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25. November 2009, 12:47
Ein byzantinisches Juwel unweit von Rom














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  THEMA 'Ökumene'

Zeuge der Einheit der Kirche seit 1000 Jahren: Das einzige in Italien verbliebene Kloster mit antikem byzantinischen Ritus, gegründet vor der Spaltung von Ost- und Westkirche. Katholiken dürfen seit jeher zu den Sakramenten kommen. Von Tanja Schultz.

Rom (kath.net/Zenit) Mit ihren mächtigen turmbewehrten Mauern und dem tiefen Burggraben kommt die berühmte romanische Abtei Santa Maria in Grottaferrata einer Militärfestung gleich. Sie liegt am Rande des gleichnamigen Städtchens auf einer mit Ölbäumen bewachsenen Anhöhe. Von dem Kloster hat man einen atemberaubenden Blick auf die Silhouette der 20 km entfernten Metropole Rom.

Die Burgmauern sind in der Renaissance als Schutz gegen Plünderungen der Abtei errichtet worden, denn im Laufe ihrer Geschichte war die Anlage mehrfach von nach Rom ziehenden Heeren überfallen worden. Eine reiche Beute fanden die Plünderer allerdings nicht vor, zumindest nicht im gewöhnlichen Sinne.

Der eigentliche Schatz der Abtei, die als „orientalische Gemme“ bezeichnet wurde, ist nicht materieller Art. Vielmehr handelt es sich um ein religiöses und spirituelles Erbe, das über Jahrhunderte hinter seinen Mauern gehütet und tradiert wird. Santa Maria in Grottaferrata, so der offizielle Titel, ist das einzige in Italien verbliebene mittelalterliche Kloster der Basilianer mit antikem italobyzantinischen Ritus, der nach wie vor dem ursprünglichen Typikòn seines Gründers folgt.

Es ist das letzte Zeugnis der unter byzantinischer Herrschaft entstandenen zahlreichen griechischen Klöster in Süditalien. Nach der Eroberung durch die Normannen im 11. Jahrhundert wurde das Gebiet wieder in das lateinische Patriarchat eingegliedert.

Dass Grottaferrata sich als griechische Enklave im lateinischen Latium behaupten konnte bzw. der üblichen Lateinisierung des Ritus entgangen war, ist einem besonderen Umstand zu verdanken. Die Abtei war nämlich von Anfang an direkt dem Apostolischen Stuhl unterstellt, der Freiheit der Liturgie gewährte. Ihre Basilianermönche leben seit jeher in Kommunion mit der katholischen Kirche. Noch vor dem morgenländischen Schisma gegründet, legt es laut P. Emiliano Fabbricatore, Archimandrit Exarch der Abtei, „seit tausend Jahren Zeugnis von der Einheit der Kirche ab.“ Denn die Mönchsgemeinschaft hatte die Trennung der West- und Ostkirche nie erlebt.

Nilus aus Rossano (910-1004, siehe Bild), ein hochgebildeter Grieche aus dem byzantinischen Kalabrien, gründete im Jahre 1004 das Kloster. Als Mönch hatte er sich für die Verbreitung der Regel des heiligen Basilius in Unteritalien eingesetzt, bevor er den drohenden muslimischen Raubzügen in seiner Heimat ausweichen musste und erst nach Montecassino und dann nach Gaeta zog. In die Gegend der Grafschaft von Tusculum gelangte er mit seiner Anhängerschaft von etwa 60 Basilianermönchen erst im Greisenalter von 94 Jahren. Hier überließ ihm der Graf ein Stück Land.

Als Nilus kurz darauf starb, setzte sein treuer Schüler und spätere Hagiograph, der Hl. Bartholomäus, den Bau der Klosteranlage und der der Theotokos geweihten Kirche fort. Diese wurde über den Ruinen einer antiken römischen Villa und eines kleinen christlichen Oratoriums errichtet. Die Eisengitter an den Fenstern der Kapelle, wohl eine ehemalige Begräbnisstätte, trugen dem Ort den Namen Crypta Ferrata ein, woraus später im italienischen Sprachgebrauch Grottaferrata wurde. Diese Kapelle ist noch heute in dem rechten Seitenschiff der romanischen Basilika zu besichtigen.

