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12. Januar 2006, 22:50
Über den 'Vulgärtraditionalismus'














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  THEMA 'Traditionalisten'

KATH.NET-Interview mit Dr. David Berger, Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin, über den Traditionalismus: "Eine Irrlehre, die das Erste Vatikanische Konzil eindeutig verurteilt hat"

Köln (www.kath.net)
Frage: Als der Papst im Sommer einen Bischof der traditionalistischen Piusbruderschaft empfing, wurde die Hoffnung laut, der Papst könne nun endlich jedem Priester gestatten, die klassische Liturgie zu feiern, und dann könne man ohne Probleme das Schisma zwischen den Traditionalisten und Rom beilegen. Wie darf man die derzeitige Lage einschätzen?

Berger: So erfreulich und notwendig eine Beilegung dieses Streits wäre, dies ist viel zu einfach gedacht. Natürlich wäre es zu begrüßen, würde die klassische Liturgie endlich vom Ruch des Verbotenen bzw. der Unvereinbarkeit mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil befreit. Der jetzige Papst hat dies ja zu seiner Zeit als Kardinal immer wieder mehr oder weniger direkt gefordert. Aber eine Lösung des Problems des nachkonziliaren Traditionalismus würde dies nur teilweise befördern.

Frage: Worin liegt denn dieses Problem genau?

Berger: Es beginnt bereits sehr anschaulich bei dem als Selbstbezeichnung fungierenden Begriff "Traditionalismus": der Traditionalismus war eine Irrlehre, die das Erste Vatikanische Konzil eindeutig verurteilt hat. Sein Kern bestand in einem falschen Begriff von Tradition. Und eben das verbindet die beiden Traditionalismen miteinander. Tatsächlich haben wir hier einen sehr engen und undifferenzierten Traditionsbegriff.

Die von allen großen Kirchenlehrern beschriebene lebendige Entfaltung des depositum fidei will man bei dem postkonziliaren Traditionalismus nicht oder nur eingeschränkt sehen: So friert man diese Entfaltung bei der Lehre von der Religionsfreiheit in den Tüten der Formulierungen des 19. Jahrhunderts ein. Und sieht nicht, wie sich die Welt verändert hat und die katholische Kirche darauf mit einer Modifizierung der veränderlichen Teile der Lehre unter Beibehaltung der Integrität der Substanz reagieren musste. Dies hat sie ja dann im Zweiten Vatikanum tatsächlich getan. Aber was machen die "Traditionalisten"? Sie ziehen zu ihrer Interpretation des Konzils die extremsten progressistischen Interpreten heran, die genauso wie die Traditionalisten daran interessiert sind, dessen Texte als Traditionsbruch und nicht, wie Rom, im Lichte der Tradition zu lesen, um damit ein theoretisches Fundament ihres Ungehorsams zu gewinnen. So berühren sich hier die Extreme und die Traditionalisten liegen sich auf einmal mit Hans Küng, Giuseppe Alberigo und Karl Rahner in den Armen ...

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Frage: Aber interessieren diese komplizierten Fragen die Gläubigen, die sich der Piusbruderschaft u.ä. sich mit Rom im Schisma befindlichen Gruppen zuwenden, überhaupt?

Berger: Nein, natürlich nicht wirklich. An intellektueller Auseinandersetzung ist man dort nicht sehr interessiert. Im Vulgär- oder Stammtischtraditionalismus äußert sich dieser enge Traditionsbegriff dann aber so, dass man generell alles, was sich nach den 50er Jahren entwickelt hat, als "Modernismus" und "Sodom und Gomorra" ablehnt, angefangen von neueren Kirchenliedern bis hin zum Tragen von Jeans-Hosen im Gottesdienst durch weibliche Gläubige. Dabei darf man freilich nicht übersehen, dass diese Gläubigen ein legitimes Anliegen haben: nämlich die katholische Lehre unverkürzt verkündet zu bekommen und den Gottesdienst wirklich als das Heilige der übernatürlichen Welt Widerspiegelnde zu erleben. Dass dieses Bedürfnis in den letzten Jahrzehnten zu oft missachtet wurde, hat die traditionalistische Bewegung deutlich gefördert. Dies sieht man sehr gut daran, dass sie in jenen Ländern (Deutschland, Frankreich, USA usw.), wo die katholische Kirche zu oft eine gespaltene Stellung zu den Vorgaben Roms eingenommen hat, am meisten Erfolge verzeichnen kann.

Frage: Sie sprechen von "Vulgärtraditionalismus": was meinen Sie damit?

Berger: Man kann durchaus eine sehr kleine Gruppe sehr gut gebildeter und differenzierter argumentierender Traditionalisten von der großen Gruppe der sich selbst als "Traditionalisten" bezeichnenden Gläubigen unterscheiden.

Letztere sind es, welche die traditionalistischen Institutionen finanzieren und entsprechend in "Stimmung" gehalten werden müssen. Dazu gehört es, dass man echte oder vermeintliche Skandale der "V-II-Kirche" im Stile des Vulgärjournalismus künstlich hoch kocht. So regt man sich dann zum Beispiel ein halbes Jahr darüber auf, dass bei einer Sühnewallfahrt der Piusbruderschaft nach Fatima im dortigen Heiligtum der Teppich gesaugt wurde, was dann wieder eine erneute Sühnewallfahrt nötig macht und Attacken auf den dortigen Wallfahrtdirektor zur Folge hat ... Leider geschieht dies alles häufig auch unter bewusstem In-die-Welt-Setzen von Gerüchten sowie Verschwörungstheorien (Freimaurer usw.) und Inkaufnahme von schiefen Vorurteilen und Halbwahrheiten.

Da letzteres juristische Folgen haben könnte, wählt man die Anonymität oder Pseudonyme (die die schmale personelle Decke zudem größer aussehen lassen) und als Medium bevorzugt man meistens das Internet. Zum Marktführer einer solch demagogischen Berichterstattung hat sich in den letzten Monaten eine vermeintlich "anonyme" Website entwickelt.

Frage: Kann es unter diesen Bedingungen überhaupt eine Lösung des Problems geben?

Berger: Eine Lösung im Sinne eines vollkommenen Verschwindens traditionalistischer Sondergruppen kaum. Wie die immer neuen Abspaltungen etwa von der Piusbruderschaft und das Entstehen kleiner Grüppchen zeigen, die den Papst als "Anti-Christen" bezeichnen, Sedisvakanzen ausrufen und in Hinterhöfen des Ruhrgebiets "Päpste" krönen und Bischöfe im alten Ritus weihen, "damit die Kirche fortbestehe".

Diese Grüppchen sind sowohl qualitativ wie quantitativ vernachlässigbar: wie sie entstanden sind, vergehen sie wieder. Aber ich denke, eine extreme Minimalisierung des umfassenderen Problems könnte dann eintreten, wenn sich zum einen in Rom und noch mehr in den einzelnen Ländern die Interpretation des Konzils im Licht der Tradition endlich nachhaltig und mit den entsprechenden Konsequenzen durchsetzt und man gegen glaubenszerstörende Aktionen und liturgische Missbräuche ehrlich, aber hart vorgeht. Mir scheint, alle Signale, die der neue Pontifex in den letzten Monaten gesetzt hat, deuten auch auf eine solch kluge und nachhaltige Lösung hin.

Dr.habil. David Berger ist Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin sowie Vizepräsident der Deutschen Thomas-Gesellschaft e.V. und Herausgeber des internationalen thomistischen Jahrbuchs www.doctor-angelicus.de

   

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