
Vatikan (www.kath.net /welt)
Der Sakristan öffnet die letzte Tür eines schweren Tresors. Hoch oben,
in einem der vier Pfeiler der Kuppel des Petersdoms, nimmt der
Sakristan einen reich bestickten Brokatvorhang ab und tritt einen
Schritt zurück vor dieser innersten und geheimsten Schatzkammer des
Doms. Sofort erkenne ich den Schleier der Veronika im Schatten: den
verschwiegensten Schatz des Vatikans. Noch nie hat ein Journalist die
Kronreliquie der Christenheit von Nahem sehen dürfen - und auch sonst
kaum ein gewöhnlicher Sterblicher.
Denn das so genannte Schweißtuch der Veronika umgibt seit vierhundert
Jahren ein delikates Geheimnis. Bis zum Zeitalter des Barock hat es
unter Christen den Glauben verbreitet, dass ihnen der unsichtbare Gott
sein Antlitz hinterlassen habe. „Vera eikon“ (wahres Bild) oder
einfach: „La Veronika“ nannten sie deshalb den Schleier, dem auf
rätselhafte Weise das Gesicht Christi eingeprägt war. Dante und
Petrarca haben es besungen, viele Maler haben es gemalt. Mit der
„Veroniken thun und geben sie für, es sei unseres Herrn Angesicht in
ein Schweißtüchlein gedruckt“, schrieb Martin Luther jedoch schon 1545
in seiner letzten großen Streitschrift über die „teuflischen“
Machenschaften des Papsttums.
Denn diese Ikone und nicht die Tugend der Päpste hatte ja vor allem
Millionen Menschen mit ihren Dukaten und Talern nach Rom gezogen. Das
Tuchbild war ein Magnet, den die Nachfolger Petri schon seit dem 8.
Jahrhundert in ihrer Schatzkammer verwahrten. Kein Gold der Welt hätte
es aufwiegen können.
Ob Luther die Reliquie selbst je gesehen hat, ist
schleierhaft. „Es ist nichts denn ein schwartz Bretlin, viereckt“,
beschrieb er es spöttisch, „da henget ein klaret lin für, darüber ein
anderes klaret lin, welches sie auffzihen, wenn sie die Veronica
weisen. Da kann der arm Hans von Jene nicht mehr sehen denn ein klaret
lin für einem schwarzen bretlin“.
Ob der arme Hans von Jena nicht doch noch mehr gesehen hat als nur ein
klares Linnen, ist schwer zu ermitteln. Denn von nahem bekamen es
schon damals nur noch die Kanoniker von Sankt Peter zu sehen, sonst
niemand. König Friedrich III. von Habsburg musste sich deshalb in der
Mitte des 15. Jahrhunderts eigens zum Domherren weihen lassen, um die
Veronika aus der Nähe betrachten zu dürfen, ähnlich kurz danach König
Christian von Dänemark.
Bis heute wird die Reliquie zwar jeweils am
zweiten Sonntag vor Ostern in einer besonderen Zeremonie von einem
Balkon hoch unter der Peterskuppel für etwa drei Sekunden gezeigt.
Doch es gibt kein Foto von ihr. Das ist fast so, als gäbe es auch kein
Foto des Turiner Grabtuchs. Große Peinlichkeit umgibt die kostbarste
Reliquie der Päpste längst wie ein zweiter Schleier - hinter dem auch
die alte Vorstellung längst peinlich geworden zu sein scheint, Gott
könnte je sein Gesicht gezeigt haben.
Werbung
Unmoderneres ist ja kaum zu
denken. Es gibt Stimmen, die munkeln, das Bild wäre überhaupt schon
vor langem gestohlen und durch eine Attrappe ersetzt worden. Schon in
der Zeit des „sacco di Roma“, als deutsche und spanische Landsknechte
Rom verwüsteten, soll das Original verschwunden sein, oder später, als
verbitterte Kanoniker die Veronika beiseite schafften, bevor es von
der alten in die neue Petersbasilika transportiert werden sollte.
Im Jahr 1506 hat Bramante den Grundpfeiler des neuen Petersdoms zwar
noch eigens als dicksten Tresor der Christenheit für die Veronika
errichtet. Doch ausgerechnet seit jener Bauzeit hat sie kaum jemand
mehr von nahem gesehen. Hinter der Sakristei des Petersdoms wird immer
noch der kostbare alte Rahmen des Bildes verwahrt. Jedoch ist das Glas
zerbrochen und das hintere Futter heraus gerissen. Nur die alten Maße
des Originals gibt er noch frei. Das alte Sichtfeld war nicht größer
als 25 mal 25 Zentimeter. Das zerbrochene Glas scheint stumm von einer
Geschichte zu berichten, die noch niemals erzählt worden ist.