Zur Tausendjahrfeier (1004-2004) wurde ein wissenschaftliches Komitee ins Leben gerufen. Dieses hat nun eine Reihe von Events vorbereitet, die diese uralte byzantinische Tradition einem größeren Personenkreis bekannt machen sollen. Denn die meisten Besucher konzentrieren sich gewöhnlich auf den Blickfang der Anlage, auf die wunderschöne romanische Klosterkirche, erfahren jedoch wenig zu Liturgie und Tätigkeiten der Mönchsgemeinschaft.

Auftakt zu dieser Initiative gab vorletzten Samstag das Chorkonzert mit byzantinische Musik, mit dem eine neue Ausstellung feierlich eingeweiht wurde. Der Titel „Heiliger Nilus von Rossano und die griechische Abtei von Grottaferrata. Geschichte und Darstellung“ ist allgemein gehalten und hebt nicht das Besondere dieses Events hervor. Neben der ausführlichen Illustration der Bau- und Kultgeschichte auf Schautafeln und mithilfe von 3D-Rekonstruktionen im Gebäudetrakt gegenüber dem Eingangstor, werden nämlich zum ersten Mal die Türen der alten Klostergebäude für Besuchergruppen geöffnet. So kann der unvollendete Kreuzgang mit der berühmten zierlichen Renaissance-Loggia von Giuliano da Sangallo besichtigt werden.

Aber uneingeschränkter Höhepunkt ist eine Führung durch das historische Prunkstück der Abtei, die jahrhunderte alte Bibliothek in dem unter dem Abt Giuliano della Rovere (dem späteren Julius II.) errichteten Kommendatoren-Palast, der den Kreuzgang säumt. Sie verteilt sich auf verschiedene Räume. Beeindruckend die vollständig intakte Ausstattung aus dem 18. Jahrhundert in der biblioteca storica mit kunstvoll aus Olivenholz geschreinerten Wandregalen von insgesamt 256 m Länge.

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In der Bibliothek werden rund 1200 wertvolle wie seltene griechische und lateinische Manuskripte, auch teilweise aus der Zeit vor der Jahrtausendwende, 70 Inkunabeln sowie 50.000 gedruckte Bücher aufbewahrt, darunter Werke, die bis zu den Anfängen der modernen Buchdruckkunst zurückreichen. Die bedeutende Rolle, die die Abtei als Druckerei noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts spielte, dokumentieren die alten Druckmaschinen im Eingangssaal der Ausstellung.

Ursprünglich war die Schriftensammlung sogar noch umfangreicher. Im 17. Jahrhundert emigrierten auf Betreiben von Borghese-Papst Paul V. viele Werke in die vatikanische Bibliothek. Im Jahre 1873 wurde jedenfalls der verbliebene Bestand, samt allen übrigen Abteigebäuden, vom neu gegründeten italienischen Staat konfisziert und zum Nationaldenkmal erklärt. Sie ist heute als besonders erhaltenswert eingestuft.

Bereits der heilige Nilus galt als kundiger Schreiber und hatte damals eine eigene Schule gegründet, in der liturgische und asketische Handschriften kopiert wurden. Er hat sogar ein eigenes Abkürzungssystem, Tachygraphie genannt, entwickelt. Aus seiner Hand stammen drei Handschriften von 965, die mönchisch-patristische Werke enthalten. Die noch heute eingehaltenen spezifischen liturgischen und monastischen Vorschriften der Basilianer von Grottaferrata, das sogenannte Typikòn, sind in einer Abschrift des Giuseppe Melendita aus dem Jahr 1299/1300 auf uns gekommen. Zu dem Fundus gehört eine kostbare Kopie des berühmten byzantinischen Epos Digenis Akritas aus dem 10. Jahrhundert.

