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17. Januar 2010, 13:06
Sie sind die Jünger des Pilatus














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  WEITERE ARTIKEL ZUM
  THEMA 'Familie'

.. die die Familie und damit die Gesellschaft in die Eiswüsten der Ideologie führen - Kardinal Meisner zum Familiensonntag: Familienpolitik heute von Relativisten bestimmt, die eben nicht mehr daran glauben, dass es letzte Wahrheiten gibt

Köln (kath.net)
Kath.Net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zum Pontifikalamt mit dem Diözesanrat am Familiensonntag im Kölner Dom am 17. Januar 2010:

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mütter und Väter, liebe Familien!

1. Gott will, dass wir glücklich sind – und das von Anfang an. Wenn ein neugeborenes Kind zum ersten Mal in die Augen der Mutter schaut, dann kommt es zu Hirnströmungen, die identisch sind mit den Strömungen bei Glücksgefühlen. Das haben amerikanische Hirnforscher gemessen. Das Baby weiß noch nichts, aber es ist glücklich. Bei der Geburt selbst werden bei Mutter und Kind so viele Glückshormone ausgeschüttet wie nie mehr im Leben. Damit stärkt die Natur die Bindung zwischen Mutter und Kind, die sich schon in den neun Monaten zuvor ganz natürlich entwickelt hat. Zum Beispiel über die Stimme: Anders als die Sehfähigkeit, hört das Kind schon im Mutterleib genau hin. In der großen Geräuschkulisse im Leib der Mutter bildet der Herzschlag der Mutter einen ständigen, rhythmischen Hintergrundreiz. Neugeborene schreien weniger, verlieren weniger Gewicht und sind entspannter, wenn man ihnen eine Tonaufnahme des mütterlichen Herzens vorspielt. Man braucht dem Baby allerdings kein Band vorspielen, es sei denn es ist in der Kinderkrippe, man braucht es eigentlich nur in den Arm nehmen. „Die Nähe zum mütterlichen Herzen ist für Babys der Lieblingsplatz“, schreibt der Hirnforscher Gerald Hüther, der auch die Bundesregierung berät, offenbar aber vergeblich. Über die Frequenz des Herzschlags wird die emotionale Befindlichkeit vermittelt.

Im Mutterleib hat das Kind, wenn Sie so wollen, die erste Disco-Erfahrung. Die Stimme der Mutter ist jedenfalls nicht nur hörbar, sondern auch fühlbar und begleitet das Kind durch die ganze Schwangerschaft. So entsteht eine Gewöhnung, die Sicherheit vermittelt. So entsteht eine Prägung, die bindet. Und der geistige Überbau dieser Bindung sind die Emotionen, die Fürsorge um das Kind, die Zuwendung, die Liebe. Über das Gehör und die Berührung finden Kleinstkinder Trost, das kann der Herzschlag der Mutter sein oder auch die tiefe Stimme und der starke, schützende Arm des Vaters. Wenn die dunkle Stimme des Vaters ein paar Töne anstimmt und das Kind dabei noch im Arm wiegt, dann ist es sofort still. Das ist leicht erklärbar. Denn für Stimmen von außen gilt, dass vor allem niedere Frequenzen zum Ohr des Kindes im Mutterleib vordringen. Männerstimmen sind demnach leichter wahrnehmbar für den Embryo als fremde Frauenstimmen. Väter haben also schon vor der Geburt einen Klangplatz in der Hörwelt des Kindes. Und dieser vertraute Klang besänftigt, beruhigt, tröstet.

2. Heute ist Familiensonntag. Die zahllosen Ergebnisse der Bindungsforschung, der Entwicklungspsychologie, der Hirnforschung und einiger weiterer ganz neuer Wissenschaftszweige in der Erforschung des Menschlichen zeigen und erklären uns mit immer neuen Details die Wunder der Natur. Sie zeigen, dass der Mensch Vater und Mutter braucht, sie zeigen, dass der Schöpfer dieser Natur sich etwas gedacht hat, als er die Familie so schuf, nämlich als Vater, Mutter, Kind, als irdische Dreifaltigkeit. Ich kenne eine berühmte Ikone, die zeigt oben am Bildrand Gottvater, darunter die Geisttaube und da drunter den Jesusknaben. Und daneben steht vertikal „Sanctissima trinitas increatae“ – die ungeschaffene Dreifaltigkeit. Und neben dem Jesuskind stehen Maria und Josef, und auf dieser horizontalen Linie steht „Sanctissima trinitas creatae“ – die geschaffene Dreifaltigkeit. Die Familie hat auch immer eine religiöse Dimension, und an der Familie darf sich niemand vergreifen, sie ist heilig, weil sie ganz dem trinitarischen Bild Gottes entspricht.

