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23. November 2009, 09:55
'In der Nacht, da er verraten ward'














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  THEMA 'Norwegen'

Als die SS ihn um 4 Uhr früh zum Auto abführte, rief die Mutter vom Balkon: „Vergiss Jesus nicht! - Ein großer „Versöhner“: der Norweger Leif Hovelsen - Von Horst-Klaus Hofmann

Oslo (kath.net/idea)
Er kam aus einem frommen Elternhaus im norwegischen Oslo. Im Gymnasium gab er seinen Glauben an Gott auf. Marx und Freud wurden Vordenker jener Heranwachsenden in den 1930er und 40er Jahren in Skandinavien, die unabhängige, revolutionäre Intellektuelle sein wollten. Mit 17 Jahren schmuggelte er für den norwegischen Widerstand in dem von der deutschen Armee besetzten Land Kurzwellenempfänger. Er wurde verraten. Als die SS ihn um 4 Uhr früh zum Auto abführte, rief die Mutter vom Balkon: „Vergiss Jesus nicht!“ Er murmelte verlegen: „Jesus, das ist doch bloß was für Alte und Kranke.“

Nach drei Monaten Einzelhaft im Konzentrationslager Grini (bei Oslo) mit qualvollen Verhören kündigte ihm der Gestapochef an: „Wir werden dich erschießen, sobald das Polizeigericht dies genehmigt hat.“

Weg vom Klassenkampf

Leif Hovelsen – heute 85 Jahre alt – erzählt: „Beim Drehen meiner Achterrunden in der Zelle geschah das Unerwartete: Ich dachte an das nahe Ende. Plötzlich begann es in mir zu singen, wie ich es aus der Kindheit kannte: ‚Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward ...’ Die Abendmahlsliturgie fiel mir ein. Die quälende Furcht vor der Hinrichtung war wie weggeblasen.

In innerer Freude gab ich Gott erneut mein Leben. Beim Kriegsende wurde ich befreit.“ Hovelsen zog mit einer Gruppe der „Moralischen Aufrüstung“ – einer in England gegründeten sozial-ethischen Bewegung, die den Menschen aus dem Geist des Christentums erneuern wollte – nach Deutschland, „weil Gott mich rief“, wie er heute sagt, und wurde einer der vielseitigsten „Versöhner“ unserer Zeit. Zunächst engagierte er sich im Ruhrgebiet, wo ein unerbittlicher Kampf um die Vorherrschaft in der Kohle- und Stahlindustrie tobte. Die Betriebsräte waren mehrheitlich Kommunisten. Einer von ihnen in zentraler Position war Fritz Heske, in der Zeche Zollverein 3/10 in Essen-Schonnebeck.

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Er hatte als KP-Arbeiterführer die KZ-Haft überlebt. Nun organisierte er als Betriebsratsvorsitzender die KP neu. Durch seinen Kontakt zu Hovelsen lernte er, Feindschaften zu überwinden, ehrlich zu werden und auf Gott zu hören. Klassenkampf war nicht mehr die Lösung, sondern Neuanfang durch Änderung. Die KP reagierte hilflos mit Kontaktverbot, dann mit Parteiausschluss! Doch Heske und seine Leute hielten durch. Sie trafen sich vor Schichtbeginn zum Gebet. Vier Jahre später gab es in vielen Betrieben keinen unversöhnlichen Klassenkampf mehr, sondern demokratische Partnerschaft.

Nobelpreis für Sacharow

Ende der 1950er Jahre herrschte zwischen Norwegen und der Bundesrepublik Deutschland ein gespanntes Verhältnis wegen Entschädigungsforderungen für politische Gefangene, die in der Hitlerzeit in Deutschland interniert waren. Hovelsen, der den norwegischen Ministerpräsidenten als Mit-gefangenen aus der KZ-Zeit kannte, wurde zum stillen Vermittler einer gerechten Lösung zwischen den Regierungen. Weil Norweger auch in Zeiten des Kalten Krieges Reisefreiheit nach Osteuropa genossen, freundete sich Hovelsen mit russischen Dissidenten an. Dass der Physiker und Menschenrechtler Andrei Sacharow 1975 den Friedensnobelpreis erhielt, ist auch dem Norweger zu verdanken.

Dieser hatte in acht europäischen Parlamenten Aktionen für die Nominierung organisiert. Der frühere jugoslawische Parlamentspräsident Milovan Djilas – in den 60er Jahren Rebell gegen die kommunistische Funktionärsklasse um Tito – schätzte Hovelsen ebenfalls. In den Achtzigern, nach einer längeren USA-Reise, berichtete ihm Hovelsen, dass ein bekannter US-Intellektueller erklärt habe, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Sowjetunion werden.

Jahrhundert des Heiligen Geistes

Da lachte Djilas und widersprach: „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert Amerikas werden.“ Später erzählte Hovelsen von diesen Gesprächen dem russischen Kulturschaffenden Grigorij Pomeranz, der in der Stalinzeit viele Jahre in Gefängnissen war. Pomeranz sagte darauf nur: „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Heiligen Geis¬tes werden.“ Davon zeugt auch Hovelsens Leben. Hovelsen hat einen Teil seiner Erlebnisse in dem Buch „Durch die Mauern – Wege zur Versöhnung“ (ASAPH-Verlag/Lüdenscheid) zusammengestellt, dessen deutsche Ausgabe er den zivilen Opfern der alliierten Luftangriffe widmete.

   

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