
Rom (www.kath.net) Ungeheure Erleichterung ist das Erste in den Zügen Papst Benedikt XVI. - Er reißt die Arme über dem Petersplatz hoch wie ein Boxer. Alle Erdenschwere, die Joseph Kardinal Ratzinger bis gestern noch oft gedrückt und gefesselt zu haben schien, ist plötzlich von ihm abgefallen. Noch einmal reißt er die Arme hoch, und noch einmal!
So hat ihn noch nie jemand gesehen und er sich auch selber nicht. Nichts ist ihm zu groß, die purpurrote Prachtstola nicht, nicht das weiße Käppi, nicht einmal die Schuhe seines Vorgängers, dessen Nachbar und engster Vertrauter er über zwei Jahrzehnte war. Gestern noch ist er unbemerkt mit seinem Sekretär in einen kleinen Golf eingestiegen, ab heute ist er umgezogen, keine hundert Meter weiter, nur über die Straße hinweg, von der Piazza della Città Leonina in den Apostolischen Palast.
Doch jetzt sieht es aus, als hätte er am Himmel eine Wohnung genommen, als könne er gleich fliegen. Die alte Wohnung wird er wohl nie wieder sehen. Unbeschreiblicher Jubel empfängt ihn auf dem Sessel Petri, zuerst von den Massen auf dem Petersplatz, dann von den Römern, dann den Italienern und endlich von der verblüfften Welt und mehr noch von der Weltkirche, die plötzlich von einem der brillantesten und profiliertesten Köpfe des Erdballs geleitet und geführt wird.
Das ist wahrhaftig ein Epochenwandel. Seit dem Zeitalter Descartes’ und Voltaires hat es das nicht mehr gegeben: der klügste Kopf Europas auf dem vornehmsten Sessel des Abendlands, aus dem Land Martin Luthers, nachdem Generationen von Intellektuellen der Kirche den Rücken gekehrt haben.
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Eine dünne weiße Rauchfahne hat diesen Wandel eingeleitet, um 17.45 Uhr, der skeptisch von Millionen Augenpaaren beobachtet wird. Ist sie weiß, ist sie nicht doch wieder grau? Ändert sich die Farbe nicht wieder? Nein, endgültig, es ist weiß, nur der Himmel ist grau. Und da ist auch schon klar: so schnell kann die Wahl nur Joseph Ratzinger unter allen Kardinälen gewonnen haben, der erste Deutsche seit Jahrhunderten in den Schuhen des Fischers Simon vom See Genezareth.
Augenblicklich bricht das Telefonnetz zusammen. Freude wirbelt hoch, Lachen und Rufen aus tausend Kehlen. Sie weht wie ein Sturm über die tausend Köpfe hinweg der Peterskuppel entgegen. Sie steigert sich, als die Glocken einsetzen: zuerst langsam, bedächtig, bis sie zu einem letzten tobenden Crescendo anwachsen, für fast zwanzig Minuten. Jetzt erst löst sich vollends alles Zögern und jeder Zweifel in letztem Jubel.
Kein Fußballstadion hat dieses Toben je gesehen. Es fängt schon an, bevor der neue Papst vor die Menge tritt. Leichter Regen setzt ein, tropfenweise, wie Tränen. Alle Scheinwerfer springen um den Platz an, über den Säulen Berninis, über den Häusern in der Nachbarschaft, vom Platz Pius XII her, auf den Hügeln des Gianicolo, gleißend hell im Licht dieses Spätnachmittags. Die Sonne kommt hervor. Es regnet weiter.
Irgendwo müsste gleich ein Regenbogen über dem Platz aufleuchten. In den Kolonnaden nähern sich Trommelwirbel. Die Schweizer Garde zieht ein, in ihren prächtigsten Uniformen. Hinter ihnen Kapellen der Carabinieri, des italienischen Heers, der Marine, der Luftwaffe. Plötzlich werden die Vorhänge hinter der gläsernen Tür über der Loggia zurück gezogen. Der rote Samt fällt zusammen, als Kardinal Estévez vortritt und ruft: „Annuntio vobis gaudium magnum; habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI. – Ich verkünde euch eine große Freude: Wir haben einen Papst. Es ist der ehrwürdigste Herr Joseph Kardinal Ratzinger, der sich den Namen Benedikt XVI. gegeben hat.“
Dann erst kommt der neue Papst selbst nach vorne. „Liebe Brüder und Schwestern“, sagt er vor seinem ersten Segen, „nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Kardinäle mich gewählt, einen einfachen und demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn. Mich tröstet, dass der Herr auch mit ungenügenden Werkzeugen arbeiten und handeln kann und vertraue mich vor allem euren Gebeten an. In der Freude des Auferstandenen und im Vertrauen auf seine fortwährende Hilfe gehen wir weiter. Der Herr wird uns helfen, und Maria, seine heiligste Mutter, wird an unserer Seite sein. Danke!“
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