Der Mensch ist Gottes Ebenbild und die Familie ist das Ebenbild der Dreifaltigkeit. Diese theologische Dimension ist die Grundlage für unser christliches Menschen- und Familienbild. Und die Ergebnisse der Forschung zeigen uns, wie sehr die Natur, wie sehr die geschaffene Dreifaltigkeit von der Liebe durchwoben und durchwirkt ist. Uns Christen wird oft gesagt, wir hätten ein überholtes Familienbild, die gesellschaftliche Wirklichkeit sei heute ganz anders, Familie sei da, wo Kinder sind, andere sagen sogar: Familie ist da, wo ein Kühlschrank steht. Sicher, das Statistische Bundesamt gibt etwa ein Dutzend Familienformen an. Aber keine kommt letztlich ohne die Urform Vater-Mutter-Kind aus. Deshalb lautet die zeitlos gültige Definition so: „Ein Mann und eine Frau, die miteinander verheiratet sind, bilden mit ihren Kindern eine Familie. Diese Gemeinschaft geht jeder Anerkennung durch die öffentliche Autorität voraus; sie ist ihr vorgegeben. Man muss sie als die normale Beziehungsgrundlage betrachten, von der aus die verschiedenen Verwandtschaftsformen zu würdigen sind. Indem Gott Mann und Frau erschuf, hat er die menschliche Familie gegründet und ihr die Grundverfassung gegeben. Ihre Glieder sind Personen gleicher Würde.“

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3. Die Familie ist die Beziehungsform, von der aus alle anderen zu würdigen sind. Papst Benedikt XVI. sagt in seinem Jesus-Buch: Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung (S. 153). Von ihr her leiten sich alle anderen Formen ab. Natürlich gibt es Schicksale, ein Vater stirbt oder geht weg, eine Mutter lässt ihren Mann mit den Kindern zurück, aber wir dürfen deswegen nicht die geschaffene Dreifaltigkeit mit dem Badewasser ausschütten und Gesetze machen, die gegen diesen Kern aller Sozialordnung verstoßen. Genau das aber geschieht heute und zwar nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene. Aus wenigen Einzelfällen wird der Familie ein Strick gedreht, wird die Elternkompetenz insgesamt infrage gestellt. Vater Staat soll es dann richten. Aber Vater Staat liebt nicht, er ist auch nicht zeugungsfähig. Er verwaltet nur und kann das Leben der Mütter und Väter in diesem Land mit seinen Gesetzen erleichtern oder erschweren. Im Moment ist eher Letzteres der Fall, weil der Zusammenhalt von Ehe und Familie gelockert und aufgelöst wird, weil anderen Formen des Zusammenlebens, Rechte zugesprochen werden, die Ehe und Familie weiter relativieren und die Natur, die Schöpfungsordnung beiseite schieben. Hier sind auch wir Christen gefordert. Lassen wir uns doch nicht gefallen, dass man unsere Elternkompetenz, unsere Liebeskompetenz infrage stellt!

Wer sind denn diese Politiker, die sich herausnehmen, alles besser wissen und den unberührbaren Kern der Sozialordnung sprengen zu wollen, nur weil in ihren Kreisen andere Lebensformen das Sagen haben? Die Journalisten und auch die Politik beschwören die Tatsache des Wandels sozialer Strukturen. Er findet statt, aber nur langsam und am Rande. Ich habe den Eindruck, die Beschwörungsformeln gelten vor allem dem Wandel des sozialen Verhaltens in den medial-politischen Kreisen selbst, jedenfalls ist dieser Wandel von den Statistiken in dieser massiven Form in der Bevölkerung nicht zu finden – acht von zehn Paaren leben nach dem Microzensus in Ehe, drei von vier Kindern bei ihren beiden leiblichen Eltern. Natürlich gibt es die sogenannte Patchwork-Familie, in Deutschland etwa 700.000, und die Alleinerziehenden oder andere Familienformen. Aber das widerspricht nicht der natürlichen Familie als Ort der Stabilität, als Kern jeder Sozialordnung.

