
Köln (www.kath.net)
Frage: Als der Papst im Sommer einen Bischof der traditionalistischen
Piusbruderschaft empfing, wurde die Hoffnung laut, der Papst könne nun endlich jedem Priester gestatten, die klassische Liturgie zu feiern, und dann
könne man ohne Probleme das Schisma zwischen den Traditionalisten und Rom
beilegen. Wie darf man die derzeitige Lage einschätzen?
Berger: So erfreulich und notwendig eine Beilegung dieses Streits wäre, dies
ist viel zu einfach gedacht. Natürlich wäre es zu begrüßen, würde die
klassische Liturgie endlich vom Ruch des Verbotenen bzw. der Unvereinbarkeit
mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil befreit. Der jetzige Papst hat dies ja
zu seiner Zeit als Kardinal immer wieder mehr oder weniger direkt gefordert.
Aber eine Lösung des Problems des nachkonziliaren Traditionalismus würde
dies nur teilweise befördern.
Frage: Worin liegt denn dieses Problem genau?
Berger: Es beginnt bereits sehr anschaulich bei dem als Selbstbezeichnung
fungierenden Begriff "Traditionalismus": der Traditionalismus war eine
Irrlehre, die das Erste Vatikanische Konzil eindeutig verurteilt hat. Sein
Kern bestand in einem falschen Begriff von Tradition. Und eben das verbindet
die beiden Traditionalismen miteinander. Tatsächlich haben wir hier einen
sehr engen und undifferenzierten Traditionsbegriff.
Die von allen großen
Kirchenlehrern beschriebene lebendige Entfaltung des depositum fidei will
man bei dem postkonziliaren Traditionalismus nicht oder nur eingeschränkt
sehen: So friert man diese Entfaltung bei der Lehre von der
Religionsfreiheit in den Tüten der Formulierungen des 19. Jahrhunderts ein.
Und sieht nicht, wie sich die Welt verändert hat und die katholische Kirche
darauf mit einer Modifizierung der veränderlichen Teile der Lehre unter
Beibehaltung der Integrität der Substanz reagieren musste. Dies hat sie ja
dann im Zweiten Vatikanum tatsächlich getan. Aber was machen die
"Traditionalisten"? Sie ziehen zu ihrer Interpretation des Konzils die
extremsten progressistischen Interpreten heran, die genauso wie die
Traditionalisten daran interessiert sind, dessen Texte als Traditionsbruch
und nicht, wie Rom, im Lichte der Tradition zu lesen, um damit ein
theoretisches Fundament ihres Ungehorsams zu gewinnen.
So berühren sich hier
die Extreme und die Traditionalisten liegen sich auf einmal mit Hans Küng,
Giuseppe Alberigo und Karl Rahner in den Armen ...
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Frage: Aber interessieren diese komplizierten Fragen die Gläubigen, die sich
der Piusbruderschaft u.ä. sich mit Rom im Schisma befindlichen Gruppen
zuwenden, überhaupt?
Berger: Nein, natürlich nicht wirklich. An intellektueller
Auseinandersetzung ist man dort nicht sehr interessiert. Im Vulgär- oder
Stammtischtraditionalismus äußert sich dieser enge Traditionsbegriff dann
aber so, dass man generell alles, was sich nach den 50er Jahren entwickelt
hat, als "Modernismus" und "Sodom und Gomorra" ablehnt, angefangen von
neueren Kirchenliedern bis hin zum Tragen von Jeans-Hosen im Gottesdienst
durch weibliche Gläubige. Dabei darf man freilich nicht übersehen, dass
diese Gläubigen ein legitimes Anliegen haben: nämlich die katholische Lehre
unverkürzt verkündet zu bekommen und den Gottesdienst wirklich als das
Heilige der übernatürlichen Welt Widerspiegelnde zu erleben. Dass dieses
Bedürfnis in den letzten Jahrzehnten zu oft missachtet wurde, hat die
traditionalistische Bewegung deutlich gefördert. Dies sieht man sehr gut
daran, dass sie in jenen Ländern (Deutschland, Frankreich, USA usw.), wo die
katholische Kirche zu oft eine gespaltene Stellung zu den Vorgaben Roms
eingenommen hat, am meisten Erfolge verzeichnen kann.
Frage: Sie sprechen von "Vulgärtraditionalismus": was meinen Sie damit?
Berger: Man kann durchaus eine sehr kleine Gruppe sehr gut gebildeter und
differenzierter argumentierender Traditionalisten von der großen Gruppe der
sich selbst als "Traditionalisten" bezeichnenden Gläubigen unterscheiden.
Letztere sind es, welche die traditionalistischen Institutionen finanzieren
und entsprechend in "Stimmung" gehalten werden müssen. Dazu gehört es, dass
man echte oder vermeintliche Skandale der "V-II-Kirche" im Stile des
Vulgärjournalismus künstlich hoch kocht. So regt man sich dann zum Beispiel
ein halbes Jahr darüber auf, dass bei einer Sühnewallfahrt der
Piusbruderschaft nach Fatima im dortigen Heiligtum der Teppich gesaugt
wurde, was dann wieder eine erneute Sühnewallfahrt nötig macht und Attacken
auf den dortigen Wallfahrtdirektor zur Folge hat ... Leider geschieht dies
alles häufig auch unter bewusstem In-die-Welt-Setzen von Gerüchten sowie
Verschwörungstheorien (Freimaurer usw.) und Inkaufnahme von schiefen
Vorurteilen und Halbwahrheiten.
Da letzteres juristische Folgen haben
könnte, wählt man die Anonymität oder Pseudonyme (die die schmale personelle
Decke zudem größer aussehen lassen) und als Medium bevorzugt man meistens
das Internet. Zum Marktführer einer solch demagogischen Berichterstattung
hat sich in den letzten Monaten eine vermeintlich "anonyme" Website entwickelt.
Frage: Kann es unter diesen Bedingungen überhaupt eine Lösung des Problems
geben?
Berger: Eine Lösung im Sinne eines vollkommenen Verschwindens
traditionalistischer Sondergruppen kaum. Wie die immer neuen Abspaltungen
etwa von der Piusbruderschaft und das Entstehen kleiner Grüppchen zeigen,
die den Papst als "Anti-Christen" bezeichnen, Sedisvakanzen ausrufen und in
Hinterhöfen des Ruhrgebiets "Päpste" krönen und Bischöfe im alten Ritus
weihen, "damit die Kirche fortbestehe".
Diese Grüppchen sind sowohl
qualitativ wie quantitativ vernachlässigbar: wie sie entstanden sind,
vergehen sie wieder. Aber ich denke, eine extreme Minimalisierung des
umfassenderen Problems könnte dann eintreten, wenn sich zum einen in Rom und
noch mehr in den einzelnen Ländern die Interpretation des Konzils im Licht
der Tradition endlich nachhaltig und mit den entsprechenden Konsequenzen
durchsetzt und man gegen glaubenszerstörende Aktionen und liturgische
Missbräuche ehrlich, aber hart vorgeht. Mir scheint, alle Signale, die der
neue Pontifex in den letzten Monaten gesetzt hat, deuten auch auf eine solch
kluge und nachhaltige Lösung hin.
Dr.habil. David Berger ist Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl.
Thomas von Aquin sowie Vizepräsident der Deutschen Thomas-Gesellschaft e.V.
und Herausgeber des internationalen thomistischen Jahrbuchs www.doctor-angelicus.de |