
Vallendar (www.kath.net)
Heftige Kritik an einer übersteigerten Gesundheits- und Wellness-Mentalität hat der Kölner Mediziner, Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz geübt. „Wir leben im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion: Halbgötter in Weiß, Wallfahrten zum Spezialisten, Krankenhäuser als die Kathedralen unserer Zeit“, sagte er beim jüngsten Akademietag der Pallottiner am Wochenende in Vallendar, wie das Bistum Trier bekannt gab.
Lütz ist Chefarzt am Alexianer-Krankenhaus in Köln-Porz sowie Mitglied des Päpstlichen Rates für die Laien, der Päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation. Nach Ansicht des Mediziners richtet sich die religiöse Ursehnsucht der Menschen nach ewigem Leben und ewiger Glückseligkeit heute „unbewusst, aber um so machtvoller an die Medizin und die Psychotherapie“.
Werbung
Dabei sei das Gesundheitswesen mit derlei Begehrlichkeiten völlig überfordert, zumal niemand genau wisse was Gesundheit eigentlich genau sei. Gesundheit sei zu einer Art „Ersatzreligion“ geworden. Keine Geburtstagsansprache komme ohne die Bemerkung aus, dass die Gesundheit doch „das höchste Gut“ sei.
Die Gesundheit genieße maximale religiöse Verehrung. Politiker müssten alles für die Gesundheit, das Gesundheitswesen tun, obwohl das, ernstgenommen, zum sofortigen finanziellen Zusammenbruch des Systems führen würde. Erst durch eine nüchterne und realistische Abwägung des hohen, aber nicht „höchsten Gutes“ Gesundheit werde Gesundheitspolitik wieder möglich. „Ein ewiges Leben auf Krankenschein gibt es nicht“, so Lütz.
Die heutige „Gesundheitsreligion“ nannte der Mediziner „eine gigantische Anleitung zum Unglücklichsein“. Um den Tod zu vermeiden hetzten Menschen von Arzt zu Arzt, quälten sich bei Stadtmarathons oder äßen unschmackhafte Sättigungsbeilagen – kurzum, Menschen nähmen sich das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit.
Es gebe Menschen, die von morgens bis abends nur noch vorbeugend leben würden, um dann gesund zu sterben. Doch auch wer gesund sterbe, sei definitiv tot. „Nur dadurch dass wir sterben wird jeder Moment unseres Lebens unwiederholbar wichtig und kostbar“, betonte Lütz. „Die unvermeidlichen Grenzsituationen annehmen, das ist wahre Lebenskunst.“
|