
Rom (kath.net/Zenit.org) Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hielt am Dienstag anlässlich der Veröffentlichung des 42. Bandes der Reihe „Aspenia“ (Aspen Institute Italy) einen Vortrag über das Verhältnis von Religion und Politik im globalisierten Zeitalter. Das amerikanische Aspen-Institut besitzt ein internationales Netzwerk von unabhängigen Dependancen in Deutschland, Italien, Frankreich, Rumänien, Indien und Japan. Es organisiert eine Reihe von Konferenzen und Tagungen zu aktuellen Themen in Wirtschaft, Politik und Kultur.
In seinem Vortrag zeigte sich Bertone über eine gewisse „Übereinstimmung“ hinsichtlich der Tatsache erfreut, dass „im globalisierten Zeitalter die Politik und der Markt nicht alles sind. Sie sind ein Mittel, nicht das Ziel.“ Der Kardinal beteuerte, dass er nie mit jenen einverstanden gewesen sei, die die Meinung vertreten, Politik sei unnütz, da sie verspreche, auch dort Brücken zu schlagen, wo kein Fluss ist. Um echte Werte zu vermitteln, sei es vielmehr notwendig, die „Brücke“ zu achten, die einen jeden dieser Werte mit Gott verbinde.
Politiker könnten nicht arbeiten „etsi Deus non daretur – als ob es Gott nicht gäbe“, bekräftigte Kardinal Bertone. Auch wenn die Aufgaben verschieden seien, bedürfe die Politik der Religion. Werde hingegen Gott ignoriert, so beginne die Fähigkeit zu schwinden, das Recht zu achten und das Gemeinwohl zu erkennen.
Davon kündeten die tragischen Folgen aller politischen Ideologien. Auch die aktuelle Finanzkrise sei ein Zeugnis dafür, so Bertone. „Dort, wo nur der schnelle Profit gesucht wird und dieser gleichsam mit dem Guten identifiziert wird, kommt es dazu, dass sich der Profit selbst aufhebt.“
Es gebe eine „laikale Ethik“, die Aufmerksamkeit und Achtung verdiene und oft auf das Gemeinwohl ausgerichtet sei. Diese „laikale“ Ethik laufe aber Gefahr, einem Mann zu ähneln, der sich an den eigenen Haaren aus dem Treibsand herausziehen will.
Inspiriere man sich nicht an der Transzendenz, stehe der Mensch mit seiner Gebrechlichkeit und seinem Zweifel alleine da. „Aus diesem Grund steht trotz der Tatsache, dass die unverletzlichen Rechte der Person in unserem Zeitalter besonders feierlich verkündet werden, diesen edlen Proklamationen oft eine tragische Negation entgegen.“
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Kardinal Bertone betonte, dass die Religion weder ein „Heilmittel“ noch „Opium für die Armen“ sei. Während Reichtum und Macht oft eine starke Versuchung darstellten, da es schwierig sei, mit ihnen umzugehen, ohne sich ihnen mit Leib und Seele zu verschreiben, müsse auch festgehalten werden, dass die Armut ebenfalls dazu führen könne, auf Gott zu verzichten.
Um sich recht mit der Globalisierung auseinanderzusetzen, bedürfe die Politik nicht nur einer von der Religion inspirierten Ethik; es sei vielmehr erforderlich, dass diese Religion vernünftig sei. Auch aus diesem Grund benötige die Politik das Christentum.
„Die Kraft, die das Christentum in eine Weltreligion verwandelt hat, bestand genau in seiner Synthese von Vernunft, Glauben und Leben“, so der Kardinalstaatsekretär. Gerade diese Kombination habe die Religion, die sie offenbart habe, wahr gemacht. Sie sei auch jene Kombination, die es der Wahrheit des Christentums gestatten könne, in der globalisierten Welt zu leuchten.
Das Christentum begnüge sich nicht damit, jenen Teil des Antlitzes Gottes zu zeigen, der nach Westen gerichtet sei. Sein Wesen erstrecke sich über die ganze Welt. Somit entspreche es vollkommen der heutigen globalisierten Welt. Der Kardinal bekräftigte: „Der christliche Glaube ist nicht eine Art abendländisches und ein wenig überholtes ‚Optional’, sondern vielmehr ein Schatz für die Welt der Gegenwart und eine Anlage für die Zukunft.“
Somit ist es für Bertone gebührend und legitim, dass die Christen an der öffentlichen Debatte Anteil nehmen. Andernfalls würden die Kriterien Gleichheit und Gegenseitigkeit verletzt, die an der Basis des Begriffs der politischen Gerechtigkeit stünden.
„Die Religion ist nicht wie das Rauchen, das im Privatbereich tolerieren werden kann, aber im öffentlichen Raum strengen Beschränkungen zu unterwerfen ist“, so der Kardinal. Dies komme im vorgestellten Buch deutlich zum Ausdruck, auch wenn in einigen Beiträgen die gegenteilige Position vertreten werde. Mit einem Hauch Ironie merkte der Kardinal an, dass dies an eine alte, von der Zeit schwer in Mitleidenschaft gezogene Fahne erinnere, die wie alle anderen „Flaggen“ nicht so ohne Weiteres wieder eingezogen werden könnten.
Das Christentum unterscheide von jeher zwischen der religiösen und der politisch-sozialen Sphäre, fuhr der Kardinal fort. Darin bestehe der Sinn vom Begriff der „gesunden Laizität“. Und diese „gesunde Laizität“ habe das Christentum sogar noch vor dem Staat entdeckt.
Das Christentum fördert nach Worten Bertones Werte, die nicht mit dem Etikett „katholisch“ versehen werden dürften. Es handle sich vielmehr um Werte, die der Natur des Menschen entsprächen. Wer diese Werte hege und stärke, tue dies nicht aus konfessionellen Gründen, sondern in dem einfachen Bewusstsein, dass die Legalität ihre letzte Verwurzelung in der Moral finde. Will Moral echt menschlich sein, müsse sie die Botschaft achten, die aus der menschlichen Natur hervorgehe. Denn in den Menschen sei auch sein „Sollen“ eingeschrieben.
In einer Demokratie sei die Achtung der anderen Positionen geboten. Akzeptiere man jedoch Entscheidungen, die mit der menschlichen Natur nicht zu vereinbaren sind, so richte sich das gegen die menschliche Würde.
Die Nichtverhandelbarkeit wichtiger Prinzipien wie Lebensschutz, Schutz von Ehe und Familie und die Erziehung der Kinder hänge nicht von der Kirche oder einer angeblichen geistlichen Verschlossenheit ab, sondern von der menschlichen Natur selbst. „Die Natur des Menschen wird weder durch parlamentarische Mehrheiten noch durch das Vergehen der Zeit geändert.“
Wenn sich die Kirche zu diesen Problemen äußere, tue sie dies nicht, um sich in etwas „einzumischen“, das nicht in ihre Kompetenz fiele. Die Kirche wolle vielmehr helfen, ein rechtes und aufgeklärtes Gewissen zu entwickeln, das so freier und verantwortlicher werde.
Die Kirche sei nicht auf der Suche nach „Popularität“, da Christus sie zum Dienen in die Welt gesandt habe und nicht zum Bedientwerden. Die Kirche wolle überzeugen und die Gläubigen und Menschen guten Willens auf die Gefahren hinweisen, in die der Mensch gerate, wenn er sich von der Wahrheit über sich selbst entfernt.
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