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02. Juni 2009, 14:51
Ein Friedhof, ein Krematorium und das Brecht-Haus














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  WEITERE ARTIKEL ZUM
  THEMA 'Atheisten'

Das ist also alles, was der Atheismus zu bieten hat - Unterwegs durch Berlin mit einer atheistischen Stadtrundfahrt - Ein Hintergrundbericht von Karsten Huhn

Berlin (kath.net/idea)
Bis zum 18. Juni rollt ein Doppeldecker mit der Aufschrift „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ durch 25 deutsche Städte. Weil die Verkehrsbetriebe von 17 Großstädten es ablehnten, Fahrzeuge mit der Atheistenwerbung einzusetzen, entschloss sich die „Buskampagne“ selbst auf Tour zu gehen.

Organisiert wird sie vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (etwa 600 Mitglieder) sowie der Giordano-Bruno-Stiftung (etwa 1.600 Freunde und Förderer). Begleitet wird sie von einem Bus des evangelikalen Missionswerks „Campus für Christus“ mit der Aufschrift „Und wenn es ihn doch gibt…“ idea-Reporter Karsten Huhn war beim Start in Berlin dabei.

Zwölf Uhr mittags vor dem Roten Rathaus in Berlin. Zwei Männer stehen sich gegenüber. Der eine ist Carsten Frerk, Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes und nach eigener Aussage „Gottvater“ der atheistischen Buskampagne. Der andere ist Andreas Bartels, Projektleiter des christlichen Missionswerkes „Campus für Christus“. Zu beobachten ist ein erster Gesprächsversuch.
Viel gemeinsam – oder nicht?
Bartels: „Wir haben ja viel gemeinsam.“ Frerk: „Um die Fronten gleich mal abzuklären: Ihre Kampagne ist eine feindliche Übernahme. Sie klauen alles von unserer Seite. Ich sehe keine Gemeinsamkeiten zwischen uns.“

Bartels: „Wir haben viel gemeinsam: Ein offener Atheist wird eher angefeindet. Das ist bei einem bekennenden Christen auch eher der Fall als bei jemandem, der lau ist.“ Frerk: „Bekennende Christen werden als ein bisschen blöd angesehen – wie kann man nur direkt an die Bibel glauben?

Wir Atheisten gelten eher als grimmig oder böse. Wir haben sogar überlegt, den Slogan zu nehmen: ‚Mama, hol die Wäsche rein, die Atheisten kommen.’ Wir denken übrigens darüber nach, ob sie nur in einem Abstand von drei Kilometern hinter uns herfahren dürfen.“ Bartels: „Wenn Sie solche Schritte erwägen – tun sie’s.“ Frerk: „Wir gucken uns jetzt mal an, wie Sie sich verhalten. Wir fahren keinen Kuschelkurs. Ich muss nicht alle Menschen lieben.“

„Gott ist kein Atheist“

Jetzt aber schnell in den Atheistenbus! An Bord sind drei Dutzend Sympathisanten, zwei Kamerateams vom ZDF und RTL, drei Fotografen und ein paar Schreiber. Platz wäre für 93 Personen. Ohne die Journalisten wäre der Bus ziemlich leer. Es ist ein Doppeldecker, wie ihn die Berliner Verkehrsbetriebe verwenden, Baujahr 1991, 204 PS. Er ist 11,53 Meter lang und mit einem Cabriodach ausgestattet.

Zugelassene Höchstgeschwindigkeit: 70 Stundenkilometer. Reiseführer der „kostenlosen atheistischen Stadtrundfahrt“ ist Michael Schmidt, Politologe, Jugendbildungsreferent und antifaschistischer Stadtführer.

Er beginnt mit Franz Naunyn, Berliner Oberbürgermeister von 1848 bis 1850, Märzrevolutionär und Mitglied einer freireligiösen Gemeinde. Aha!

Doch schon stockt der Bus: 5.000 Tamilen demonstrieren heute vor dem Rathaus gegen die Politik in ihrer Heimat Sri Lanka. „Man könnte sarkastisch sagen: Gott ist kein Atheist und hat uns die Tamilen auf den Hals gehetzt, damit wir unsere Route nicht fahren können“, sagt Reiseführer Schmidt. „Aber da wir nicht daran glauben, gehen wir davon aus, dass das ein dummer Zufall ist.“

Die Tamilen versperren die Straße, außerdem ist die Stadt grün-weiß, weil Werder Bremen im Pokalfinale steht. Der Bus schaukelt langsam voran.

