerettet werdet." (vgl. Jak 5,16)
An dieser Grundgestalt der mit-menschlichen Heilsvermittlung aufgrund der
Menschwerdung Gottes führt kein Weg vorbei. Die Unmittelbarkeit unseres
Gewissens zu Gott verwirklicht sich konkret in der kirchlichen Vermittlung.
So wenig wie einer allein für sich Mensch werden, sein und bleiben kann, so
wenig kann einer allein, d.h. ohne die Kirche, Lebensgemeinschaft haben mit
dem lebendigen Gott in Jesus Christus. Die Kirche ist die von Gott
gestiftete Glaubensgemeinde, der Leib Christi, durch die Gott seinen
Heilsplan in Christus durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch
ausführen will, damit wir in Christus "freien Zugang haben zu Gott durch das
Vertrauen, das der Glaube an ihn schenkt." (Eph 3,12)
Ergreifen wir darum jetzt die besondere Chance zu einer Erneuerung unserer
Beichtpraxis, damit wir die Versöhnung in Christus an uns erfahren dürfen!
Oft schon hat im Laufe der langen Geschichte des Christentums eine Phase des
Aufschwungs eine Zeit der Schwäche und des Niedergangs abgelöst. Heute nun
stehen wir am Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Christus: Wir dürfen
gemeinsam den Weg einer geistlichen Erneuerung in Christus mit und in seiner
Kirche gehen.
IV.
Aus vielen Pfarrgemeinden, in Klosterkirchen und anderen Seelsorgestellen
wird berichtet, dass zwar die Quantität der Einzelbeichten gesunken, dafür
aber die geistliche Qualität erheblich zugenommen hat.
Bei den internationalen Jugendtreffen mit dem Papst und auch bei unseren
Begegnungen mit den Jugendlichen auf der Ebene der Diözese, der Gemeinden
und geistlichen Bewegungen wird das Bedürfnis nach einem ganz persönlichen
Beichtgespräch laut. Viele wollen sich nicht mehr hinter der Anonymität der
Masse verstecken, sondern selbst ganz ernstgenommen werden: "Ich bin Ich vor
Gott und gehöre zum Wir der Kirche" ? so brachte neulich ein Jugendlicher
das Christsein auf einen prägnanten Nenner.
Beim kommenden Diözesantag der Jugend am Palmsonntag Nachmittag werden über
30 Priester nach einer gemeinschaftlichen Vorbereitung ausreichend Zeit zur
Verfügung haben, um den jungen Christinnen und Christen zuzuhören und ihnen
dann das Wort der Vergebung zuzusprechen. Dazu lade ich alle Jugendlichen
des Bistums herzlich nach Regensburg ein!
Die Beichte in der Form des Beichtgespräches hat sich als sehr segensreich
erwiesen.
Wir sind verpflichtet zum ausdrücklichen Bekenntnis wirklich gravierender
Sünden, die unser Grundverhältnis zu Gott und zur Kirche schwer beschädigen
oder gar zerstören. Im Beichtgespräch kann im Unterschied zu einer bloßen
Aufzählung der lässlichen Sünden dann auch die persönliche spirituelle
Situation zur Sprache kommen. Wir alle wissen, wie wir oft vergeblich immer
neue Anläufe machen, innere Blockierungen und Bremsen zu lösen, wie schwer
es uns gelingt, Antipathien gegen andere aufzulösen, oder wie erfolglos wir
bisweilen sind in dem Bemühen, eingefleischte Gewohnheiten zu überwinden.
Oft leiden Menschen auch unter den Zwängen des Berufes oder der beständigen
Verletzung des Gewissens, dort wo man Zwängen eines Systems ausgeliefert
ist. Der Priester kann hier ganz unmittelbar auf den Beichtenden eingehen,
trösten, ermutigen und auch einen je persönlichen Rat in einer
Gewissensentscheidung geben.
