
Linz (www.kath.net)
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des neuen Harry-Potter-Bandes gab
es in den Medien widersprüchliche Berichte über die Meinung von Papst Benedikt XVI. zu diesem Thema. Für breite Diskussionen sorgten die Briefe von Kardinal Josef Ratzinger an Gabriele Kuby, in dem der jetzige Papst
Harry Potter klar verurteilt, und das vor wenigen Tagen durchgeführte
Interview von "Radio Vatikan" mit Msgr. Peter Fleetwood vom Päpstlichen Rat
für die Kultur. Fleetwood hat in dem Interview die Briefe von Ratzinger an
die deutsche Schriftstellerin relativiert und gemeint, dass dies "eine
Standardantwort" sei. In einem KATH.NET vorliegenden Brief kritisiert Kuby
die Aussagen von Peter Fleetwood.
Der Brief von Gabriele Kuby vom 19. Juli 2005 im Wortlaut:
Offener Brief an
Msgr. Peter Fleetwood
Sehr geehrter Msgr. Fleetwood,
ich habe eine Niederschrift Ihres Interviews mit Vatican Radio, Programm
105live vom 14. Juli 2005 erhalten. Darin sagen Sie:
Interview mit Msgr. Peter Fleetwood mit Vatican Radio, Programm 105live am
14. Juli 2005:
"Mir wurde von einer Dame aus Deutschland ein Brief geschickt, in dem
sie behauptet, sie hätte an den damaligen Kardinal Ratzinger geschrieben und
mitgeteilt, dass sie Harry Potter für eine schlechte Sache halte. Und das
Antwortschreiben, von dem ich glaube, dass es von einem Assistenten im Büro
des damaligen Kardinals Ratzinger, der Glaubenkongregation, geschrieben war,
wird vermutet, dass es eine subtile Verführung in den Büchern geben könne.
Was diese subtile Verführung sei, wurde nicht ausgeführt, weshalb ich
glaube, dass es eine Standardantwort war. Und sie hatte ein Buch über dieses
Thema geschrieben, und so war die Unterschrift des Kardinals am Ende dieses
Schreibens, in dem vorgeschlagen wurde, mir das Buch zu schicken."
"Ich glaube, man muss ganz gelassen sein, wenn man kulturelle Phänomene
beurteilt. Ich habe ein komisches Gefühl, dass es der Erfolg von Rowling
ist, der manche Leute in die Gänge bringt. Ist es eine Art Neid? Ich weiß es
nicht. Aber warum sie so wütend auf sie geworden sind, verstehe ich einfach
nicht."
Am 19. Juli verbreitet die österreichische Nachrichtenagentur Kathpress
folgende Nachricht:
"Vor Fehlinformationen über die Haltung des Vatikans zum Bucherfolg
"Harry Potter" hat Msgr. Peter Fleetwood, Konsultor des Päpstlichen
Kultur-Rates, gewarnt. Fleetwood war vom heutigen Papst, als dieser noch als
Kardinal Joseph Ratzinger Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation
war, mit der Untersuchung des Phänomens "Harry Potter" beauftragt worden."
Ich widerspreche Ihren Behauptungen, weil sie unwahr sind. Ich bedauere,
dass ich dies nur beweise kann, wenn ich aus der diesbezüglichen
Korrespondenz zitiere.
Dies ist der Vorgang:
In der Pressekonferenz des Vatikan am 2. Februar 2003, auf der das New
Age-Dokument "Jesus Christus, Träger des lebendigen Wassers" vorgestellt
wurde, fragte Sie der Journalist John Allen, ob die Sorge des neuen
Dokumentes über Magie und Hexerei auch die Magie und Hexerei betreffe, wie
sie in den Harry Potter Büchern der britischen Autorin JH. K. Rowling
dargestellt werde.
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Fax von Peter Fleetwood an den Päpstlichen Rat für die Kultur vom 6. Februar 2003:
"Dies war eindeutig keine Frage, die das New Age-Dokument betroffen hat,
sondern ein Versuch, einen Treffer zu landen und in die Schlagzeilen zu
kommen. Im Laufe der Woche erfüllten sich die Hoffnungen Allens weit über
seine Erwartungen hinaus. Mir - der ich Allens Frage beantwortet hatte - erscheinen einige dieser Schlagzeilen als recht bizarr. Es ist ein reiner
Trick journalistischer Willkür, Schlagzeilen zu benutzen wie ,Vatikan gibt
grünes Licht für Harry Potter' oder zu behaupten, dass New Age zwar schlecht sei, Harry Potter aber gut. Ich habe
auch nie gesagt, Rowlings Bücher wären mit christlichen Prinzipien getränkt.
Was ich sagte, war, dass sie für Kinder den Unterschied zwischen gut und
böse betonen sollen, und Rowlings Überzeugung, dass am Ende immer das Gute
über das Böse siegen werde."
Weiter unten sagen Sie:
"Was die Äußerungen Pater Amorths über Harry Potter angeht, so muss man
sich daran erinnern, dass das, was er gesagt haben soll, seine Meinung ist.
Wie meine, ist sie etwas Persönliches und hat nicht mehr oder weniger
Autorität als das, was ich denke."