4. Je stärker der familiäre Zusammenhalt, umso intensiver geht das Bewusstsein für Solidarität und Verantwortung in Fleisch und Blut über. Das ist eine jener berühmten Voraussetzungen, die der Staat nicht geschaffen hat, von denen er aber lebt, wie Böckenförde sagt. Das ist eine Frage der Wertevermittlung. Aber, so gaukelt man uns in den Medien oft vor, auch professionelle Erzieher könnten den Kindern das alles beibringen. Das stimmt nur sehr begrenzt, denn die Gesellschaft ist im Vergleich zur Familie ein Kollektiv ohne Gesichter, ohne Namen. Die Familie dagegen sieht die Person, hier wird die Konstante der persönlichen Beziehung lebendig, die Werte sichtbar macht und zeigt, wofür und für wen man sie lebt. Gesellschaft ist namenlose
Sachgemeinschaft, sie erzeugt weder Liebe noch Solidarität, sie lebt aber von ihr. In der Tat: In der Familie entsteht das Bewusstsein für Liebe, mithin für Solidarität, in der Familie lebt man auf der Grundlage des Vertrauens. In der Familie lernt man mein und dein, mithin den Sinn von Eigentum und Privatheit. Es geht um eine freiheitliche Gesellschaft. Die fängt in der Familie an.

Die Hirnforschung, die Bindungsforschung, all diese neuen Wissenschaftszweige, haben mit ihren Ergebnissen in den letzten Jahren die Wahrheit über den Menschen und seine Natur tiefer erforscht und bestätigt, was die christliche Ethik schon lange predigt: Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Das Ja zum Kind, selbstlos, ohne Nutzendenken, ohne Blick auf die Rendite, ist das Ja zum Leben, trotz widriger Umstände, seien sie gesundheitlicher Art, seien es finanzielle Nöte, denen junge Familien heute immer stärker ausgesetzt sind.´Das Ja zum Leben ist ein Ja zur Liebe, und das Ja zur Liebe ist ein Ja zum Leben. Dieses Ja ist ein Ja zu einer ewigen Beziehung. Denn jeder Mensch ist eine „Liebesidee Gottes“ (Reinhold Ortner). Der Dichter Novalis hat das in dem bekannten Satz so formuliert: Kinder sind sichtbar gewordene Liebe.

Der Mensch ist Beziehungswesen von Anfang an, er ist nachweisbar Liebeswesen von Anfang an, er ist tatsächlich Ebenbild des Schöpfers, der Liebe von Anfang an. Das kann man nicht professionell ersetzen. Jede Mutter, die sich bemüht, ist für das Kind vorteilhafter als jede Erzieherin. Lassen Sie sich von den Medien nicht vormachen, dass Eltern dumm, faul und nutzlos sind, nur weil es Familien gibt, wo das tatsächlich der Fall ist. Der richtige Ansatz bleibt, die Familie zu unterstützen, ihr den Freiraum zu geben, den sie verdient mit ihrer Erziehungsleistung. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit. Alle Parteien, auch und gerade die früher ausgesprochene Familienpartei, trauen Vater Staat mehr zu als den Eltern. Aber Vater Staat ist, ich wiederhole, zeugungsunfähig. Er kann nur Rahmenbedingungen setzen, den Familien Vertrauen in die Zukunft geben. Nur: Genau das geschieht nicht.