Werbung


Aufklärung, Freidenkertum und Humanismus sind die Grundlagen der säkularen Bewegung, erklärt Schmidt. Der Mensch steht im Mittelpunkt und kann sein Leben auch ohne Gott gestalten. Der Bus steht im Stau und schafft etwa 100 Meter in der Minute. „Das ist totaler Mist“, schimpft Schmidt.
Er müsse einige Punkte von der Reiseroute streichen.

Warum lässt Gott das zu?

Drei Wochen soll der Bus unterwegs sein. Von Berlin geht es nach Rostock, Schwerin und Hamburg, weiter ins Münsterland, in den Ruhrpott, ins pietistische Württemberg und ins katholische Bayern, schließlich wieder nach Berlin. 50.000 Euro soll der „Heidenspaß“ kosten, 42.000 Euro sind an Spenden schon eingegangen.

Es ist kurz nach halb eins. Der Bus befindet sich immer noch am Alexanderplatz. „Ich bin in der Zwickmühle“, klagt Schmidt. „Stadtrundfahrt heißt ja, dass man das Medium ernst nimmt und wirklich da war. Sonst hätte man das ja auch im Park machen können.“ Schmidt referiert die Theodizeefrage: „Warum lässt Gott das zu?“. Dann jammert er wieder: „So schöne Pläne und dann kommt die Realität. Leider haben wir keinen Hubschrauber.“ Der Bus schiebt sich langsam am Alexanderplatz vorbei.

Kein Jenseits und kein Aufersteh'n

Am Rosa-Luxemburg-Platz spricht Schmidt über die atheistische Jugendweihe, den Lebenskundeunterricht und den Internationalen Freidenkerbund. Und er erwähnt, dass die Schrift „Kirche und Sozialismus“ der Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands Rosa Luxemburg (1871-1919) in der DDR nie erscheinen durfte. Der Bus hält kurz an einem roten Klinkerbau in der Danziger Straße. In dem ehemaligen Schulgebäude haben heute die „Jungen Humanisten“ ihren Sitz. Schmidt erzählt von den ersten weltlichen Schulen und vom Moral- statt Religionsunterricht in der Weimarer Republik. Ethik oder Religion? Die Diskussion gab es also schon vor 80 Jahren.

Und die Berliner? Die nehmen den Bus und seine Botschaft kaum wahr. Die Hauptstädter sitzen im Biergarten, lümmeln sich auf einer Wiese oder bummeln über Flohmärkte. Ein echter Atheist braucht keinen Atheistenbus.

Nächster Halt: Friedhof

Pappelallee. Alle steigen aus. Am Ausgang des Friedhofs steht: „Schafft hier das Leben gut und schön, kein Jenseits ist, kein Aufersteh'n.“ Angelegt wurde der Friedhof 1848 von Berlins freireligiöser Gemeinde. Die Gemeinschaft verzichtet auf Wunder und Bekenntnisse. Ihr Programm waren Menschenrechte, Toleranz und Humanismus. Einst hatte die Gemeinde 4.200 Mitglieder. Irgendwann gab es eine Abspaltung. Und heute? Da passiert nicht mehr viel. Man betreibt Traditionspflege, es gibt Schautafeln und Broschüren – und etwa 40 Aktive. Schmidt erklärt noch das Grab einer Frauenrechtlerin und eines Sozialdemokraten, dann geht es zurück zum Bus. „Das war ja fast so langweilig wie in der Kirche“, sagt ein Mitreisender, der der Giordano-Bruno-Stiftung angehört.

Evangelikale – durchgeknallte Christen

Das spürt auch Philipp Möller, der Pressesprecher des Atheistenbusses. Möller, 28, Grundschullehrer, Sohn eines katholischen Kirchenmusikers, ist eine Stimmungskanone. „Willkommen in unserem wunderschönen Atheistenbus“, begrüßt er die Reisegruppe. Möller erzählt die Geschichte der Buskampagne. In allen Städten Deutschlands wurde die Werbung abgelehnt, also musste ein eigener Bus her.

