
München (kath.net/KNA)
Ein frühlingshaft warmer Novembernachmittag in einer Gärtnerei im Westen Münchens: Bankdirektor Thaddäus Kühnel wendet seinen Mercedes auf dem Vorplatz, um ihn vorsichtig rückwärts durch das offene Eingangstor des Gewächshauses zu bugsieren. Der 62-Jährige ist sichtlich nervös. Obwohl bei diesen Temperaturen noch keiner an Weihnachten denken mag, ist es wieder so weit: Mehr als 40 festlich geschmückte Adventskränze sollen ins Auto verladen werden. Ziel der kostbaren Fracht: der Vatikan.
«Wie soll das denn alles reingehen?», sorgt sich Kühnel. Doch sein Bekannter und guter Geist Robert Zwirner beruhigt ihn. Jedes Jahr verstaut er Kranz um Kranz samt mehreren Kartons mit den bereits verdrahteten Ersatzkerzen im Kofferraum und auf der Rückbank. «Das klappt auch dieses Mal», ist Zwirner sicher und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die große Aufregung gab es schon vorher. Eigentlich wollte der frühere Gärtner der Abtei Sankt Bonifaz, Bruder Ansgar Mössmer, die Kränze fertigen. Doch dann brach sich der 90-jährige Benediktiner bei einem Sturz die Hüfte und musste ins Krankenhaus.
Da sprang - Gott sei Dank - Marille Schuster ein. Die Gärtnerin nahm den Auftrag an und fertigte die Kränze. Gut einen Meter dürfte der größte unter ihnen als Durchmesser haben. So wie die meisten anderen ist auch er mit leuchtend roten Schleifen samt Goldkante, Goldblüten und Kugeln geschmückt. Seinen Platz wird er die Adventszeit über in jenem Zimmer finden, wo Benedikt XVI. seine Gäste empfängt. Aber auch für die Privatkapelle des Papstes und persönliche Räume wurden Kränze gefertigt. Die roten Kerzen sind dabei bewusst gewählt. «So kennt und schätzt es der Papst aus seiner Kindheit», weiß Kühnel.
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Seit Joseph Ratzinger 1982 in die Glaubenskongregation wechselte, bringt ihm der Münchner Bankdirektor regelmäßig Schmankerl und Brauchtumsschmuck aus seiner bayerischen Heimat nach Rom. Adventskränze sind in Italien nicht üblich. «Südlich vom Trentino kennt das niemand mehr», weiß der päpstliche Hoflieferant. Als er ein paar Kränze in früheren Jahren einmal in einem zweiten Koffer seines Fluggepäcks mit sich führte, kontrollierten ihn in Rom die Zollbeamten. Konfrontiert mit dem tannengrünen Inhalt, glaubten sie an einen Trauerfall. «Die haben sich entschuldigt und mir kondoliert», amüsiert sich der Bayer.
Mit einem Koffer in die Ewige Stadt fliegen, genügt heute nicht mehr. Denn im Vatikan ist die Nachfrage nach deutschem Adventsschmuck seit der Papstwahl 2005 rapide gestiegen. Immer mehr päpstliche Mitarbeiter wollen bedient werden. So hat Kühnel auch für den früheren deutschen Nuntius und jetzigen Kardinal Giovanni Lajolo einen im Gepäck. Aber Lajolo ist nicht der einzige. Selbstverständlich werden auch die für den Papst sorgenden Schwestern, sein Sekretär Georg Gänswein, Kardinal Augustin Mayer und Abtprimas Notker Wolf bedacht. Kühnels Mercedes ist fast so etwas wie ein fahrendes «bayerisches Überlebenspaket». Unter dem Kofferraumboden hat er den Speicherraum genutzt und Schoko-Nikoläuse sowie Weißwürste in Dosen, süßen Senf, Sahnemeerrettich und den Kaffee einer berühmten Münchner Rösterei untergebracht.
Die sechs selbst gemachten Honigwachskerzen des Unternehmers und Künstlers Claus Hipp, der in seiner Freizeit auch noch als Imker tätig ist, mussten allerdings dieses Mal dableiben. Die will der Bankdirektor kurz vor Weihnachten mit den fünf je drei Meter hohen bayerischen Christbäumen liefern. Dafür nimmt er die elf Stunden dauernde Fahrt gerne noch einmal auf sich. Benedikt XVI. wird sich dafür mit einer persönlichen Einladung zum Mittagessen bedanken - wie immer.
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