
Vatikan (kath.net)
Kath.Net: Was schätzen Sie ganz persönlich am Heiligen Paulus?
Kardinal Kasper: An Paulus beeindruckt mich besonders seine Christusverbundenheit. Von Christus her, mit ihm und in ihm zu leben war ihm seit seiner Damaskuserfahrung alles. Das ist die Mitte christlicher Existenz. Diese Christusverbundenheit kommt für mich am ansprechendsten in meinem „Lieblings-Paulus-Brief, dem Brief an die Philipper, zum Ausdruck: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn.“
Kath.Net: Warum denken Sie, dass der Heilige Vater der Kirche ein Paulus-Jahr geschenkt hat?
Kardinal Kasper: In der gegenwärtigen, teilweise krisenhaften Glaubenssituation kommt es darauf an, uns nicht an rasch wechselnden Moden zu orientieren sondern uns auf die apostolischen Ursprünge und Grundlagen zu besinnen und uns von dorther Erneuerung des Glaubens und neue Freude am Glauben schenken zu lassen. Nur dann können wir glaubwürdige Zeugen des Glaubens sein.
Kath.Net: Papst Benedikt XVI. hat bei der Feier zur Eröffnung des Paulusjahres gemeint "Paulus will mit uns reden - heute". Was möchte uns der Hl. Paulus heute sagen?
Kardinal Kasper: Dazu wäre sehr vieles zu sagen. Ich möchte nur einen Gesichtspunkt aus dem Römerbrief herausgreifen: Die existentielle Bedeutung des Glaubens. Er sagt uns, dass uns nichts scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus offenbar geworden ist. Da kann sein und kommen was mag, wir sind in Gottes Liebe geborgen. Als Christen brauchen wir nie die Hoffnung verlieren.
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Kath.Net: Kann man aufgrund der Fülle der Paulus-Schreiben im Neuen Testament eigentlich von einer eigenen Paulus-Theologie sprechen? Was ist das
Wesentlich an "seiner Lehre"?
Kardinal Kasper: Die verschiedenen Paulus-Briefe sind jeweils als Antwort auf konkrete Situationen seiner Gemeinden entstanden. Es gibt aber durchgehende Linien und Motive, die für die Theologie des Apostels kennzeichnend sind: Die von überanstrengter Selbst-rechtfertigung und Angst befreiende Botschaft, dass wir durch Jesus Christus im Glauben gerecht gemacht und zum neuen Leben berufen sind. So kann Paulus im Brief an die Philipper, obwohl er diese im Gefängnis geschrieben hat, dennoch gleich drei Mal zur Freude aufrufen, die mehr ist als oberflächliche Fröhlichkeit.
Kath.Net: Wie wichtig ist der Hl. Paulus für die Ökumene?
Kardinal Kasper: Seine Briefe sind schlechterdings grundlegend für die Ökumene. Sie sind allen Kirchen gemeinsam und sind die gemeinsame Basis. Sie können uns das, was wir ökumenisch gemeinsam haben, neu bewusst machen und stärken. Vor allem sagen sie uns, dass die Kirche wesentlich eins ist und daß wir deshalb die Spaltungen nicht als gegeben hinnehmen dürfen, dass sie vielmehr ein Skandal sind.
Kath.Net: Der Heilige Vater hat auch darauf hingewiesen, dass der Hl. Paulus durchaus auch als "streitbarer Mann" hingestellt wurde und es Auseinandersetzungen auf seinem Weg als Apostel nicht gefehlt hat. "Die Wahrheit war ihm zu groß, als daß er bereit gewesen wäre, sie für den äußeren Erfolg zu opfern", so Papst Benedikt zur Eröffnung des Paulusjahres. Sind wir in der heutigen Kirche nicht zu harmoniesüchtig? Würde Paulus, ein Mann der kräftigen Worte, heute Gehör finden?
Kardinal Kasper: Sicher würde Paulus auch heute anecken. Ihm war es wichtig, dass das Ärgernis des Kreuzes, in dem allein Heil ist, nicht entleert wird. Auch heute können sich die christliche Botschaft und das Christsein nicht stromlinienförmig anpassen. Man muss zur Wahrheit stehen, ob gelegen oder ungelegen. Dabei hat die christliche Alternative zu dem, was „man“ gewöhnlich sagt und tut, eine produktive Bedeutung. Sie zeigt die Alternative auf, und ist als Befreiung vom Bann des scheinbar Selbstverständlichen ein Ruf zur Freiheit. Diesen christlichen Freimut des Apostels brauchen wir heute ganz besonders.

Foto: (c) Christoph Hurnaus Weitersagen: |