Gott ist für Möller ein unsichtbarer Babysitter, Evangelikale sind durchgeknallte Christen, und das Leben nach dem Tod ist ein Produkt, das von den Kirchen vermarktet wird. „Mit Seide stopft man keinen groben Sack“, sagt Möller. „Deshalb braucht es Leute wie Richard Dawkins, die messerscharf argumentieren.“ Der englische Evolutionsbiologe und Bestsellerautor („Der Gotteswahn“) steht hinter der Ursprungsidee der atheistischen Buskampagnen in Großbritannien.

Möller sehnt sich nach einem religionsfreien Leben. „Ich stelle mich ja auch nicht in meine Klasse und sage eins plus eins ist drei – das steht so in meinem 2.000 Jahre alten Mathebuch.“ Wer weiter glauben möchte, kann das selbstverständlich gerne tun – an das fliegende Spaghettimonster, an Kobolde, an was auch immer.

Wer glaubt, soll aber drei Regeln einhalten: Glauben ist keine Wahrheit. Und er darf nicht an Kinder weiter verkauft werden. Übt Euch schleunigst in Toleranz! Religion ist Privatsache. Sie muss privat finanziert und vom Staat getrennt sein. Wenn diese drei einfachen Regeln eingehalten würden, gäbe es auch keine Buskampagne. Die Mitfahrer klatschen Beifall. Mittlerweile ist die Reisegesellschaft im Wedding angekommen. Zu besichtigen ist nun ein Krematorium, Berlins erste Leichenverbrennungsanstalt. Sie wurde 1912 auf Initiative der freireligiösen Gemeinde eröffnet.

Die Kirche und der Schnupfen

Vor dem Krematorium kommt es zu einem kurzen Scharmützel zwischen Möller und einem Christen, der bis dahin inkognito an der Busfahrt teilgenommen hat. Die Diskussion wird schnell hitzig; es geht um nicht weniger als um die Gottesfrage. Es fällt schwer, den Überblick zu behalten. Schließlich sagt Möller: „Auf diese Diskussion will ich mich nicht mehr einlassen.“ Alles marschiert zurück zum Bus. Möller zündet sich eine Zigarette an.

Sein Kampfgeist ist jetzt geweckt. Auf dem Weg zum Bus schleudert er eine Sentenz nach der anderen heraus: Hätte die Kirche die Wissenschaft weiter so unterdrückt, würden wir heute alle mit 15 an Schnupfen sterben, weil wir nicht geimpft sind. / Theologie ist die Lehre von Gott, also die einzige Wissenschaft ohne Gegenstand. / Wenn die Leute die Bibel wirklich lesen würden, gäbe es fast nur noch Ungläubige.

Vielleicht sollten wir mehr Bibeln verteilen. / Religion bringt den Menschen Frieden. Wer das nicht glaubt, wird gemobt.
Die Kirchen haben zu viel Einfluss, beklagt Möller. Gehälter und Aktivitäten werden zum Großteil vom Staat bezahlt.

Die Kirchen liegen auf den Taschen aller, zugunsten der wenigen, die sie noch besuchen. Reiseführer Schmidt kommt noch mal zu Wort. Er zitiert Karl Marx’ „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Die Arbeiterbewegung habe nun nicht mehr in der Kirche sondern im Sozialismus ihr Heil gesucht. Aber da hört kaum noch einer zu.

Der Bus fährt nun Richtung Bertolt-Brecht-Haus. Der Dichter wird als Prophet einer atheistischen Welt angekündigt.
Atheismus hat wenig zu bieten
Das ist also alles, was der Atheismus zu bieten hat: Einen Friedhof, ein Krematorium und das Brecht-Haus. Es ist halb vier, der Bus nähert sich wieder dem Ausgangspunkt am Roten Rathaus.

Möller weist auf den Bus der Konkurrenz hin. „Und wenn es Gott doch gibt…“, steht darauf. „Wenn es Gott doch gibt, dann haben wir alle am Lebensende ein ziemlich großes Problem“, sagt Möller. „Aber vielleicht will Gott ja auch, dass wir nicht an ihn glauben.“
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