Diese "bizarren Schlagzeilen", waren der Grund, warum ich mein Buch gegen
Harry Potter an Kardinal Ratzinger, den damaligen Präfekten der
Glaubenskonkregation geschickt habe, der mein Engagement für die Erneuerung
des katholischen Glaubens unterstützt hatte, indem er sich zu meinen
früheren Büchern sehr wohlwollend geäußert hatte. Ich schrieb an Kardinal
Ratzinger am 20. Februar 2003:
Brief von Gabriele Kuby an Kardinal Ratzinger am 20. Februar 2003:
"Daß es in der Kirche Verwirrung über Harry Potter gibt und diese Bücher
in den meisten Pfarrbibliotheken zu finden sind, ist schlimm genug, denn sie
stellen Fluchen, perverse magische Praktiken bis hin zu einem auf 30 Seiten
geschilderten satanischen Blutritual als normalen Alltag dar. Daß es aber
nun heißen kann: 'Der Vatikan gibt grünes Licht für Harry Potter', ist
niederschmetternd."
Die Antwort von Kardinal Ratzinger am 7. März 2003:
Sehr geehrte, liebe Frau Kuby!
Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 20. Februar und für das
lehrreiche Buch, das Sie beigelegt haben. Es ist gut, dass Sie in Sachen
Harry Potter aufklären, denn dies sind subtile Verführungen, die unmerklich
und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen,
ehe es überhaupt recht wachsen konnte."
Ich möchte Ihnen vorschlagen, Herrn Peter Fleetwood (Pontificio Consiglio
per la Cultura, Piazza S. Calisto 16, 1-00153 Roma) direkt zu schreiben und
ihm Ihr Buch zuzusenden.
Herzliche Grüße und Segenswünsche
Ihr + Joseph Kardinal Ratzinger
Am 13. Mär 2003 schrieb ich Ihnen und schickte Ihnen mein Buch. In meinem
Brief zitiere ich obigen Brief des Kardinals.
Sie antworteten mit mit E-mail am 2. April 2003. Sie zweifeln mit keinem
Wort an der Authentizität des Briefes von Kardinal Ratzinger, noch gibt es
den leisesten Hinweis darauf, dass Sie von Kardinal Ratzinger beauftragt
worden wären, Harry Potter zu begutachten. Sie wiederholen Ihre private
positive Meinung über die Harry Potter-Serie und legen ein Fax bei, das Sie
an den Päpstlichen Rat der Kultur geschickt haben (s.o. 6. Februar 2003).
Sie beziehen sich auf Father Peter Milward, "dessen Urteil über dieses Thema
Sie der Beachtung für weit würdiger halten als mein [Ihr] eigenes".
Ich antwortete Ihnen auf diese E-mail mit Brief vom 11. April 2003.
Brief von Gabriele Kuby an Peter Fleetwood vom 11. April 2003:
"Es überrascht mich, dass Sie "Father Milwards Urteil der Beachtung für
weit würdiger halten als mein [Ihr] eigenes", aber das Urteil Kardinal
Ratzingers überhaupt keiner Beachtung für wert halten. Kardinal Ratzinger
sagt, dass Harry Potter "das Christentum in der Seele zersetzt, ehe es
überhaupt recht wachsen konnte". Ist das nicht eine Aussage, die man sehr
ernsthaft in Betracht ziehen sollte, wenn sie vom obersten Hüter unseres
Glaubens geäußert wird?
Sie sagten, Ihre Aussagen seien nur Ihre persönliche Meinung. Da diese durch
Ihre Position enorm vergrößert wird, bleibt Ihre Meinung nicht "persönlich",
sondern trägt die Last großer Verantwortung."
In der Zwischenzeit hatte ich einen weiteren Brief von Kardinal Ratzinger
erhalten, in dem er mir gestattete, mich auf sein Urteil gegen Harry Potter
zu berufen.
Brief an Kardinal Ratzinger an Gabriele Kuby am 27 May 2003
Sehr geehrte, liebe Frau Kuby!
Irgendwie ist ihr Brief in der Masse der Namenstags-, Geburtstags- und
Osterpost untergegangen. Endlich ist dieser Stapel abgetragen, so daß ich
Ihnen gern gestatten kann, sich auf mein Urteil über Harry Potter zu
berufen.
Herzliche Grüße und Segenswünsche
Ihr + Joseph Kardinal Ratzinger
Auf einer Weihnachtskarte 2003 fügt Kardinal Ratzinger handschriftlich
hinzu:
"Herzlichen Dank für Ihren mutigen Einsatz gegen Okkultismus und Magie."
Klingen diese Briefe Kardinal Ratzinger wie "Standardantworten eines
Assistenten"? Ist es notwendig, mir indirekt "Neid" als Motivation zu
unterstellen? Sind Sie von Kardinal Ratzinger offiziell beauftragt worden,
die Harry Potter-Serie zu begutachten?
Lieber Mr. Fleetwood, Sie und ich glauben an eine Gesellschaft, in der
unterschiedliche Meinungen artikuliert werden können. Als Priester und
Berater des Päpstlichen Rates für die Kultur bitte ich Sie, Ihre Äußerungen
und "Vermutungen" zu korrigieren, die nicht mit der Wahrheit übereinstimmen.
Ich werde eine Kopie dieses Briefes an Radio Vatikan schicken und an jedes
andere Medium, in dem diese falschen Informationen verbreitet werden.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihre Gabriele Kuby
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