Bei einer Beichte mit seelsorgerlichem Gespräch ist die spirituelle
Herausforderung an den Priester sehr hoch. Er muss die persönliche
Zuwendung, mit der er die Hirtenliebe Christi darstellt und verkündet,
verbinden mit einem außerordentlichen Respekt vor der Freiheit des
Beichtenden. Unsere christliche Beichte hat nämlich nichts gemein mit der
Schamlosigkeit irregeleiteter Zeitgenossen, die in einer Talkshow bereit
sind, vor einem Millionenpublikum all ihre Intimitäten auszubreiten, und die
sich kurioserweise erst zu schämen anfangen, wenn die Rede auf Gott und die
Religion kommt. Im Gegensatz zu diesen Praktiken, bei denen Menschen wie
Schauobjekte vorgeführt werden oder sich vorführen lassen, setzt die Beichte
die Menschenwürde voraus und bestärkt sie.
Sicher gibt es in manchen Fällen so tief traumatisierende Verwundungen der
Psyche bei den Opfern oder Tätern einer feindseligen Aggression, dass der
Beichtvater auf die fachliche Beratung eines Psychologen oder
Sozialtherapeuten verweisen muss. Dennoch kann man den Beichtstuhl in der
Kirche und die Couch des Psychotherapeuten nicht als ebenbürtige Alternative
ansehen. Denn bei der Beichte geht es um die Dimension der Schuld gegen Gott
und die kirchliche Gemeinschaft, welche in die tiefste Mitte der Person als
Geschöpf und als Dialogpartner der Liebe Gottes hineinreicht.
Im Bußsakrament erhält der Christ, der wegen seiner Sünden die Versöhnung
mit Gott und der Kirche verloren hatte, seine Würde wieder, die er schon
aufgrund seines Geschaffenseins besitzt und die ihm als Gotteskindschaft in
der Taufe auf unüberbietbare Weise zu eigen gegeben worden war.
Die Versöhnung mit Gott, mit dem Nächsten und mit sich selbst bewirkt einen
tiefen Frieden der Seele. Innere Ruhe und Sicherheit ist genau das, was
einer davon hat, wenn er zum Beichten geht. Keiner muss sich mehr selbst
betrügen in seinem Gewissen. Alle Strategien der Selbstrechtfertigung werden
zu einer brotlosen Kunst. Gar nicht erst anzufangen brauchen wir mit dem so
beliebten Gesellschaftsspiel, die Schuld auf die anderen abzuwälzen, weil
dabei sowieso keiner gewinnen kann.
V.
Eine demoskopische Untersuchung hat vor ein paar Wochen von einem mangelnden
Vertrauen der Katholiken in ihre Kirche gesprochen; viele würden sich die
Lösung ihrer Zukunftsängste von irgendwelchen menschlich geschaffenen
Institutionen erhoffen. Lassen wir es einmal dahingestellt, was die
Befragten überhaupt unter "Kirche" verstehen und was sie von ihr wissen.
Fest steht, dass es eine große seelische Not vieler Menschen gibt. Die
ungelöste Sinnfrage quält, Verzweiflung wächst und lässt viele in die Falle
selbsterdachter Heilungs- und Erlösungsprogramme tappen. Solche Menschen
sind bereit, dafür viel Geld und Zeit und oft sogar ihre Freiheit
aufzugeben.
Alles Menschenwerk ist aber zum Scheitern verurteilt. Selbsterlösung wächst
nicht als Frucht auf dem Acker dieser Erde. Nur Gott kann uns retten. Wir
als die Kirche Gottes rühmen uns nicht angelernter Fähigkeiten zur
Menschenführung oder der Möglichkeiten kirchlicher Diplomatie, auf die
Mächtigen der Erde einzuwirken. Wir lassen uns tragen vom Glauben, dass wir
"in Christus" sind und dass Gott "Christus Jesus für uns zur Weisheit, zur
Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gemacht hat" (1 Kor 1,30).
Der ganze Mensch in seinem individuellen, sozialen und geschichtlichen
Dasein ist einbezogen in den Frieden und in die Versöhnung, die uns von Gott
her geschenkt sind und die uns innerlich durchdringen wollen. Darum mache
ich mir den Friedenswunsch des Apostels für Sie alle, liebe Schwestern und
Brüder in unserem ganzen Bistum, zu eigen:
"Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist,
eure Seele und euren Leib unbeschädigt, damit es an euch nichts zu bemängeln
gibt, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt." (1 Thess 5,23)
So segne Sie der gütige und allmächtige Gott: + der Vater und + der Sohn und
+ der Heilige Geist!
Regensburg, am Fest Kathedra Petri, dem 22. Februar im Jahre des Heils 2003
+ Gerhard Ludwig
Bischof von Regensburg
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