Mit sechzig Palimpsesten aus dem 13. und 14. Jahrhundert hatte die Abtei bereits 2004 an dem Europäischen Projekt „Virtuelle Renaissance“ teilgenommen. Palimpseste sind gesäuberte und wieder beschriebene Manuskriptseiten (codex rescriptus), ein im Mittelalter häufig anzutreffender Brauch, da Pergament als Schreibmaterial sehr kostbar war. Dank der heutigen technischen Mittel kann die ältere Schrift, die oft verlorene Werke aufbewahrt hat, wieder gelesen werden. Bedeutend ist auch die Sammlung von siebenhundert Ausgaben aus dem 16. Jahrhundert, sogenannte Cinquecentine, die eine zweite Blüte der Handschriftenherstellung in der Renaissance bekunden.

Die Abtei ist heute noch Ort des griechischen Sprach- und Liturgiestudiums und verlegt wissenschaftliche Monografien und Zeitschriften. Darüber hinaus haben sich die Mönche auf Buchrestauration spezialisiert. Es wurde 1931 ein eigenes Labor eingerichtet, die officina librorum, das der namhaften vatikanischen Restaurierungswerkstatt bald den Rang ablaufen sollte. Die Mönche, die seit jeher neue Techniken für die Wiederherstellung von stark beschädigten mittelalterliche Pergamenten in Klosterbesitz entwickelten, erlangten regelrecht Berühmtheit durch den äußerst schwierigen restauro von etwa tausend Blättern des Codex Atlanticus von Leonardo da Vinci aus der Biblioteca Ambrosiana in Mailand. Die Pater wurden auch 1966 nach Florenz zu Hilfe gerufen, als es nach der verheerenden Flut galt, die zahlreichen vom schmutzigen Flusswasser aufgeweichten wertvollen Codices und Handschriften der Nationalbibliothek zu retten.

Katholiken dürfen seit je an den byzantinischen Gottesdiensten teilnehmen und die Sakramente empfangen

Innerhalb der Erforschung des italobyzantinischen Ritus nimmt die Melurgie, die liturgische Musik, eine Sonderstellung ein. Die heutige Schola Melurgica hat sich zur Aufgabe gemacht, den byzantinischen Hymnenschatz, der noch auf die antike Konstantinopler Tradition zurückgeht, zu erforschen und für die Nachwelt zu erhalten. Dieser wird einstudiert von einem vor über zwanzig Jahren gegründeten und mittlerweile international bekannten Chor (Corale Polifonica di Grottaferrata), der auch bei der Ausstellungseröffnung in der Klosterbasilika ein Konzert gegeben hat. Studienobjekte der Forschung sind die 47 melurgischen Codices mit Notation in der Klosterbibliothek, die eine Rekonstruktion der antiken Gesänge während der Gottesdienste erlauben.

Denn unerlässlicher Teil der griechischen Liturgie ist der Gesang ohne Instrumentalbegleitung, der als geeignetes Mittel betrachtet wird, das Lob Gottes auszudrücken und die Seele zur Kontemplation anzuregen. Dieser Effekt wird gesteigert durch den verstärkten Einsatz von Weihrauch „als Duft des Himmels“. Nach alter orientalischer Vorstellung ist eine Gottesbegegnung mit einem Dufterlebnis verbunden. Die Basilianer von Grottaferrata lassen heute noch für die sonntägliche Liturgie (Göttliche Liturgie des Johannes Chrysostomos) eine spezielle Sorte extra aus Griechenland kommen.

Unvergesslich bleibt solch ein Gottesdiensterlebnis während der Fastenzeit und in der Heiligen Woche, wenn die noch längere und festlichere Basilius-Anaphora zelebriert wird. Dann füllt der stundenlange feierliche Gesang der mit farbigen Tuniken und dem ponchoartigen Phelonion bekleideten Priester und Diakone hinter der prächtigen Ikonostase die ganze Abteibasilika aus.