5. Nicht nur für Banken und Versicherungen gilt: Vertrauen ist die Währung des Lebens. Es gilt auch und gerade für Familien und ihren Kern, die Ehe. Können wir noch in Deutschland, wo der Staat und die Parteien nicht den Eltern, sondern nur sich selbst vertrauen, dieses Vertrauen noch haben? Oder wird die Familienpolitik heute von Relativisten bestimmt, die eben nicht mehr daran glauben, dass es letzte Wahrheiten, eben eine Schöpfungsordnung gibt. Sie sind heute auf der Bühne der öffentlichen Debatte und der Bewusstseinsindustrie, wie Enzensberger die Medienwelt nennt, zweifellos in der Mehrheit. Aber in der Bevölkerung nicht. Sie verfolgen ein sich ständig selbst überholendes Familienbild, sie laufen der Entwicklung hinterher, statt sich an die Beständigkeit der Natur zu halten. Sie verkennen die Stabilität, die von der natürlichen Familie, von der christlichen Ehe und Familie für die gesamte Gesellschaft ausgeht.

Sie sind die Jünger des Pilatus, die die Wahrheit im Stich lassen und sich eine Wirklichkeit nach ihrem Gusto zimmern, die die Familie und damit die Gesellschaft in die Eiswüsten der Ideologie führen. Sie lehnen die Schöpfungsordnung, die Natur des Menschen ab. Wo es aber keine Wahrheit mehr gibt, so schreibt Papst Benedikt XVI., da kann man jeden Maßstab ändern, überall im Grund auch das Gegenteil tun. „Der Verzicht auf die Wahrheit ist der eigentliche Kern unserer Krise“.

Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Würde des Menschen, auf die selbstlose Liebe. Das kann kein Staat, kein Amt leisten. Das Bewusstsein für Würde und Person wächst in der Familie heran. In ihr ist die selbstlose Liebe zuhause, die diese Würde pflegt – bis zum Ende. Und am Anfang in den jungen Herzen das Bewusstsein für sie stiftet. Die Familie ist, ich wiederhole Benedikt XVI., „der Kern aller Sozialordnung“. Sie ist, für jung und alt, die Quelle der Menschlichkeit. Deshalb muss die Familie gestärkt werden, damit die Menschen wieder Zeit haben füreinander, Zeit für die Beziehung, Zeit für die Liebe und damit Zeit für die Anerkennung der Würde jedes einzelnen, am Anfang wie am Ende. So werden wir, wie unser Vater Gott es will, glücklich werden.

Das wird man freilich nur verstehen, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch creatura ist, über die der Creator, wie es im Buch der Weisheit steht, nur „mit großer Ehrfurcht“ verfügt. Wenigstens einen Hauch dieser Ehrfurcht, mehr oder weniger stark, erfährt man in der Familie. In ihr ist die Natur des Menschen zuhause. Und, so sagt Robert Spaemann, „von der Natur können wir uns nicht emanzipieren“, weil wir Abbilder Gottes sind. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

   

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Lesermeinung

 sonni am 18.1.2010
Liebe
Das Wichtigste und Wesentlichste für jeden Menschen ist das Gefühl, geliebt zu werden. Und zu wissen, daß ich mit der eigenen Liebe wiederum anderen gut tue. Das ist so einfach, aber es darf nicht sein, sonst würde der Konsum (!) drastisch einbrechen .....
 
 Hannah am 17.1.2010
Wenn alles relativiert wird, wird das auch auf die Politiker zurückfallen.
 
 Waldi am 17.1.2010
Der Wert der Familie.
Es ist geradezu aus der Haut zu fahren, wenn man bedenkt, dass Homo-Ehen, (und Familien), gesetzlich legalisiert und euphorisch gefördert, aber echte Familien mit Vater, Mutter und Kind als Auslaufmodell. abgewertet werden. Widersinnigeres kann man sich gar nicht mehr vorstellen.
Danke Herr Kardinal Meisner für die klaren und wahren Worte, die jeder politischen Ideologie spielend standhalten. Wenigstens noch ein standfester Kirchenmann, der vor dem Zeitgeist und den Zeitgeistern nicht winselnd in die Knie geht. Meine aufrichtige Hochachtung.
 
camino ignis am 17.1.2010
Diese Predigt
ist Satz für Satz wahr und sollte als Fanal zum Widerstand gegen den Relativismus auf Flugblättern und im Internet verteilt von Hand zu Hand gehen!
 
 Troppau am 17.1.2010
Bravo!
Bravo, Herr Kardinal, für diese erhellenden Worte, die ich so noch nie gehört habe. Mögen sie in den Ohren und Herzen der Entscheider widerhallen und Frucht bringen. Dafür will ich beten!
 

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