Das ändert sich erst in diesen Tagen. „Ausnahmsweise“, hieß es in
einem Brief, den ich kürzlich aus dem Vatikan bekam, erlaube mir der
Präsident der Dombauhütte, die Veronika zu sehen, auch wenn „die
Reliquie, die in der Höhe des Pfeilers verschlossen ist, in einem sehr
schlechten Zustand und unerkennbar ist“. Doch keine Fotos, bitte! In
Sankt Peter möge ich nach einem Signore Mauro fragen, dem Sakristan
des Petersdoms. Zur Zeit der Vesper schloss er mir vor gut einer Woche
also die Tür im Fuß einer Kuppelsäule auf.
Ein schmaler Gang führt in dem Pfeiler zu einer Wendeltreppe. 62
Stufen führen in dem Schneckenhausgewinde nach oben, bis wir plötzlich
wieder den Gesang der Vesper aus der Tiefe des Doms hören können. Eine
Kammer öffnet sich ins Freie. Das innerste Verlies des Vatikans ist
kein Verlies, im Gegenteil. Der Flur von der Breite eines Zimmers ist
an beiden Längswänden mit purpurroten Wandteppichen ausgemalt. Nach
vorne führt er über den Balkon ins Freie des mächtigen Raums der
Basilika, in vielleicht dreißig Metern Höhe.
Der Sakristan hat eine verschlissene alt-rote Damasttasche dabei mit
silbernen Bordüren, aus der er nun vier schwere Schlüssel hervor holt,
dazu ein kleines handgeschriebenes Büchlein, nach dessen minutiöser
Anleitung er als erstes ein großes Gitter zur Rechten aufschließt.
Dahinter schiebt er ein dunkelrotes Tuch zur Seite, setzt in die
nächste schwere Eisentür zwei Schlüssel gleichzeitig links oben und
unten in passende Schlüssellöcher, dreht sie und schließt mit dem
letzten Schlüssel dreimal schnappend drei weitere kleine Schlösser
auf, die wohl einem anderen Mechanismus folgen müssen. Danach schlägt
er die schwere Eisentür lautlos nach links herum auf, nimmt den
schweren Silberrahmen mit dem Schleierbild aus dem Tresor und stellt
ihn nebenan in eine Nische vor meine Augen.
Die echte Veronika! Ich gehe nach links, nach rechts und muss mich fast
zwingen hinzusehen. Da ist ganz und gar nichts zu erkennen. Es ist ein
Objekt in Auflösung: ein fleckiger dunkler Stoff ohne jede Kontur.
Ohne jede Zeichnung oder Farbe oder andere Bildspuren. Von einem
Gesicht, oder auch nur der Idee eines Gesichts kann keine Rede sein.
Nur der Ausschnitt einer Goldverkleidung verleiht ihm von ferne die
Ahnung eines Gesichtsschnitts. Ich tastet mit dem Strahl meiner
Stablampe das Gewebe ab: doch es ist kaum auszumachen, dass es
überhaupt Gewebe ist. Das Bild ist eine Ruine. Es ist ein Rätsel, was
es jemals war oder gewesen sein mochte.
Ich holte ein Metermaß aus meiner Manteltasche. Das „Bild“ misst mit
der Goldabdeckung 32 x 20 Zentimeter; die Aussparung für das „Gesicht“
vom oberen „Scheitelpunkt“ bis zur „Bartspitze“ 28,3 Zentimeter und
von links nach rechts 12,7 Zentimeter. Es passt überhaupt nicht in den
alten Rahmen. Es kann nicht die wahre Veronika, es muss eine uralte
ererbte Fälschung sein.
Als ich wieder unten stand, dauerte die Vesper immer noch an. Ich
drängte zum Hauptaltar, um besser zu der Brüstung hinaufschauen zu
können, hinter der ich gerade noch gestanden hatte. Nie gehörtes
Glockengeläut kam aus der Säule, dann kamen zwei Domherren vor den
Rand des Balkons, hoben das Reliquiar der Veronika zum Segen
kreuzweise einmal nach oben und einmal nach links und einmal rechts.
Es war zu weit für ein taugliches Foto des Objekts. Doch jetzt wusste
ich: man erkennt von unten soviel wie oben – nichts.
Das Bild Gottes ist der Christenheit in ihrem Zentrum in Rom abhanden
gekommen, vor langer Zeit schon, mit ungeheuren Auswirkungen für eine
immer bildärmere und wortreichere Theologie - für die katholische wie
für die reformatorischen Kirchen. Ab jetzt aber - ab Ostern 2005 -
darf und muss das wahre Bild Christi neu gesucht werden. Es ist nicht
mehr in Rom.
Wo aber ist es geblieben? Es wird doch nicht verloren
sein. Ein „nicht von Menschenhand gemachtes“ Bild, wie es früher hieß,
das den alten Kopien und Beschreibungen der Veronika entspricht und
auch in den alten Rahmen hinter der Sakristei des Petersdoms passt,
wird doch nicht einfach verschwunden sein: ein „klaret Lin“, das etwas
vom durchsichtigen Gesicht der Güte Gottes zeigt.
Foto: © Manfred Ferrari
|