In der Tat sind die Unterschiede zwischen der byzantinischen und römisch-katholischen Messe weniger inhaltlicher Art, sondern vielmehr in der kulturell bedingten Ausformung zu sehen. Katholiken ist es seit je gestattet an den byzantinischen Gottesdiensten teilzunehmen und die Sakramente empfangen. Die Liturgiesprache der Abtei ist sowohl griechisch als auch italienisch. Die Weltoffenheit und Kommunikationsbereitschaft der Basilianergemeinschaft offenbart sich nicht nur in der Einladung zu ihren Gottesdiensten, es werden auch Seminare zum byzantinischen Ritus und Spiritualität für interessierte Gruppen und Einzelpersonen angeboten.

Der nach strengem Rhythmus gegliederte Tagesablauf der Mönche wird außer von der Eucharistiefeier und den liturgischen Gebetszeiten auch von der Verpflichtung jedes Bruders zu Handarbeit oder geistiger Tätigkeit bestimmt. Diese liegt neben dem genannten Schwerpunkt der Tradition von Grottaferrata als Gelehrte, Restauratoren und Bibliothekare auch in der Verrichtung von körperlicher Arbeit auf dem Feld bzw. Garten, in der Krankenpflege und Verwaltung. Mit der Arbeit ihrer Hände und ihres Geistes verdienen sich die Basilianermönche ihr tägliches Brot, heißt es.

Im Mittelalter war auch das Einsiedlertum in Höhlen unter den griechischen Basilianern im kalabrischen Merkourion eine verbreitete Form. Der charismatische Nilus hat selbst erste monastische Erfahrung während seiner jahrelangen Hausung in Grotten gesammelt. Auf der Suche nach geistlicher Gemeinschaft mit Gott, bestanden seine asketischen Übungen darin, nur alle paar Tage Nahrung zu sich zunehmen und wenige Stunden zu schlafen. Nie jedoch hat er das Studium der Heiligen Schrift und Schreiben dabei vernachlässigt. So wurde er eine der gefragtesten Gelehrten seiner Zeit und mit Ehrungen überschüttet. Trotz oder wegen dieser sich selbst auferlegten harten körperlichen Entbehrungen ist er sehr alt geworden. Mit 94 Jahren wanderte er zu Fuß mit seinen Schülern von Kampanien nach Rom. Kurz bevor ihn seine Kräfte endgültig verließen, war ihm bestimmt, sein bleibendes Hauptwerk, die Abtei von Grottaferrata vor den Toren Roms zu gründen.

Die knapp dreißig Mann zählende Mönchsgemeinschaft der Basilianer von Grottaferrata stellt heute natürlich nur noch eine winzige Enklave im lateinischen Latium dar und unternimmt folglich alle Anstrengungen, ihre Traditionen zu bewahren. Eine kleine Gemeinde von etwa hundert Gläubigen ist ihrer Seelsorge anvertraut. Der Orden bezieht seinen Nachwuchs größtenteils aus den zahlenmäßig stärker vertretenen Gemeinden der italoalbanischen Eparchien von Lungo in Kalabrien und Piana degli Albanesi in Sizilien. Mit diesen ebenfalls byzantinischen Diözesen ist die Territorialabtei von Grottaferrata in einem Konferenzverband zusammengeschlossen. Seit vielen Jahren schon sind die Basilianer und die italoalbanischen Kirche aktive Gesprächspartner im Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen. Sie sehen ihre zukünftige Aufgabe vor allem in der Ökumene, wie Archimandrit P. Emiliano Fabbricatore ausdrücklich betont. Sie wollen eine Brücke schlagen zwischen der lateinischen West- und der griechisch-orthodoxen Ostkirche und den Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen fördern.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. Dezember. Führungen durch die Abtei, wissenschaftliche Konferenzen, Konzerte u.a. sind auch über das Datum hinaus vorgesehen.

Die Homepage des Klosters





Foto: Der heilige Nilus, (c) www.abbaziagreca.it

   

Lesermeinung

Gandalf am 25.11.2009
Bei der nächsten kath.net-Reise nach Roma
könnte man das fast ins Programm aufnehmen, klingt spannend :-)
 

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